Deborah Feldman, US-amerikanische Autorin, aufgenommen am 03.11.2016 während der ZDF-Talksendung Maybrit Illner zum Thema Sex, Lügen, E-Mails - Schlammschlacht ums Weiße Haus
Deborah Feldman Bildrechte: dpa

Sachbuch der Woche | Deborah Feldman: "Überbitten" Der Weg von der ultraorthodoxen Gemeinde zur "globalen Jüdin"

Eine junge Frau entflieht einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York. Gemeinsam mit ihrem Sohn beginnt sie ein völlig neues Leben und reist zu den Wurzeln ihrer Familie und Gründen ihres Glaubens. Bereits in ihrem Bestseller "Unorthodox" schrieb Deborah Feldman über ihre Kindheit innerhalb der Glaubensgemeinschaft. Ihr zweites Buch "Überbitten" handelt nun eindrücklich und bewegend davon, wie sie in Europa zu sich und zu einer neuen Heimat findet.

von Bettina Baltschev

Deborah Feldman, US-amerikanische Autorin, aufgenommen am 03.11.2016 während der ZDF-Talksendung Maybrit Illner zum Thema Sex, Lügen, E-Mails - Schlammschlacht ums Weiße Haus
Deborah Feldman Bildrechte: dpa

Flucht in die Gegenwart

Sieben Jahre umfasst die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird. Es sind die sieben Jahre nach Deborah Feldmans Ausbruch aus einer ultraorthodoxen-chassidischen Gemeinde in Williamsburg, New York. Eine Gemeinde, die nach dem Holocaust von ausgewanderten europäischen Juden gegründet wurde, jede Art der Modernisierung ablehnt und strengen Regeln folgt. Deborah Feldmans Muttersprache ist Jiddisch, sie wächst bei ihren Großeltern auf, die der traumatisierten Generation der Holocaustopfer angehören. Kein Ort für eine glückliche Kindheit. Zunächst flüchtet sich Deborah Feldman - die schon früh das Gefühl hat anders zu sein - aus der Enge und Isolation in die Literatur, die sie nur heimlich lesen kann, denn außer religiösen Texten ist keine Lektüre vorgesehen. Als sie mit einem chassidischen Mann verheiratet wird und bald ein Kind bekommt, hält sie es noch zwei Jahre aus, dann flüchtet sie nach Manhattan. Hier wird sie nicht nur mit dem modernen Alltag in einer Großstadt konfrontiert, sondern beginnt auch Fragen zu stellen.

War ich denn wirklich auf dieser Welt, um die die Familie wieder aufzufüllen, wie mein Großvater es behauptet hatte? Lag es an mir, ihre Seelen neu zu gebären, damit sie wieder leben konnten? Oder genügte es nicht, dass ich ihre Spuren zurückverfolgte, damit sie sichtbar werden konnten, damit ihr Andenken in meinem Geiste für immer fortbestehen konnte?

Deborah Feldman

Reise in die Vergangenheit

Langsam fasst Deborah Feldman Fuß in der ihr fremden Welt. An einem College findet sie Freunde, beginnt zu schreiben und zu reisen. Dass ihr erstes Buch "Unorthodox" ein unverhoffter Bestseller wird, ermöglicht ihr, bald weitere Kreise zu ziehen. Als sie das erste Mal nach Paris fliegt, ist sie fasziniert, überfordert und überrascht angesichts der Vielfalt jüdischen Lebens. Doch während Pariser Juden New York für ein "Judenparadies" halten und ihr von Diskriminierungen erzählen, begreift Deborah Feldman, dass Williamsburg für die chassidische Gemeinde nur eine Art "selbstgewähltes Ghetto" ist.

Wie konnte mir nur entgangen sein, dass es auf der ganzen Welt jüdische Gemeinden gab, deren Praktiken und Ansichten nichts mit den meinen zu tun hatten, und die doch unserem gemeinsamen Erbe ebenso verbunden waren wie jede andere auch?

Deborah Feldman

Deborah Feldman beschließt, eine "globale Jüdin" zu werden, um das vollständige Spektrum des Judentums zu erfassen. Immer wieder kehrt sie nach Europa zurück. In Ungarn findet sie das Haus, in der ihre Großmutter aufgewachsen ist, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde, das sie als einzige von elf Geschwistern überlebt hat. Hier scheint es der Autorin, als ob ihr die ganze jüdische Familiengeschichte in die DNA eingeschrieben ist.

