Zeitgeschehen

MDR FIGARO-Café | 09.10.2012 | 22:00 Uhr (Wh.) : Zwischen Gulag und DDR-Utopie

Der Journalist und Autor Sergej Lochthofen zu Gast im MDR FIGARO-Café

In seinem Roman "Schwarzes Eis" erzählt der Publizist Sergej Lochthofen die Geschichte seines Vater, der 20 nach Jahren in sowjetischer Gefangenschaft in der DDR Karriere machte. In dem Lebensbericht gibt Lochthofen auch Einblicke in die Motivation von Menschen, die ein besseres Deutschland aufzubauen versuchten und zeichnet damit ein differenziertes Bild der DDR-Vergangenheit. Mit seinem neuen Buch ist der Autor zu Gast im MDR FIGARO-Café in der Moritzbastei Leipzig.

Tristesse in ehemaliger GULAG-Stadt Workuta

Workuta liegt nördlich des Polarkreises. Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Menschen wurden ab 1938 dorthin deportiert, vermeintliche Gegner der stalinistischen Diktatur. Unter ihnen befanden sich auch 45.000 deutsche Zivilgefangene. Lorenz Lochthofen war einer von ihnen. Und er gehörte zu den wenigen, die das Lager und die anschließende Verbannung überlebten.

20 Jahre Verbannung und Gefängnis

Die Lebensgeschichte des deutschen Kommunisten Lorenz Lochthofen hat jetzt sein Sohn Sergej Lochthofen, 1953 in Workuta geboren, in Form eines Romans vorgelegt. Ab 1937 verbrachte sein Vater nahezu 20 Jahre in sowjetischen Gefängnissen, Arbeitslagern und in der Verbannung. Aus Dortmund stammend, war er 1930 in die Sowjetunion gekommen, um dort als Bergwerksschlosser zu arbeiten. Kurz darauf studierte Lorenz Lochthofen in Moskau Journalistik und arbeitete anschließend als Redakteur bei der deutschsprachigen Zeitung "Nachrichten".

1938 wurde er Opfer der Stalinschen Säuberungen und zu acht Jahren Zwangsarbeit in Workuta verurteilt. Nach seiner Entlassung aus dem Gulag lebte er ab 1947 weiter als Verbannter in Workuta. Erst 1956 durfte Lorenz Lochthofen in die DDR ausreisen, 1957 wurde er rehabilitiert. Den Glauben an den Menschen hat er dennoch nicht verloren, weder in Workuta, noch als später die Bekannten aus der Exilzeit, Walter Ulbricht und Wilhelm Pieck, nichts von ihm wissen wollen. Aber, sein Leben lang sollte er ein "Ehemaliger" bleiben, als einstiger Gulag-Häftling mit Misstrauen betrachtet, trotz einer Partei- und Wirtschaftskarriere, die ihn bis ins Zentralkomitee führte und in das Sömmerdaer Motorenwerk mit 100.000 Mitarbeitern, das er leitete.

Der Journalist und Autor Sergej Lochthofen zu Gast im MDR FIGARO-Café

Lochthofen mit Buch Lochthofen Moritzbastei Lochthofen mit Grammophon

Mit seinem neuen Buch war der Autor Sergej Lochthofen zu Gast im MDR FIGARO-Café. Darin erzählt er die Geschichte seines Vater, der nach Jahren sowjetischer Gefangenschaft in der DDR Karriere machte. [Bilder]


Das "bessere Deutschland"

In den 1970er- und 1980er-Jahren hat Sergej Lochthofen die Erzählungen seines Vaters auf zahlreichen Zetteln gesammelt und in sowjetischen Magazinen vor der Staatssicherheit versteckt. In seinem jetzt erschienen Roman "Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters" beschreibt er jedoch nicht nur den Lebensweg des Vaters, sondern gibt auch Auskunft über die Motivation zahlreicher Menschen, die nach 1945 überzeugt "das bessere" Deutschland aufbauen wollten. "Die Zeit ist reif, nicht mehr nur in Klischees von der DDR zu reden", sagt Sergej Lochthofen. "In den 1990er-Jahren erfolgte die Aufarbeitung unserer Vergangenheit in Schwarz und Weiß, heute können Grautöne hinzukommen, die verständlich machen, was in dem anderen, in unserem Teil von Deutschland passierte."

