Feature | MDR FIGARO | 09.01.2012 | 22:52 Uhr | Audio : Ein verzweifelter Mann - Franz Fühmann als Hörspielautor
Die letzte Schaffensphase des Dichters Franz Fühmann galt dem Hörspiel. Desillusioniert vom Modell Sozialismus, war der Lyriker schon lange ins Visier der Staatsicherheit geraten. Das Feature von Dagmar Schürer zeigt Fühmann als verzweifelten Mann. Zuvor bringt FIGARO sein Hörspiel "Die Schatten", produziert vom DDR-Rundfunk unter Regie von Barbara Plensat.
Am am 31. Mai 1984, zwei Monate vor seinem Tod, sendete der Rundfunk der DDR erstmals Franz Fühmanns Originalhörspiel für Erwachsene: "Die Schatten". Bis zur Wende folgten jährlich weitere Originalhörspiele, die Fühmann kurz vor seinem Tod im Krankenhaus geschrieben hatte. Aus dieser letzten Schaffensphase, die dem Radio galt, erzählen Christa Vetter, damalige Leiterin des Hörspiels, und Babara Plensat, Hörspielregisseurin. Sie berichten auch, wie es möglich war, Texte eines Autors zu veröffentlichen, dem die Staatssicherheit seit 1976 "staatsfeindliche Hetze" nachzuweisen bemüht war. Er sollte hinter Gitter.
Katholisch-nationalsozialistische Erziehung
Franz Fühmann wurde 1922 in Rochlitz (heute Rokytnice/Tschechien) geboren. Er wuchs nach eigenen Angaben in einer "Atmosphäre von Kleinbürgertum und Faschismus" auf. Mit zehn Jahren kam er in ein Jesuiten-Internat in der Nähe von Wien, aus dem er als Zwölfjähriger flüchtete. Fühmann war Mitglied der Hitlerjugend und nach der Annexion des Sudetenlandes der Reiter-SA. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht und wurde als Nachrichtensoldat in Griechenland und der Sowjetunion eingesetzt. Im Mai 1945 geriet er in Böhmen in sowjetische Kriegsgefangenschaft.
Umdenken in der Kriegsgefangenschaft
1947 wurde Fühmann in eine sogenannte "Antifa-Schule" abkommandiert, in der er sich zum überzeugten Marxisten wandelte. 1949 wurde er in die DDR nach Berlin entlassen und wirkte als Funktionär in der Blockpartei NDPD mit. In dieser Partei, der er bis 1972 angehörte, leitete er bis 1958 die Hauptabteilung Kulturpolitik. Danach lebte und arbeitete Fühmann als freier Schriftsteller überwiegend in seinem kleinen Haus in Märkisch-Buchholz und zeitweise in Berlin.
Seit Prag 1968 auf Distanz zum Staat
Der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in Prag im Jahr 1968 war für ihn ein einschneidendes Moment. Seine existentielle Krise überwand er durch ein radikales Umdenken. Fühmann ging zunehmend auf Abstand zur Politik der DDR, zog sich aus dem Schriftstellerverband zurück und unterstützte diskriminierte Autoren, so zählte er beispielsweise zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann.
Vielseitiger Autor
Franz Fühmann war ein sehr vielseitiger Autor, der neben Gedichten und Nachdichtungen, Essays, Erzählungen und literarischen Experimenten auch Bücher für Kinder verfasste und Hörspiele schieb.
Nach längerer Krankheit starb Fühmann 1984 im Alter von 62 Jahren in der Berliner Charité-Klinik an einer Virusinfektion. In seinem Testament gibt er an, gescheitert zu sein - in der Literatur und beim Aufbau einer Gesellschaft, "von der wir immer träumten".
Angaben zur Sendung
Zum 90. Geburtstag von Franz Fühmann am 15. Januar:
"Ein verzweifelter Mann - Franz Fühmann als Hörspielautor"
Von Dagmar Schnürer
(Ursendung)
Produktiom: MDR 2012