Ich war überzeugt, dass die Angst, die in meinen Adern floss, das Resultat von mehr als nur meiner Kindheit war, dass sie Teil einer umfassenderen, zusammengesetzten Erbschaft war, von der ich wiederum nur einen bruchstückhaften Teil bildete, um sie zu lindern, musste ich die alten Brüche aufsuchen und heilen.

Deborah Feldman

Ein neues Zuhause

Es kostet sie Überwindung, aber schließlich reist Deborah Feldman auch in das Land der Holocaust-Täter, nach Deutschland. Und ausgerechnet in Berlin entwickelt sie unerwartete Heimatgefühle, fühlt sich in dieser Stadt, die zu großen Teilen aus Zugereisten und Eingewanderten besteht, seltsam aufgehoben. Bald erkennt sie, dass ihr Zuhause nicht an einem bestimmten Ort gebunden ist, sondern dass sie es nur in sich selbst finden kann.

Es ist das Wandern, das mir das Gefühl von Zuhause vermittelt.

Deborah Feldman

Weil sie in Amerika immer wieder vom Heimweh nach Europa geplagt wird, beschließt Deborah Feldman schließlich, ganz in die alte Welt zu ziehen. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Berlin und es ist der für unsere Ohren ungewohnte Titel des Buches, der ihr Leben passend beschreibt. Denn "Überbitten", ein Wort, das vom jiddischen "Iberbeten" kommt, bedeutet so viel wie einen Streit überwinden, Frieden schließen, mit dem Glauben, mit den Menschen, mit sich selbst. Und so erzählt dieses kluge und reflektierte Buch auf bewegende und eindrückliche Weise nicht nur von der Emanzipation einer jungen Frau. Es erzählt darüber hinaus ganz allgemeingültig vom Ringen um Unabhängigkeit, vom Mut, den eigenen Instinkten zu folgen, vom Glauben und von Versöhnung.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 09.08. 2017 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2017, 11:15 Uhr

Informationen zum Buch

Buchcover - Deborah Feldman: Überbitten
Bildrechte: Secession Verlag

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Autobiographische Erzählung
Deborah Feldman: "Überbitten"
Aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska
Erschienen im Secession Verlag
Gebunden, ohne Schutzumschlag
704 Seiten, 28 Euro
ISBN 978-3-906910-00-0

Sachbücher bei MDR KULTUR

Buchcover - Robert Forster: Grant & Ich
Bildrechte: Verlag Heyne Encore

Robert Forsters Leben, die australische Band The Go-Betweens und die Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft - Ulrich Rüdenauer stellt das neue Buch von Robert Forster vor.

MDR KULTUR - Das Radio Di 17.10.2017 13:40Uhr 04:06 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Buchcover - Peter Wohlleben: Hörst du, wie die Bäume sprechen?
Bildrechte: Oetinger

Diesmal betritt Peter Wohlleben neues Terrain: Er hat ein Kinderbuch geschrieben. Kinder sollen mit dem Buch den Wald kennenlernen. Das gelingt mit viel Spaß und Überraschungen, findet Rezensentin Karolin Dörner.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 13.10.2017 13:10Uhr 04:06 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Flüchtlinge
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"artour Spezial" zur Frankfurter Buchmesse: Emanuelle Carrères"Brief an eine Zoowärterin in Calais" "Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung schauen"

Emanuelle Carrère: "Brief an eine Zoowärterin in Calais"

Carrère schaut in seinem Reportage-Band nicht auf das größte Flüchtlingscamp Europas, sondern auf die Einwohner von Calais. Für ihn ist die Situation ein Sinnbild für Politikversagen und zur Schau gestelltes Mitleid.

artour Do 12.10.2017 22:05Uhr 04:33 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Filmszene
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Können wir uns schlechte Laune heute eigentlich noch leisten, wenn ringsherum die Welt immer gut drauf ist? Ja! Andrea Gerk hat dazu ein sehr erhellendes und nebenher sehr launig geschriebenes Buch geschrieben.

artour Do 12.10.2017 22:05Uhr 04:46 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video