Die Schauspielerin Marlene Dietrich betört als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 die Männerwelt.
Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" Bildrechte: dpa

Doppelbiografie: "Fesche Lola, brave Liesel" Warum die Dietrich ihre Schwester verleugnete

Die eine sagte den Nazis den Kampf an, die andere ordnete sich brav unter. Nach 1945 verlor Marlene Dietrich nie wieder ein Wort über ihre Schwester. Doch heimlich hielt sie Kontakt zu Liesel. Heinrich Thies hat jetzt eine spannende Doppelbiografie auf Basis dieser bisher unveröffentlichten Korrepondenz geschrieben und erzählt eine sehr deutsche Familiengeschichte.

von Gabriele Denecke, MDR KULTUR-Autorin TV-Magazine

Die Schauspielerin Marlene Dietrich betört als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 die Männerwelt.
Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" Bildrechte: dpa

Die "göttliche Marlene" - sie ist die meist fotografierte Frau der Welt, mit den schönsten Beinen und den interessantesten Männern. Sie liebt auch Frauen, lebt scheinbar jenseits aller Konventionen, ohne Rücksicht darauf, "was die Leute sagen". Als "blauer Engel" feiert sie ihren Durchbruch. Bald nach der Premiere des Sternberg-Films reist "die fesche Lola" nach Amerika. In Hollywood wird die deutsche Polizistentochter zum Sexsymbol und zur Filmdiva. Ein Angebot von NS-Propagandaminister Goebbels, nach Deutschland zurückzukehren, lehnt sie ab. Sie hasst die Nazis. Als Truppenbetreuerin hält sie in den letzten beiden Kriegsjahren US-Offiziere und Soldaten mit ihren Shows bei Laune. Über ihr legendäres Leben gibt sie zuletzt 1976 Auskunft. Da lebt sie zurückgezogen in ihrem Pariser Appartement. Besucher sind unerwünscht. Für den Schauspieler und Produzent Maximilian Schell macht sie eine Ausnahme. Er darf eine Dokumentation über sie drehen. Schell fragt sie auch nach ihrer Familie.

Sängerin
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg gerne so tat: Marlene Dietrich war kein Einzelkind. Was sie über ihre Schwester herausfand, schokierte sie. Trotzdem hielt die Diva heimlich Kontakt zu "Liesel".

artour Do 09.11.2017 22:05Uhr 06:03 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Schell: "Haben Sie Geschwister?"
Dietrich: "Nein."
Schell: "So sind Sie praktisch mit der Mutter allein aufgewachsen?"
Dietrich: "Ja."

Die Lücken im Familienporträt

Marlene, ein Einzelkind, ein Solitär von Anfang an? Keineswegs. Autor Heinrich Thies erzählt uns, dass die Diva ihre Lebensgeschichte mehrfach umgedichtet hat und dass das Kinderfoto, das sie gern zeigte, nicht vollständig ist. Ein zweites kleines Mädchen - ihre Schwester Elisabeth - hat sie aus dem Bild geschnitten.

Sie hat immer wieder ihr Leben umgedichtet, hat sich selbst zur Legende, zum Mythos stilisiert.

Heinrich Thies, Autor

Das Umdichten fängt schon damit an, dass sie ihren Vater im Ersten Weltkrieg fallen lässt. Tatsächlich stirbt der Vater an den Folgen einer Syphilisinfektion. Ein peinliches Detail aus der Familiengeschichte, das viele verschweigen würden. Aber warum die eigene Schwester ganz verleugnen? Heinrich Thies forschte nach dem Grund, den er schließlich in einer ehemaligen Kasernenanlage der Wehrmacht in der Lüneburger Heide fand.

Marlene Dietrich mit Familie
Marlene Dietrich mit ihren Eltern und Schwester Elisabeth links im Bild Bildrechte: Deutsche Kinemathek / Marlene Dietrich Collection Berlin

Spurensuche in Bergen-Belsen

Dort lebt Elisabeth seit 1939 mit ihrer Familie, nur wenige hundert Meter vom Todeslager Bergen-Belsen entfernt. Dass es ihr dort gar nicht schlecht erging, erfährt Marlene nach Kriegsende. Schon am 7. Mai 1945 reist sie nach Bergen-Belsen, um ihre Schwester zu treffen. Ein britischer Offizier empfängt die prominente Besucherin auf dem Gelände. Später berichtet er über ihr Entsetzen, als sie hört, dass Liesel nicht etwa halbverhungert im Lager saß, weil ihre berühmte Schwester zu den Amerikanern überlief, sondern ins NS-System verstrickt war.

Dass Liesel in so unmittelbarer Nähe zum KZ mit ihrem Mann zusammen ein Kino betrieben hat, das von SS-Offizieren besucht wurde, und außerdem ein Kasino, in dem SS-Offiziere Champagner-Partys feierten - das war schon ein starkes Stück für eine Frau wie Marlene Dietrich.

Heinrich Thies, Autor

Stationen ihres Lebens Marlene Dietrich - unvergleichlich

Die Schauspielerin und Sängern zählt zu den ganz großen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sehen Sie sie noch einmal an verschiedenen Lebensstationen.

