Zeichnung, Albrecht Dürer
Dürers Melancholia blickte eher düster in die Zukunft Bildrechte: IMAGO

Sachbuch der Woche | Heinz Schilling - "1517" Weltgeschichte eines Jahres

Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen wider den Ablasshandel. Sein Thesenanschlag stellt historisch sogleich alles in den Schatten - so die gängige Sicht. Gegen diese einseitige Sicht schreibt der Berliner Historiker Heinz Schilling an, der vor drei Jahren eine große Lutherbiographie vorgelegt hat. "1517 Weltgeschichte eines Jahres" heißt sein aktuelles Buch und beleuchtet eine vielschichtige Epoche.

von Hartmut Schade

Zeichnung, Albrecht Dürer
Dürers Melancholia blickte eher düster in die Zukunft Bildrechte: IMAGO

Das Buch kann kein Blick auf die globalen Wirkungen der Hammerschläge eines Wittenberger Mönchs sein. Eher ein Nebeneinander von historischen Ereignissen, denn eine Universalgeschichte im heutigen Sinne lässt sich für 1517 nicht schreiben, meint Heinz Schilling. Dafür sind die Weltregionen noch zu isoliert. Die Hammerschläge des Wittenberger Mönchs hallen weder in Peking noch auf Yucatan wider. Aber es passiert in diesem Jahr sehr, sehr viel mehr als der Thesenanschlag.

Machtansprüche vom Bosporus

Fresko, Schlacht bei Tschaldiran oder Chaldiran gegen den Osmanen Sultan Selim I., 1514
Die Osmanen eroberten ein gewaltiges Reich Bildrechte: IMAGO

Schilling gliedert seinen Stoff in mehrere große Themenbereiche: Beginnt mit den geopolitischen Umbrüchen des Jahres 1517. Die Türken dringen auf den Balkan vor, erobern auch Kairo, den Sitz des Kalifen. Damit werden sie die Schutzherren von Mekka, gewinnen somit die religiöse Dominanz über die islamische Welt. Die europäischen Herrscher haben es seit 1517 nicht nur mit einem politischen Konkurrenten zu tun, die Auseinandersetzung ist religiös aufgeladen.

Habsburger Machtansprüche

1517 ist auch das Jahr, in dem das Habsburger Reich entsteht, als der Habsburger Karl - Enkel sowohl des spanischen Königs Ferdinand und als auch des deutschen Kaisers Maximilian - seine Thronansprüche in Spanien durchsetzt. Zwei Jahre später wird er zum deutschen Kaiser gewählt.

Mit Habsburg und dem Osmanischen Reich sind 1517 die beiden Gegenspieler auf den Plan getreten, die bis zum ersten Weltkrieg Europas Geschicke beeinflussen.

Russland rückt in den Fokus

Zu den machtpolitischen Verschiebungen gehört auch der Aufstieg Russlands. Seit dem Fall Konstantinopels beansprucht Moskau das "Dritte Rom" und die Schutzmacht der orthodoxen Christenheit zu sein. 1517 reist erstmals eine kaiserliche Delegation nach Moskau und bringt authentische Informationen über das Reich in den Westen und versucht das Land in die antitürkische Front zu holen. Das Interessante an dieser Delegation: es sind eben nicht nur Diplomaten, sondern auch Gelehrte, die mitreisen.

Große Entdeckungen

Kukulkan-Pyramide in Chichen Itza mit Schlangenkopf
In Mexiko trafen verschiedene Kulturen brutal aufeinander Bildrechte: dpa

Man ist in Europa neugierig auf die fremden Welten geworden. Exotische Pflanzen, Tiere, Kunstwerke sind heiß begehrt und werden bestaunt und sie verändern die europäische Sicht. Albrecht Dürer muss feststellen, es fehlen Worte, um diese neue Welt zu beschreiben. Die europäische Begriffe werden trotzdem verwendet: Die Spanier, die 1517 auf der Halbinsel Yucatan erstmals auf die Hochkulturen der Azteken und Maya stoßen, bezeichnen eine indianischen Stadt als "Gran Cairo" und die Tempelanlagen als Pyramiden und Moscheen. Mit Begriffen also, die ihnen bekannt sind, aber Fremdes bezeichnen.

