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Feature | MDR FIGARO | 24.02.2013 (Wdh.) | 18:00 Uhr | Zum Nachhören : Die Unvollendete - Die Schriftstellerin Brigitte Reimann

Zum 40. Todestag von Brigitte Reimann am 20. Februar 2013

Brigitte Reimann (1933-1973) wurde von ihren Lesern geliebt und von kleingeistigen SED-Funktionären angefeindet. Sie starb im Alter von 39 Jahren in Berlin-Buch an Krebs. Das Feature zeichnet das Porträt einer leidenschaftlichen, lebenshungrigen, kompromisslosen Frau. Die Autorin Inés Burdow traf Freunde und Wegbegleiter der Reimann, sie sprach mit den Brüdern, mit ihrer besten Freundin Irmgard Weinhofen und mit dem Radio-Journalisten Juergen Schulz, der sich an die gemeinsame Zeit an der Seite von Brigitte Reimann in Neubrandenburg erinnert.

Grafik zeigt Brigitte Reimann
Brigitte Reimann, Grafik von Frank Diersch

Brigitte Reimann zählt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der DDR, obwohl ihr Hauptwerk, der Roman "Franziska Linkerhand" unvollendet geblieben ist. Das Buch erschien 1974, ein Jahr nach Reimanns Krebstod im Alter von 39 Jahren.

Geboren wird Brigitte Reimann am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg. 1947 erkrankt sie an Kinderlähmung, ist zeitweise bis zur Bewegung des Kopfes gelähmt. IhrVater kommt im selben Jahr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Ursprünglich will sie Theaterwissenschaften studieren, um als Regisseurin zu arbeiten, ein Unfall macht ihr die Schauspielarbeit jedoch unmöglich. Brigitte Reimann arbeitet als Lehrerin und widmet sich zunehmend ihrer Schriftstellerischen Tätigkeit. 1953 heiratet sie den Maschinenschlosser Günter Domnik, erleidet ein Jahr später eine Fehlgeburt und begeht einen Suizidversuch.

Erste Erzählungen

Es erscheinen verschiedene Erzählungen von ihr, so "Der Tod der schönen Helena" (1955, Verlag des Ministeriums des Innern), "Die Frau am Pranger" (1956, Verlag Neues Leben Berlin) oder "Die Kinder von Hellas" (1956, Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung).

1956 wird Brigitte Reimann in den Deutschen Schriftstellerverband aufgenommen.

Die vom Sozialismus überzeugte Schriftstellerin verpflichtet sich 1957 als Informantin "GI Caterine" für die Staatssicherheit zu arbeiten, bereut diese Entscheidung jedoch kurz darauf.

"Wenn ich genau überlege - und ich grübele seit zwei Tagen unablässig, warum ich mich auf diese Geschichte eingelassen hab, und wenn ich eine künstlerische Abenteuerlust streiche, bleibt am Ende wirklich, so heftig ich mich dagegen sträube, wieder mal ein rosarotes Ideal. Ich habe doch all meinen Idealen abgeschworen - und nun kommt einer daher und redet mir ein, ich könnte durch meine bescheidene Hilfe dem Sozialismus - über dessen moralische Berechtigung ich mir nicht einmal recht klar bin! - einen Dienst erweisen. Und ich falle, verdammt noch mal! drauf rein."

Brigitte Reimann am 28. September 1957

Bitterfelder Weg

Brigitte Reimann im Film "Das Leben ist Lesenswert"
Brigitte Reimann 1962

1964 erfolgt die Scheidung von Siegfried Pitschmann. Im selben Jahr nimmt sie an der II. Bitterfelder Konferenz teil, die entscheidend für die Entwicklung von Kunst und Kultur in der DDR war. Der dort beschlossene "Bitterfelder Weg" sah eine enge Bindung der Schriftsteller zu den Arbeitern und Bauern vor. Autoren wie Brigitte Reimann wollten in der Produktionspraxis Erfahrungen sammeln und diese in ihren Werken verarbeiten.