Die Schauspielerin Marlene Dietrich (1901-1992) in lasziver Pose. Undatierte Aufnahme
Das Licht perfekt gesetzt, so dass ihre hohen Wangenknochen hervortreten. So wurde Marlene Dietrich zur Ikone. Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin Marlene Dietrich (1901-1992) in lasziver Pose. Undatierte Aufnahme
Das Licht perfekt gesetzt, so dass ihre hohen Wangenknochen hervortreten. So wurde Marlene Dietrich zur Ikone. Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin Marlene Dietrich (aufgenommen als Kind 1906 in Berlin) wäre am 27. Dezember 2001 einhundert Jahre alt geworden.
So entzückend sah sie schon als Kind aus, hier auf einem Foto aufgenommen 1906. Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin Marlene Dietrich sitzt 1944 in Italien am Rande der Truppenbetreuung für US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg neben dem Komponisten Irving Berlin.
Die Schauspielerin setzte sich gegen das deutsche Naziregime ein und unterstützte die alliierten Soldaten, hier 1944 in Italien am Rande der Truppenbetreuung für US-Soldaten im Zweiten Weltkrieg neben dem Komponisten Irving Berlin. Bildrechte: dpa
Marlene Dietrich mit ihrem Mann Rudolf Sieber und der Tochter Maria, aufgenommen um 1931
Marlene Dietrich mit ihrem Mann Rudolf Sieber und der Tochter Maria, aufgenommen um 1931. Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin Marlene Dietrich betört als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 die Männerwelt.
Ihre Paraderolle: die Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 Bildrechte: dpa
Der Schriftsteller Erich Maria Remarque (r) gehörte neben dem Regisseur Josef von Sternberg (l) zu den wichtigen Männern im Leben der Schauspielerin Marlene Dietrich (M), aufgenommen 1939 in Hollywood.
Marlene verdrehte zahlreichen Männern den Kopf, so auch dem Schriftsteller Erich Maria Remarque (r.) Bildrechte: dpa
Die weltbekannte Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich traf am 03.01.1964 mit einer IL18 zu einem Gastspiel in der DDR ein
1964 kam die Diva zu einem Gastspiel in die DDR. Bildrechte: dpa
Schauspielerin Marlene Dietrich am 4. November 1963 auf der Bühne des Londoner Prince of Wales Theaters mit der Band "The Beatles" und dem Schauspieler und Sänger Tommy Steele (r)
Marlene war und ist auch Popkultur - hier mit den Beatles und dem Schauspieler und Sänger Tommy Steele (r). Bildrechte: dpa
Ein Graffiti mit dem Abbild von Marlene Dietrich ist an eine Häuserwand in Berlin gesprüht
Bis heute ist die Künstlerin populär, ein Graffiti zeigt sie an einer Berliner Hauswand. Bildrechte: dpa
Die Französin Genevieve Seroux ist eine glühende Verehrerin von Marlene Dietrich. Zwei- bis dreimal im Jahr reist Frau Seroux aus Paris an um am Grab der legendären Schauspielerin, auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau, Blumen niederzulegen
Das Grab der legendären Schauspielerin befindet sich auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau. Bis heute pilgern Fans aus aller Welt dorthin. Bildrechte: dpa
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Marlene singt für die GIs, Liesels Mann führt Truppenkino und Casino beim KZ

Die hat schließlich sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen aus Protest gegen die Nazis. Marlene tanzt und singt für die GIs. Liesel hört ihre Stimme in Bergen-Belsen, heimlich bei der BBC. Marlene singt "Lili Marleen", den Seelentröster der Soldaten, der sie für einen Moment das Sterben vergessen lässt. Für die Kampfmoral auf der anderen Seite sorgt Liesel mit ihrem Mann, in ihrem Truppenkino für Wehrmachtssoldaten und SS-Offiziere laufen Durchhaltefilme und Ufa-Schmonzetten.

Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass beide auf ganz unterschiedlichen Seiten der Weltgeschichte was ganz ähnliches gemacht haben.

Marlene Dietrich ist Thies zufolge erschüttert über das Fehlen jeglichen Schuldbewusstseins bei ihrer Schwester gegenüber dem Grauen, das sich nur wenige hundert Meter entfernt abgespielt hat. Das Wegschauen beim Anblick der ausgemergelten Gestalten, das Schließen der Fenster, wenn der Rauch aus dem Krematorium bis in die Wohnung zog. Sie hängt an der Schwester, aber zugleich schämt sie sich für sie, fürchtet wohl, dass ihr Image von der unbedingten Nazi-Gegnerin unglaubwürdig wird. Deshalb - so Thies - kommt es zwischen den Schwestern damals in Bergen-Belsen zu einer Abmachung.

Der Deal bestand darin, dass Liesel sich ausradieren lässt, keine Interviews gibt, sich nicht fotografieren lässt und dafür sehr, sehr großzügig von Marlene unterstützt wird.

Unveröffentlichte Briefe

Im Nachlass der Marlene Dietrich Collection in Berlin hat Heinrich Thies den Briefwechsel der Schwestern gefunden, der über ihre Beziehung Auskunft gibt. Unbemerkt von der Öffentlichkeit halten sie Kontakt. Marlene erzählt von Filmpremieren, Männergeschichten, einer glamourösen Welt. Liesel, die einst als Lehrerin arbeitete und später als Hausfrau und treue Gattin in Bergen-Belsen endete, verleugnet sich wie gewohnt selbst und schreibt ihrer Schwester: "Von ganzem Herzen danke ich Dir, dass Du mich nicht erwähnst, ich finde es sehr vornehm und fein von Dir, dass Du es nicht tust."

Bis an ihr Lebensende wird Marlene Dietrich nicht mehr über ihre Schwester sprechen. Als Liesel nach einem Wohnungsbrand stirbt, steht Marlene in London auf der Bühne. Zur Beerdigung fährt sie nicht. Die Abmachung von Bergen-Belsen gilt über den Tod hinaus.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 09. November 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 07:56 Uhr

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