Elefanten
Dass Elefanten auch albern sein können, glaubt man bei diesem Bild vom Rüsseltiernachwuchs im halleschen Zoo sofort. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sachbuch der Woche | Carl Safina: "Die Intelligenz der Tiere" Von albernen Elefanten und großherzigen Wölfen

Carl Safinas Reise durch das Tierreich räumt mit manchen Vorurteilen auf und zeigt, dass Tiere uns viel ähnlicher sind, als wir meinen.

von Irene Binal, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Elefanten
Dass Elefanten auch albern sein können, glaubt man bei diesem Bild vom Rüsseltiernachwuchs im halleschen Zoo sofort. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mensch und Tier - das erscheint vielen noch heute als krasser Gegensatz: Hier der Mensch mit seinen kognitiven Fähigkeiten, dort das Tier, das weitgehend instinkt- und triebgesteuert handelt. Eine Sichtweise, die der US-Meeresbiologe und Naturschriftsteller Carl Safina nicht gelten lassen will. Und so hat er sich auf die Suche gemacht, nach der Persönlichkeit im Tier, nach dem, was das Tier zum "Jemand" macht.

Menschen und andere Tiere

Der Mensch, schreibt Safina gleich zu Beginn, sei selbst ein Tier und nicht das Maß aller Dinge - und folgerichtig spricht der Autor im Verlauf des Buches auch konsequent von "anderen Tieren", die er beobachtet hat. Dabei macht Safina so manche überraschende Entdeckung.

Er trifft auf herumalbernde Elefanten in Kenia, auf mitleidige Wölfe im Yellowstone Nationalpark, auf hilfreiche Orcas im nordwestlichen Pazifik. Er erzählt von lügenhaften Tüpfelhyänen, von Schimpansen, die einen Sonnenuntergang beobachten und von einem Delfin, der eine Rauchwolke mit Milch darstellt und damit möglicherweise so etwas wie Kunst schafft.

Das Sein der Tiere erkunden

Carl Safina: "Die Intelligenz der Tiere"
526 Seiten, gebunden Bildrechte: C.H.Beck

Aber nicht nur originelle Anekdoten sind hier versammelt - dem Autor geht es um Grundsätzliches. Um die Frage nach dem Bewusstsein etwa, das bei Tieren vermutlich ebenso vorhanden ist wie beim Menschen, um Sprache und Syntax, über die zumindest einige Tierarten verfügen, um die "Theory of mind", also die Fähigkeit, in anderen Lebewesen Bewusstseinsvorgänge wahrzunehmen, die ebenfalls kein menschliches Alleinstellungsmerkmal zu sein scheint.

Bei all dem versucht Safina, die menschliche Brille so weit wie möglich abzulegen. Ihm geht es weniger um die Frage, inwieweit "andere Tiere" uns ähneln, sondern darum, wer sie eigentlich sind. Und obwohl dieser ambitionierte Ansatz naturgemäß nicht immer funktionieren kann, kommt er den Tieren oft bemerkenswert nahe. Er findet Humor bei ihnen, Gerechtigkeitssinn und Rücksichtnahme ebenso wie Liebe und Trauer, etwa bei Elefanten, die an gebrochenem Herzen sterben können.

Sie betrauern den Verlust ihrer Liebsten ebenso tief wie wir es tun. Ihre Fähigkeit zu lieben, lässt einen demütig werden.

Carl Safina über Elefanten
Schimpanse im Zoo Magdeburg
Auch Schimpansen haben unbekannte Seiten Bildrechte: MDR/Jan Polei

An eben dieser Demut lässt es der Mensch allzu oft fehlen. Tiere werden gejagt, misshandelt, und gequält und die Wissenschaft sieht sie noch heute mitunter als eine Art Automat, an dem man nach Belieben herumexperimentieren kann. Umso unverständlicher ist es für Carl Safina, dass Tiere große Geduld mit dem Menschen beweisen. Orcas retten Menschen aus Seenot, Elefanten kümmern sich um Verletzte, selbst Wölfe zeigen, ganz entgegen ihrem schlechten Ruf, oft erstaunliches Entgegenkommen.

Safinas Buch ist eine glänzend erzählte und mitreißende Reise durch eine Welt, die der unseren nicht allzu fern ist - und eine oft sehr deutliche Abrechung mit dem Herrschaftsanspruch des Menschen, der sich um jeden Preis als überlegen sehen will. An diesen Menschen richtet Safina eine eindringliche Mahnung:

Das Verhalten von Tieren zu verstehen ist kein Luxusanliegen. Versagen wir darin, werden wir ihr Ende und das unserer Erde beschleunigen.

Carl Safina in seinem Buch

Angaben zum Buch Carl Safina: "Die Intelligenz der Tiere"
Wie Tiere fühlen und denken
Verlag C. H. Beck
526 Seiten, gebunden
ISBN: 9783406707902

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur auch im: Radio | 17.05.2017 | 06:15 Uhr

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