Dieses neue Wissen - in Form von Pflanzen, Tieren Kunstschätzen - wird begierig aufgenommen, verbreitet sich auch rasch durch Europa (Stichwort: Dürers Rhinozeros). Gleichzeitig ist dieses Europa aber ein Kontinent voller Ängste und Aberglauben.

Ein handgeschriebener und unterschriebener Brief des Reformators Martin Luther wird im Lutherhaus in Lutherstadt Wittenberg gezeigt.
Luthers Unterschrift (oben) - die Macht seiner Worte sollte die Welt verändern Bildrechte: dpa

Genauso rasch wie die Informationen aus Übersee verbreitet sich durch ganz Europa die Geschichte einer Geisterschlacht, die bei Bergamo eine Woche lang getobt haben soll und die als böses Omen angesehen wird. Man fürchtet sich vor Geistern, Hexen und vor allem ängstigt man sich um sein Seelenheil. Dr. Martinus Luther ist da nicht allein. Ob in Spanien oder Renaissance-Italien - man sucht nach neuen Formen der Frömmigkeit.

Der Reformator Luther kommt in Schillings globaler Perspektive nicht so gut weg. Er wirkt ziemlich anachronistisch. Das neuen Wissen, die fremden Länder, das interessiert ihn nicht wirklich. Ebenso wenig die Ökonomie. 1517 verfasst Nikolaus Kopernikus die erste Geldwerttheorie. Ein ökonomischer Meilenstein, denn er überwindet hier das Denken in den Kategorien der Naturalwirtschaft.

Christlicher Prunk vs. Reduktion auf das Wesentliche

Blick über den Petersplatz im Vatikan in Rom
Der Vatikan zeigt seine Macht durch Prunk Bildrechte: Colourbox

Erasmus von Rotterdam schreibt mit "Die Klage des Friedens" die erste philosophische Friedenstheorie der Neuzeit, gewidmet Papst Leo X., der sich explizit als Friedenspapst sieht - und es im Vergleich mit seinem kriegerischen Vorgänger Julius auch ist! Was Schilling über Leo schreibt, ist auch für Historiker aufschlussreich. Leo ist ja als Papst nicht allein geistliches Oberhaupt der Christen, sondern auch weltlicher Herrscher des Kirchenstaates. Und alle Herrscher versuchen in dieser Zeit, die Mitsprache von Ständen, Städten, Adel einzuschränken und die partizipatorischen Elemente im Herrschaftssystem zu eliminieren. Am Ende dieser Entwicklung steht der absolutistische Herrscher. Und Leo ist der erste, dem das gelingt. Das V. Laterankonzil, das seit 1512 tagt, schickt er im März 1517 nach Hause. Das Kardinalskollegium baut er rigoros um, ernennt 31 neue Kardinäle. Und vor allem baut er Rom um, macht es zu einem Gesamtkunstwerk mit Petersdom und Papstpalast als Zentrum, auf das hin alle Straßen und Sichtachsen ausgerichtet werden. Diese prunkvolle Präsentation päpstlicher - und das hieß immer auch christlicher Macht - wird dann aber rasch delegitimiert durch Luthers Thesenanschlag, den von den großen Fragen der Zeit nur eine umtreibt: die Frage nach dem Seelenheil. Er ist einseitig, aber gerade dadurch erfolgreich.

Spannend und auch aktuell lesbar

Es ist ein absolut lesenswertes Buch, das die Epoche Luthers begreifbarer und verständlicher macht und zeigt, wie komplex und widersprüchlich die Zeiten waren. Und da man so ein Buch natürlich immer vor der Folie der eigenen Zeit liest, werden die Jahre um 1517 erstmals wirklich erlebbar. Wer heute angesichts der Verwerfungen, der Auflösung von Werten, tradierten gesellschaftlichen Mustern, verzweifelt, der kann verstehen, wie es den Menschen vor 500 Jahren erging.

Heinz Schilling - "1517: Weltgeschichte eines Jahres"
Bildrechte: C.H.Beck

Angaben zum Sachbuch Heinz Schilling - "1517: Weltgeschichte eines Jahres"
364 Seiten, gebunden
C.H.Beck
ISBN: 9783406700699

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 26.04.2017 | 07:40 Uhr

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