Als 1968 Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in der ČSSR den "Prager Frühling" niederwerfen, veröffentlicht der Schriftstellerverband eine zustimmende Erklärung, die jedoch von Brigitte Reimann nicht mit unterschrieben wird. Sie erkrankt an Krebs und zieht Ende 1968 nach Neubrandenburg. Von 1964 bis 1970 ist sie mit Jon K. verheiratet, ihr letzter Ehemann wird 1971 der Arzt Dr. Rudolf Burgartz. Brigitte Reimann hat aufgrund ihrer Krebserkrankung zunehmend gesundheitliche Probleme, arbeitet jedoch weiter an ihrem Linkerhand-Roman.

Posthumer Erfolg

Grabstein von Brigitte Reimann
Der Grabstein von Brigitte Reimann in Oranienbaum

Am 20. Februar 1973 verliert Brigitte Reimann den Kampf gegen den Krebs. Sie wird in ihrem Geburtsort Burg bei Magdeburg beigesetzt. Ihr Roman "Franziska Linkerhand" erscheint mit wenigen Kürzungen ein Jahr später, 1974, sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik.

Obwohl unvollendet, werden die 582 Seiten von einer hunderttausendfachen Leserschaft gefeiert. "Franziska Linkerhand" hat allein zu DDR-Zeiten zehn Nachauflagen erlebt.

"Also ich hab praktisch noch ihr Lachen im Ohr. Sie hat, also sie, sie konnte sehr laut lachen und sie war in allem, selbst in der Stimme war sie sehr expressiv."

Juergen Schulz, Freund von Brigitte Reimann

Schauspielerin und Feature-Autorin Inés Burdow

Inés Burdow als Brigitte Reimann in dem Theaterstück "Die Unvollendete"
Inés Burdow spielt Brigitte Reimann in dem Theaterstück "Die Unvollendete"

Inés Burdow hat Mitte der 90er-Jahre eine Ausbildung zur Schauspielerin in Berlin absolviert. Außerdem erlernte sie den traditionellen japanischen Butoh-Tanz. Seitdem arbeitet sie als Schauspielerin, Regisseurin sowie Sprecherin und Autorin von Feature und Essays. im Fernsehen war sie in Rollen wie "Rosa Roth" oder "Von heiter bis tödlich" zu sehen.

Auf der Theaterbühne hatte sie Engagements unter anderem am Berliner Ensemble, der Volksbühne Berlin, dem Schauspielhaus Neubrandenburg oder dem Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin.

Vor allem die Rolle der Brigitte Reimann verkörperte sie schon mehrfach, so 2009/11 in der Oper "Linkerhand" (Komponist: Moritz Eggert) oder 2007-2010 in dem von ihr verfassten Theaterstück "Die Unvollendete", bei dem sie der Schriftstellerin einen inneren Monolog geschrieben hat, gehalten mit einem imaginären Liebhaber kurz vor ihrem frühen Tod.

Zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2013, 20:02 Uhr

Angaben zur Sendung

Die Unvollendete - Die Schriftstellerin Brigitte Reimann

Feature von Inés Burdow

Sendung:
20.02.2013, 22:00 Uhr

Wiederholung:
24.02.2013, 18:00 Uhr

Sprecher: Inés Burdow, Valery Tscheplanowa, Alexander Brabandt


Regieassistenz: Matthias Seymer und Alexander Kühn
Redaktion: Ulf Köhler
Regie: Nikolai von Koslowski

Produktion: MDR 2013

Länge: 60 Minuten (Ursendung)

Sie können das Feature nach der Sendung hier bis zum 22. März 2013 nachhören.

"Bitterfelder Weg" - Arbeiter und Bauern an der Seite der Künstler

Auf den sogenannten Bitterfelder Konferenzen von 1959 und 1964 wurde der Versuch gemacht, Literatur und Produktion einander näher zu bringen - Ulbrichts Forderung vom V. Parteitag der SED 1958 war Programm: "... in Staat und Wirtschaft ist die Arbeiterklasse der DDR bereits Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen der Kultur stürmen und von ihnen Besitz ergreifen." Kunst, also auch Literatur, Arbeitsprozess und öffentliches Leben sollten sich verbinden.

Nach den Bitterfelder Konferenzen, auf denen sich Berufsschriftsteller und schreibende Arbeiter trafen, kam es zwar zu vereinzelter kultureller Zusammenarbeit von Schriftstellern und Betrieben, aber nur wenige Autoren waren gewillt, sich längerfristig in der Produktion umzutun. Kurzbesuche waren die Regel.

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