Hörspiel

Feature | MDR FIGARO | 09.01.2012 | 22:52 Uhr | Audio : Ein verzweifelter Mann - Franz Fühmann als Hörspielautor

Die letzte Schaffensphase des Dichters Franz Fühmann galt dem Hörspiel. Desillusioniert vom Modell Sozialismus, war der Lyriker schon lange ins Visier der Staatsicherheit geraten. Das Feature von Dagmar Schürer zeigt Fühmann als verzweifelten Mann. Zuvor bringt FIGARO sein Hörspiel "Die Schatten", produziert vom DDR-Rundfunk unter Regie von Barbara Plensat.

Schriftsteller Franz Fühmann erhält  am 08.04.1978 in der Berliner Akademie der Künste vom Vorsitzenden der Literaturjury, Helmut Gumtau, den Preis für Literatur 1977 vom Verband der Deutschen Kritiker

Am am 31. Mai 1984, zwei Monate vor seinem Tod, sendete der Rundfunk der DDR erstmals Franz Fühmanns Originalhörspiel für Erwachsene: "Die Schatten". Bis zur Wende folgten jährlich weitere Originalhörspiele, die Fühmann kurz vor seinem Tod im Krankenhaus geschrieben hatte. Aus dieser letzten Schaffensphase, die dem Radio galt, erzählen Christa Vetter, damalige Leiterin des Hörspiels, und Babara Plensat, Hörspielregisseurin. Sie berichten auch, wie es möglich war, Texte eines Autors zu veröffentlichen, dem die Staatssicherheit seit 1976 "staatsfeindliche Hetze" nachzuweisen bemüht war. Er sollte hinter Gitter.

Katholisch-nationalsozialistische Erziehung

Franz Fühmann wurde 1922 in Rochlitz (heute Rokytnice/Tschechien) geboren. Er wuchs nach eigenen Angaben in einer "Atmosphäre von Kleinbürgertum und Faschismus" auf. Mit zehn Jahren kam er in ein Jesuiten-Internat in der Nähe von Wien, aus dem er als Zwölfjähriger flüchtete. Fühmann war Mitglied der Hitlerjugend und nach der Annexion des Sudetenlandes der Reiter-SA. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht und wurde als Nachrichtensoldat in Griechenland und der Sowjetunion eingesetzt. Im Mai 1945 geriet er in Böhmen in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Franz Fühmann
MDR FIGARO

Ein verzweifelter Mann - Franz Fühmann als Hörspielautor

Wie konnten in der DDR Hörspiele von Fühmann veröffentlicht werden, wo dem Autor von der Stasi "Staatsfeindliche Hetze" nachgewiesen werden sollte? Feature von Dagmar Schnürer.

09.01.2012, 10:43 Uhr | 28:15 min

Umdenken in der Kriegsgefangenschaft

1947 wurde Fühmann in eine sogenannte "Antifa-Schule" abkommandiert, in der er sich zum überzeugten Marxisten wandelte. 1949 wurde er in die DDR nach Berlin entlassen und wirkte als Funktionär in der Blockpartei NDPD mit. In dieser Partei, der er bis 1972 angehörte, leitete er bis 1958 die Hauptabteilung Kulturpolitik. Danach lebte und arbeitete Fühmann als freier Schriftsteller überwiegend in seinem kleinen Haus in Märkisch-Buchholz und zeitweise in Berlin.

Seit Prag 1968 auf Distanz zum Staat

Der Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in Prag im Jahr 1968 war für ihn ein einschneidendes Moment. Seine existentielle Krise überwand er durch ein radikales Umdenken. Fühmann ging zunehmend auf Abstand zur Politik der DDR, zog sich aus dem Schriftstellerverband zurück und unterstützte diskriminierte Autoren, so zählte er beispielsweise zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann.

Vielseitiger Autor

Franz Fühmann war ein sehr vielseitiger Autor, der neben Gedichten und Nachdichtungen, Essays, Erzählungen und literarischen Experimenten auch Bücher für Kinder verfasste und Hörspiele schieb.

Nach längerer Krankheit starb Fühmann 1984 im Alter von 62 Jahren in der Berliner Charité-Klinik an einer Virusinfektion. In seinem Testament gibt er an, gescheitert zu sein - in der Literatur und beim Aufbau einer Gesellschaft, "von der wir immer träumten".

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2012, 12:48 Uhr

Angaben zur Sendung

Zum 90. Geburtstag von Franz Fühmann am 15. Januar:
"Ein verzweifelter Mann - Franz Fühmann als Hörspielautor"

Von Dagmar Schnürer
(Ursendung)

Produktiom: MDR 2012

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