Zwei Cowboys küssen sich.
Küssende Cowboys bei einem Christopher Street Day in Berlin Bildrechte: imago stock&people

Sam Gleaves und Tyler Hughes Schwul und trotzdem Country-Sänger?

In der amerikanischen Country-Szene sind Outings homosexueller Künstler extrem selten. Eine Ausnahme sind Sam Gleaves und Tyler Hughes, die offen schwul leben. Jetzt haben sie ein gemeinsames Album aufgenommen.

von Kerstin Poppendieck

Zwei Cowboys küssen sich.
Küssende Cowboys bei einem Christopher Street Day in Berlin Bildrechte: imago stock&people

Willkommen in den Appalachen, einer Region im Osten der USA mit beeindruckend schöner Natur. In Gegensatz zu dieser Schönheit stehen die Vorurteile gegen die Menschen dort. Zum Beispiel, dass sie gewalttätig seien und ungebildet. Sam Gleaves und Tylor Hughes sind hier aufgewachsen und wollen jetzt gegen diese Vorurteile ansingen.

Hier leben Menschen aus allen möglichen Ethnien, Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen, alte Menschen, junge Menschen, arm und reich. Genau wie in jedem anderen Teil Amerikas.

Tylor Hughes

Tatsächlich sind es zwei große Baustellen, die die beiden Folk-Musiker Sam Gleaves und Tylor Hughes mit ihrem gemeinsamen Debütalbum angehen wollen. Zum einen die Vorurteile gegenüber ihrer Heimat und zum anderen Vorurteile gegen jedwede sexuelle Orientierung. Die beiden Musiker sind schwul und gehen damit auch ganz offen um. Was für sie eine Selbstverständlichkeit ist, ist es für viele andere Musiker in der traditionellen Country-Folk-Szene nicht.

Das Thema LGBT ist nach wie vor ein Tabu, vor allem bei männlichen Musikern. In der weiblichen Szene dagegen geht man damit offener um, wie Musikerinnen wie Cait Brennan und Sera Cahoone beweisen, die auch in ihren Texten darüber singen, lesbisch zu sein. Das wäre Sam Gleaves und Tylor Hughes allerdings noch zu viel. Deshalb bringen sie diese Themen eher subtil in ihre Texte ein.

Es ist ja doch immer noch so, dass diese Themen spalten, und wir wollen Menschen mit unserer Musik ja eher zusammenbringen. Wir wollen zwar nicht verheimlichen, dass wir schwul sind und dass wir an soziale Gleichberechtigung glauben, aber wir wollen auch nicht gleich jedem unsere Meinung unter die Nase reiben. Ich hoffe einfach, dass unsere Musik trotzdem unsere Meinung vermittelt und Menschen dazu gebracht werden, eine andere Perspektive einzunehmen, oder wenigstens zu respektieren, dass Menschen unterschiedlich sind – auch wenn sie nicht mit uns übereinstimmen. Das wär ok für uns, solange man einander respektiert.

Tyler Hughes

Wüsste man nicht um das Anliegen der beiden Musiker, man würde es aus den Texten nicht heraushören. Wie auch, ein Großteil der Lieder sind Neuinterpretationen traditioneller appalachischer Songs. Wodurch uns als Hörern auf jeden Fall die traditionelle Musikkultur der Appalachen näher gebracht wird. Sam Gleaves und Tylor Hughes haben diese Stücke tatsächlich nur zu zweit eingespielt. Gitarre, Banjo, Geige und zwei wunderbar harmonisch zusammenpassende Stimmen. Musik, die einen augenblicklich in die Berge Alabamas versetzt.

Gemessen an ihrem Anspruch könnten Sam Gleaves und Tylor Hughes in ihren Texten aber ruhig mutiger sein, deutlicher aussprechen, wie sehr es sie stört, dass sie sich für ihre geschlechtliche Gesinnung rechtfertigen müssen. Aber vielleicht ist es auch diese eher subtile Art, die dazu geführt hat, dass in den vergangenen Jahren tatsächlich eine queere Country-Folk-Szene in den USA entstanden ist, auch wenn sie noch sehr klein ist. Der Anfang ist gemacht.

Das ist schon ein sehr großer Schritt nach vorne für die traditionelle Musikszene hier, Musikern zu vermitteln, dass sie sich nicht mehr verstecken müssen, dass es ok ist, sich zu outen. Tyler und ich, wir sind beide Mitte 20 und wir kennen viele andere junge Musiker, die sich geoutet haben. Wir kennen aber auch Musiker, die 50, 60 Jahre alt sind und ihr Coming Out hatten. Vor allem sie haben viel dazu beigetragen, die Folk-Szene toleranter zu machen und Musiker wie uns zu akzeptieren und unsere Musik zu respektieren.

Sam Gleaves

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: Spezial | 28.06.2017 | 18:05-19:00 Uhr

Die Themen des Spezials:
"Liebe unterm Regenbogen" - Leben queer im Hier und Jetzt

* Queere Geflüchtete und deren Situation in Sachsen
* Christopher-Street-Day: Geschichte und Gegenwart
* Darüber singt man nicht - Outing in der US-Country-Szene
* Das Transsexuellengesetz in Sachsen
* Wie homophob geht es in Russland zu?

Zuletzt aktualisiert: 28. Juni 2017, 18:43 Uhr

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