CD-Kritik: Leonard Cohen - "You Want it Darker" Der neue Cohen: "Etwas fehlt"

Mit "You Want it Darker" erscheint ein neues Album der kanadischen Lyrikers und Sängers Leonard Cohen. Seit seinem 1967er Welthit "Suzanne" und Songs wie "Bird on a Wire" oder "Hallelujah" ist er eine Legende. Produziert hat das aktuelle Album des mittlerweile 82-Jährigen sein Sohn, Adam Cohen. Sky Nonhoff hat sich das Album angehört und vermisst den bitter-ironischen Sänger, obwohl es auch Lichtblicke gibt.

Leonard Cohen
Leonard Cohen scheint müde geworden zu sein Bildrechte: dpa

Leonard Cohen wollte so groß sein wie die Dichter William Butler Yeats und Federico Garcia Lorca, doch seine beiden Romane lagen wie Blei in den Buchhandlungen. Er suchte nach Erleuchtung in einem buddhistischen Kloster, doch hinterher räumte er ein, er hätte dort bloß mit seinem Zen-Meister um die Wette gesoffen. Er wollte ein höchst begehrtes Mädchen erobern, doch die ließ ihn nicht ran.

Der Song über diese unerwiderte Liebe - "Suzanne" heißt er - verkaufte immerhin einige Millionen Einheiten und machte Cohen vor knapp fünfzig Jahren zum Superstar "der Introvertierten, der enttäuschten Platoniker und einsamen Onanisten", wie er es selbst formuliert hat.

Scheitern als Inspiration

Leonard Cohen
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Leonard Cohens Songs kreisen fast ausschließlich um dasselbe Thema: das Scheitern als existenzielle menschliche Erfahrung. Auf seinem mittlerweile 14. Album, das von einem Rabbinerchor eingeleitet wird, geht es gleichsam liturgisch schwermütig um Vergänglichkeit, Sterblichkeit, Todesnähe und das Erlöschen des Testosterons. Kein Wunder: Der greise Kanadier ist mittlerweile 82.

Neulich hat er bei einer Pressekonferenz kokettiert, er sei bereit zu sterben, dann aber eingeschränkt, er wolle weitermachen, bis er 120 sei. Die Chancen stehen gut: Sein Zen-Meister Roshi wurde immerhin 107 Jahre alt.

Etwas fehlt

Sein Album, dominiert von Kirchenorgel, sparsamen Violinen und minimalistischem Piano, ist das Selbstporträt eines libidomüden Nestors im Spiegel von Liebeslyrik und religiösen Motiven.

Die erzkonservativen Arrangements der Songs erstarren ein ums andere Mal in seichtem Country-Blues und tausend Mal gehörtem Soundtapeten-Soul.

Sky Nonhoff, MDR KULTUR-Kritiker
CD Cover: Leonard Cohen -
Leonard Cohens Album "You Want it Darker" ist bei Sony Music erschienen Bildrechte: Sony Music

Auf "You Want It Darker" findet sich keine Spur jenes bitter-ironischen Leonard Cohen, der einst seinen Hörern riet: "Don’t go Home With a Hard-on" - Geht bloß nicht mit einem Ständer nach Hause.

Tatsächlich erinnern seine Texte nun ein ums andere Mal an Hermann Hesses Poesiebaukasten - "Gute Nacht, mein gefallener Stern" heißt es etwa in der mandolinengeschwängerten Ballade "Traveling Light", die mit ihrem La-la-la-Chor ungefähr so klingt, als hätten Tom Waits und Udo Jürgens eine neue Version von "Griechischer Wein" erfunden.

Lichtblicke

Einst wollte Cohen der kanadische Bob Dylan werden. Und einmal kommt er tatsächlich nahe dran, im vorletzten Song des Albums "Steer Your Way". Es ist eine leise, bleibende Komposition, die in Melodie, Kadenzen und innerer Spannung entfernt an Emmylou Harris’ klassische Country-Kantate "Jerusalem Tomorrow" erinnert. Und das ist ein tröstlicher Gedanke: dass sich in jedem Scheitern vielleicht doch ein kleiner Triumph verbirgt.

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2016, 15:42 Uhr