MDR FIGARO

Essay | MDR FIGARO | 25.09.2011 | 19:05 Uhr | Podcast : Klug, schön, ungeliebt - Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach

Goethe bewunderte sie wegen ihrer erstaunlichen Klugheit. Doch den "Geist von Weimar" konnte Augusta nach ihrer Heirat mit einem Hohenzollern nicht nach Preußen tragen. Annette Seemann porträtiert die Fürstentochter, die wider Willen Kaiserin wurde. Hier lesen Sie eine Zusammenfassung ihres Essays, den Sie nach der Sendung im Podcast abrufen können.

Die Gattin von Kaiser Wilhelm I., Kaiserin Augusta von Preußen.
Die Gattin von Kaiser Wilhelm I., Augusta von Preußen, im Alter.

Fast wie ein zweiter Großvater hatte Goethe die Tochter seines fürstlichen Freundes, Maria Pawlowna, bei der Erziehung ihrer drei Kinder unterstützt. Besonders von Augusta war er angetan. Ganz im "Geist von Weimar", also in Toleranz für das Bürgertum, in der Bewunderung für Kunst und Wissenschaft, im Bewusstein für die Pflichten ihres Standes, wuchs sie auf.

Doch mit dem Idealismus der Kindheitstage sollte es vorbei sein, als Augusta die Residenz an der Ilm 1829 verließ, um nach Berlin überzusiedeln und planmäßig den jüngeren Bruder des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm III. zu heiraten. Tatsächlich lag der "Geist von Weimar" bald im Widerstreit mit dem kriegerischen "Geist von Potsdam", den ihr Mann Wilhelm verkörperte. Augusta fühlte sich isoliert. Nur in ihren vielen Briefen konnte sie sich unverstellt äußern und etwa über das soziale Elend, das sie durchaus wahrnahm, reflektieren.

"Ich sah vom Fenster aus, dass die Straße schwarz voll Menschen war. Und warum? Weil ein Hüter der Ordnung, ein Gendarm, einen Jungen verprügelte, der eine Wurst gestohlen hatte ... Es ist furchtbar - überall, wo der Mensch die Gewalt hat, missbraucht er sie. Nur ein wenig mehr Menschentum - und wie viele Kummerfalten würden sich glätten ... Ich kam mir wie mitschuldig vor an dem Jammer des Knaben, zumal ich dazu geschwiegen hatte. Warum sind der Fesseln so viele? Warum bin ich an diese Umgebung geschmiedet, der ich doch nur nach außen gehorchen kann?"

Augusta in einem Brief an die Familie

Zwischen Loyalität und Opposition

Das Kronprinzenpalais in Berlin-Mitte
Das Kronprinzenpalais in Berlin-Mitte - anfangs lebte Augusta dort.

Augusta arrangierte sich - scheinbar. Immer loyal blieb sie gegenüber ihrem Gatten, auch wenn der lebenslang das Bild der schönen Elisa Radziwill, seiner großen Liebe, auf seinem Schreibtisch stehen ließ. In ihren Teerunden pflegte sie weiter den "Geist von Weimar", sie traf die Gebrüder Humboldt, tauschte sich mit dem Altertumsforscher Böckh oder dem Gartenkünstler Fürst von Pückler-Muskau aus. In der Erziehung ihrer beiden Kinder, Friedrich Wilhelm und Luise, später ihres Enkels, ging sie auf. Sie vermittelte ihren Nachkommen den Goetheschen Humanismus. Gegen eine Bevormundung bis ins Wohn- und Schlafzimmer hinein, wehrte sie sich.

Barrikadenkämpfe an der Ecke Roßstraße/Gertraudenstraße im März 1848 in Berlin.
Barrikadenkämpfe an der Ecke Roßstraße / Gertraudenstraße im März 1848 in Berlin.

Sie opponierte nicht nur im privaten Bereich, sondern beharrte auch auf ihren Überzeugungen: Anders als man es damals von Frauen verlangte, mischte sie sich stark in der Politik ein. Sie sondierte für ihren Mann die antipreußische Stimmung vor der Revolution von 1848 und analysierte die Gründe, musste sich dafür vom Hof als "Kassandra verspotten lassen. Bis es in Berlin zum blutig niedergeschlagenen Aufstand kam. Dafür wurde vom Volk - den Umständen nicht ganz entsprechend - Augustas Mann Wilhelm verantwortlich gemacht. Er musste sich nach England absetzen. Augusta misstraute und widersetzte sich dem mächtigen Bismarck, als der sie daraufhin für die Gegenrevolution gewinnen wollte - unter Ausschaltung ihres königlichen Schwagers und unter Umgehung ihres Gemahls. Entgegen ihren Hoffnungen erkannte sie den Vormarsch der Restauration:

"Die Märzproklamation, das rasche Einberufen des Parlaments, das Versprechen des Königs, alles Militär abzuziehen, Bürgerwehr zuzulassen, die Verfassung zu debattieren nach Dahlmanns Entwürfen und manches andere, erweckten in mir die Hoffnung, dass sich Preußen tatsächlich entschlossen auf die Konstitution zu bewege, sich zuletzt an die Spitze der Deutschen stellte und das neue Deutsche Reich anführen könnte, ein Goldenes Zeitalter sah ich anbrechen. Heute bin ich der Auffassung, dass wir eher vor einer Phase der Konsolidierung stehen, aber am Ende liegt ganz zweifellos doch der Verfassungsstaat."

Augusta in einem Brief an ihren jüngeren Bruder Carl Alexander, September 1848

Enttäuschte Hoffnung auf eine neue Ära

Erst 1857 brach - scheinbar - eine neue Ära an. Nachdem Friedrich Wilhelm IV. nach einem Schlaganfall regierungsunfähig wurde, übernahm Augustas Mann Wilhelm das Amt. Er entließ das alte Kabinett, die Liberalen, darunter mit dem Außenminister von Schleinitz und dem Kultusminister August Moritz von Bethmann-Hollweg zwei Vertraute Augustas, bekamen Oberwasser. Allerdings kümmerte sich Augustas Mann nach der Krönung 1861 wenig um ihre Versuche, ihn zu einer Friedenspolitik zu bekehren. Drei Kriege sollte Preußen, geleitet durch Kanzler Bismarcks Blut- und Eisen-Politik, anzetteln: 1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich, 1870/71 gegen Frankreich. Augusta gründete einen Vaterländischen Frauenverein, der sich gemeinsam mit dem Roten Kreuz um in Not geratene verwundete Soldaten kümmerte.

Dass sie 1871 zur deutschen Kaiserin an der Seite Wilhelms I. aufstieg, empfand Augusta eher als Niederlage, ging die Krone doch auf den Krieg gegen Frankreich zurück. Nach dem Tod ihres Mannes wurde Augustas Sohn Friedrich 1888 Kaiser, starb aber nach nur 100 Tagen im Amt. Als Wilhelm II. folgte ihm ihr Enkel nach. Da war sie schon lange durch die Parkinsonsche Krankheit an den Rollstuhl gefesselt und Krämpfe hielten sie vom Briefeschreiben ab. Am 7. Januar 1890 starb Kaiserin Augusta.

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2011, 14:45 Uhr

Angaben zur Sendung

Essay: Klug, schön, ungeliebt - Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach
Weimarer Prinzessin, preußische Königin, deutsche Kaiserin - Porträt

Von Annette Seemann
Produktion: MDR 2011
(25 Min.)

Ursendung: 25.09.2011, 19:05 Uhr

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