Joachim Lottmann
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Feature | Frankfurter Buchmesse Wie gemein darf Literatur sein, Herr Lottmann?

Der Schriftsteller und Journalist Joachim Lottmann, Autor von "Mai, Juni, Juli" gilt als Enfant terrible der deutschen Popliteratur. In seinen Romanen gibt es eine hohe Promidichte: Schriftsteller, Künstler, Politiker. Mit wenig schmeichelhaften Darstellungen einiger Zeitgenossen hat er sich viele Feinde gemacht. Ist er wirklich so böse, wie manche behaupten? Eine Annährung von Lorenz Schröter.

Joachim Lottmann
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Joachim Lottmann ist seit 30 Jahren ein lustiger und sehr böser Chronist der deutschen Boheme und Subkultur. Pro Jahr veröffentlicht er ein oder zwei tagebuchartige Romane und jedes Mal muss der Verlag Angst haben, ob er wegen Beleidigung verklagt wird. Lottmann schreibt alles auf, was um ihn passiert und wie er die Welt sieht. Was er schreibt, ist aber nicht immer wirklich passiert. Und manchmal ist, was er schreibt auch gemein. Im Feature von Lorenz Schröter kommen seine Opfer zu Wort, die Romanvorlagen erzählen ihre Geschichte über den lügnerischen sogenannten Erfinder der Popliteratur.

Der Schriftsteller Joachim Bessing weiß zu berichten, Lottmann sei immer tadellos angezogen und bringe sich seine eigenen Getränke mit. Die Modemacherin Julia Heuse, seit vielen Jahren mit Lottmann befreundet, erinnert sich, wie er bei seinem ersten Besuch im Bad verschwand und spontan ein Schaumbad nahm. Der Drehbuchautor Malte Welding findet, Lottmann wirke völlig lebensuntüchtig. Klingt alles recht harmlos, ein komischer Kauz mit Altherrengehabe?

Autor Holm Friebe vermutet bei Lottmann "eine Kombination aus zwanghafter Disharmoniesucht" und einer Art "universellem Lebenskunstansatz": Literatur vierundzwanzig Stunden am Tag. Julia Heuse meint: "Ich glaube er ist kein böser Mensch. Er kann aber sehr, sehr böse sein. Er findet intuitiv oder auch wissentlich den Punkt, wo es weh tut bei anderen." Nachdem er sehr private Dinge von ihr einem seiner Romane verarbeitet hatte, brach sie ein Jahr lang den Kontakt ab.

Ich glaube er ist kein böser Mensch. Er kann aber sehr, sehr böse sein.

Julia Heuse über Joachim Lottmann

Auch Malte Welding wurde bei Lottmann verewigt. Aber schlimmer, als die Attacken auf ihn, empfand er die Beschreibung seiner Freundin im Roman, in die Lottmann vermutlich verliebt war. Auf einer Party hat er Lottmann umgehauen, vielleicht hat er ihm aber auch nur eine Ohrfeige gegeben und Lottmann ging theatralisch zu Boden.

Lottmann hat sich mit vielen zerstritten, über die er geschrieben hat. Tut es ihm leid? Dass es dann einen Bruch gab, meint der Autor, habe ihm immer sehr weh getan. Dabei hat er nicht nur Freunde verloren. Sein Zerwürfnis mit dem Maler Manfred Kippenberger, behauptet er, hätte dazu geführt, dass er zehn Jahre lang nichts veröffentlichen konnte. Sein Debüt "Mai, Juni, Juli" erschien 1987, sein zweiter Roman "Deutsche Einheit" erst 1999.

Das Etikett "Erfinder der Popliteratur" hat Lottmann nie gestört, er hat es quasi an sich gerissen. Jetzt, da er älter geworden ist, wäre er froh, mal seriöser eingeordnet zu werden. Und hofft, nach Jahren des Hungers und in Armut endlich zum Klassiker aufzusteigen. Sein Vorbild ist Goethe. Ein Goethe, der Wartburg fährt und ein Kuscheltier hat und in brasilianischen U-Bahnen Salsa tanzt.

Mein letztes Buch ist komplett umgeschrieben worden. Das ist jetzt so zurecht geschliffen worden von einer ganzen Gruppe von Lektoren und dem Cheflektor, dass man das eben als seriöses, gut abgehangenes Spätwerk verkaufen kann und nicht mehr als Popliteratur.

Joachim Lottmann

Lottmanns neuer Roman ist im Frühjahr erschienen. Der Titel: "Alles Lüge".

Über den Autor

Der Schriftsteller und Journalist Lorenz Schröter, geboren 1960, besuchte die Waldorfschule in München und wurde Anfang der 80er-Jahre als Punk-Musiker bekannt. Er studierte Kommunikationswissenschaft in München und startete anschließend eine Journalistenlaufbahn, schrieb unter anderem für die Magazine Elaste und Tempo. Im Zündfunk auf Radio Bayern 2 machte er seine ersten Hörfunkerfahrungen. Lorenz Schröter unternahm ausgedehnte Reisen. 1987-1989 fuhr er mit dem Fahrrad um die Welt, 1998 zog er mit einem Esel quer durch Deutschland. Lorenz Schröter schreibt Radio-Features für verschiedene Hörfunksender der ARD. Für den MDR schrieb er gemeinsam mit Nikolai von Koslowski das Feature "Der verwegene Baron" (2016).

Informationen zur Sendung MDR KULTUR Feature
Frankfurter Buchmesse
Wie gemein darf Literatur sein, Herr Lottmann?
Feature von Lorenz Schröter

Mit: Julia Heuse, Heike Melba Fendel, Malte Welding, Joachim Bessing, Holm Friebe, Helge Malchow, Andreas Neumeister und Joachim Lottmann.

Sprecher: Antonia Bill, Michael Evers und Lorenz Schröter

Redaktion und Regie: Mareike Maage
Produktion: RBB 2017 | Ursendung

Sendung:
11.10.2017 | 22:00-23:00 Uhr

Sie können die Sendung hier nach der Ausstrahlung bis zum 18.10.2017 hören.

Zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2017, 13:59 Uhr