Hörspiel & Feature

Essay | MDR FIGARO | 01.07.2012 | 19:05 Uhr : "Elf Uhr" von Gert Neumann

Ein Jahr lang protokollierte Gert Neumann in einem Leipziger Kaufhaus, was dort vor sich ging. Seine Beobachtungen verarbeitete er in dem Roman "Elf Uhr". Nun wird der Autor 70 Jahre alt. MDR FIGARO gratuliert mit einem Essay. Die Schauspielerin Jutta Hoffmann liest.

Jutta Hoffmann als Selma Weber bei der MDR Hörspielproduktion 'Keine weiteren Vorkommnisse'

Immer um elf Uhr eines Arbeitstages, von Februar 1977 bis Februar 1978, vertraute Gert Neumann, der damals als Schlosser in Leipzigs größtem Kaufhaus "Konsument" arbeitete, seinem Notizbuch tagebuchartige Aufzeichnungen an: Er beobachtete und hielt beharrlich fest, was um ihn herum und in ihm vorging und was er von anderen zu hören bekam. Durch seine Beobachtungen wurde der sozialistische Einkaufstempel zu einem Querschnitt durch die DDR-Gesellschaft. Für Gert Neumann eine trostlose und gespenstische Realität, deren Verhängnis die erhoffte Würde des Lebens zu verdecken schien. Er nahm die Staatssprache der DDR in seinem Traktat beim Wort und führte mit ihr einen Kampf, um schreibend einen Sinn zu retten, den die Diktatur mit ihrem Wahrheitsanspruch zu verhindern suchte oder verloren hatte.

Romanveröffentlichung in der DDR nicht möglich

Buchcover Gert Neumann "Elf Uhr"
"Elf Uhr" - Ausgabe von 1999

Obwohl Gert Neumanns Alltagsepisoden das Leben in der DDR widerspiegeln, fand der Roman nur wenige Leser. Denn der Roman wurde in der DDR schlicht und ergreifend einfach nicht gedruckt, sein Autor unterlag einem Publikationsverbot. Schließlich gelang es dem Autor, den westdeutsche S. Fischer-Verlag für sein Manuskript zu interessieren, der das Buch 1981 veröffentlichte. Erst im Jahr 1990 druckte der Rostocker Hinstorff-Verlag den Roman. Da war die DDR quasi schon Geschichte und fast kein Leser interessierte sich mehr für die DDR-Realität. "'Elf Uhr' ist bis heute das bisher unentdeckteste Buch der Gegenwartsliteratur geblieben. Ein Schicksal, das das Buch mit seinem Autor teilt", schrieb 1999 Martin Walser in seinem Vorwort zur Neuausgabe von Gert Neumanns Roman.

Biografisches über Gert Neumann

Gert Neumann, 1942 im ostpreußischen Heilsberg geboren, wurde das Schreiben in die Wiege gelegt. Denn er ist der Sohn einer Schriftstellerin - Margarete Neumann, als Lyrikerin eine Vertreterin des sozialistischen Realismus in der DDR. Zunächst machte Neumann jedoch eine Lehre zum Schlosser und Traktoristen. Nebenbei begann er erste Schreibversuche. Ab 1966 veröffentlichte er einzelne Arbeiten in Anthologien. Seine Brötchen verdiente er jedoch als Traktorist, bevor er 1967 an das Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher" kam.

Publikationsverbot und Repessionen

Doch 1969 wurde Neumann zwangsexmatrikuliert und aus der SED ausgeschlossen - "wegen ideologisch-ästhetischer Bekenntnisse" mit "revisionistischem Charakter". Seitdem durfte er auf offiziellem Weg in der DDR nicht mehr veröffentlichen. Mit verschiedene Tätigkeiten verdiente Neumann seinen Lebensunterhalt: Er arbeitete als Bühnenhandwerker, Kesselreiniger, Bauschlosser Hausmeister in einer katholischen Gemeinde in Leipzig. Nebenbei schrieb er weiter und konnte illegalerweise in Westdeutschland veröffentlichen.

Im Frankfurter S. Fischer-Verlag erschien 1979 mit dem Erzählband "Die Schuld der Worte" seine erste aufsehenerregende Veröfflichung in der Bundesrepublik. 1981 folgte "Elf Uhr" und noch 1989 "Die Klandestinität der Kesselreiniger". Daneben arbeitete Neumann für Zeitschriften der DDR-kritischen literarischen Szene und war unter anderem Redakteur der Samisdat-Zeitschrift "Anschlag". Diese Aktivitäten hatten für ihn und seine Familie Bespitzelung und Repressionen zur Folge. Es war Martin Walser, der Neumanns Inhaftierung verhinderte. Neumanns Sohn, der Fotograf Aram Radomski, entging jedoch der Inhaftierung nicht. 1987 kam Neumann zu einem halbjährigen Studienaufenthalt nach Amsterdam und Rolandseck bei Bonn, kehrte danach aber nach Leipzig zurück.

Heute lebt Gert Neumann in Berlin und ist Mitglied der Freien Akademie der Künste zu Leipzig.

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Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2012, 13:52 Uhr

Buchtipp

Gert Neumann: "Elf Uhr"
Roman, mit einem Vorwort von Martin Walser,
429 Seiten,
Köln: DuMont Buchverlag 1999,
ISBN: 3-7701-4558-5

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