Lochthofen Moritzbastei
MDR FIGARO

MDR FIGARO Café mit Sergej Lochthofen

Sergej Lochthofen stellt sein Buch "Schwarzes Eis" vor. Darin erzählt er die Geschichte seines Vater, der nach Jahren in sowjetischer Gefangenschaft in der DDR Karriere machte.

07.10.2012, 16:05 Uhr | 84:45 min

Stimme des Ostens

Sergej Lochthofen
MDR FIGARO

FIGAROS Fragen an Sergej Lochthofen

04.10.2012, 08:11 Uhr | 04:58 min

In Workuta 1953 geboren, wuchs Sergej Lochthofen ab dem fünften Lebensjahr in der DDR auf und besuchte eine sowjetische Schule. Anschließend nahm er auf der Krim ein Kunststudium auf, kehrte jedoch nach zwei Semestern zurück, um so dem sowjetischen Militärdienst zu entgehen. Nach einem Volontariat bei der Erfurter SED-Bezirkszeitung "Das Volk", studierte Sergej Lochthofen bis 1977 Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig und arbeitet bis zum politischen Umbruch 1989/90 als Nachrichtenredakteur bei "Das Volk".

Am 13. Januar 1990 wurde Sergej Lochthofen in einer geheimen Urabstimmung zum Chefredakteur der "Thüringer Allgemeinen" gewählt, die zwei Tage später als erste unabhängige Tageszeitung in der DDR erschien. In den vergangenen 20 Jahren erhielt die Zeitung zahlreiche internationale Auszeichnungen der Medienbranche. Sergej Lochthofen machte sich zudem u.a. durch zahlreiche kritische Kommentare im ARD-Presseclub als "Stimme des Ostens" einen Namen. 2009 wurden er und seine ebenfalls in der Zeitung arbeitende Frau von der Verlagszentrale (WAZ) im Streit von ihren Posten enthoben. Proteste zahlreicher Leser und Mitarbeiter, aber auch Verbände wie der Deutsche Journalistenverband oder die Industrie- und Handelskammer Erfurt blieben erfolglos.

Im Januar 2010 wurde Sergej Lochthofen im Deutschen Historischen Museum vom "medium magazin" zum Journalisten des Jahres 2009 in der Kategorie Regionaler Journalismus, Chefredakteur und Autor ausgezeichnet.  Seither arbeitet er als freier Journalist und Autor.

artour-Interview mit Sergej Lochthofen

Sergej Lochthofen hat die Geschichte seiner Familie aufgeschrieben. Notizen dafür hatte er sich schon in der DDR gemacht. Im Interview verrät er mehr zur Entstehung des Buches.

20.09.2012, 22:05 Uhr | 10:33 min

Kolumnen von Sergej Lochthofen bei MDR FIGARO:

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2012, 10:27 Uhr

Angaben zur Sendung

MDR FIGARO-Café
Gast: Sergej Lochthofen

Ort: Moritzbastei Leipzig, Veranstaltungstonne (Eintritt frei)

Sendung:
So., 07.10.2012, 16:05 -17:30 Uhr

Wiederholung
Di., 09.10.2012, 22:00-23:30 Uhr

Moderation: Thomas Bille
Redaktion: Angelika Zapf
Musik: Stephan König

Literatur

Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters, Rowohlt Verlag, 2012

Ausstellung

Noch bis 21. Oktober 2012 im Schiller-Museum Weimar:

"Gulag. Spuren und Zeugnisse 1929-1956" - Eine Ausstellung der Gedenkstätte Buchenwald und der Organisation Memorial

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