Zeitgeschehen

Schwerpunkt | MDR FIGARO | 12.10.2012 | Zum Nachhören : Sorbisches Leben heute

Vor 100 Jahren wurde in Hoyerswerda die Domowina als "Dachverband wendischer Vereine und Verbände" gegründet. Das Kulturradio MDR FIGARO widmet dem Jubiläum zahlreiche Beiträge und Interviews.

Sonderbriefmarke zum 100. Jubiläum der Domowina.

Von Luther angefeindet, das Land nach dem Wiener Kongress 1815 zerstückelt, unter den Nazis die Sprache aus der Öffentlichkeit verbannt, Bücher und Schriften vernichtet - das Leben der Sorben ist in besonderer Weise vom Existenzkampf gekennzeichnet. Um der territorialen Zersplitterung und Zurückdrängung alles Sorbischen in Deutschland entgegenzuwirken, wurde 1912 in Hoyerswerda der Bund der Sorben, die Domowina, gegründet. 1937 wurde der Bund verboten. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete sich die Domowina in der Oberlausitz neu, wurde allerdings von der Staatsmacht vereinnahmt und auf die Pflege der Kultur reduziert. Seit dem Umbruch 1989 setzte ein Erneuerungsprozess ein. Die Domowina begreift sich seitdem als politisch unabhängiger Dachverband sorbischer Vereine und sieht den Erhalt und die Pflege der sorbische Sprache und Kultur als wichtigste Aufgaben.

Bildergalerie: Die Sorben heute

Ostersingen in der Kirche Dissen (Dešno) Gründung der Stiftung für das sorbische Volk im Oktober 1991 in der Kirche von Lohsa (Łaz) bei Hoyerswerda Sorbischunterricht in der Grundschule Schleife (Slepo), 2008

Die Lausitz ist die Heimat der Sorben, der kleinsten slawischen Nation und eine der ältesten Minderheiten Deutschlands. Ein Blick in den Alltag der Sorben. [Bilder]


Tradition und Moderne

Aus Anlass der Gründung der Dowowina vor 100 Jahren sendet MDR FIGARO ein Interview mit David Statnik, dem Vorsitzenden der Domowina. Der erst 29-jährige Bühnenmeister am Sorbischen Nationalensemble in Bautzen ist der zweitjüngste Vorsitzende in der Geschichte der Domowina. Mit ihm fand ein Generationswechsel beim Dachverband der Sorben statt. Wo steht die Domowina heute? Was sagt Statnik zu mehr demokratischem Mitspracherecht und einem eigenen Parlament? Ist es heute wieder "cool", Sorbe zu sein? Wie wird die Sprache revitalisiert? War der Fall des Eisernen Vorhangs eine Befreiung oder ist der Druck auf die Minderheit danach gewachsen?

Trachten, Tänze, Ostereier? Wie lebendig sind Volkskunst und Brauchtum heute?

Sorben feiern in Grötsch/Groźišćo 1987
Erinnerung: Sorben feiern 1987 in dem Ort Grötsch/Groźišćo, der sechs Jahre später der Braunkohleförerung zum Opfer fiel.

Sorbisches Brauchtum verbinden viele vor allem mit Ostern - mit kunstvoll verzierten Ostereiern und  festlich gekleideten  Osterreitern auf ihren geschmückten Pferden. Auch die Frauen trugen früher an Feiertagen aufwendig gearbeitete Tracht. Über Jahrzehnte wurden die schmucken Hauben, Tücher und kunstvoll bestickten Schürzen der Großmütter und Ur-Großmütter in Truhen aufbewahrt, nur hervorgeholt zu bestimmten Anlässen von den zahlreichen Brauchtumsgruppen.  Zunehmend aber entdecken auch junge  Sorben die Tradition neu und besinnen sich auf ihre Wurzeln. Davon konnte sich Grit Krause beim Erntedankfest in Schwarzkollm bei Hoyerswerda überzeugen.

Sorbischer Jazz?

Die Sorben gelten als ausgesprochen sangesfreudig und  können auf einen reichen Schatz an Volksliedern zurückgreifen. Ob Tanz- oder Wiegenlied, ob mitreißend oder melancholisch, das Spektrum der Melodien ist groß. Dieser klanglichen Fülle und damit den eigenen Wurzeln widmet sich der Dresdner Jazzpianist Clemens Pötzsch mit seinem Quartett Slavicon. In ihren Konzerten verbinden die vier jungen Musiker traditionelle slawische Rhythmen mit spielerischer Improvisation. Grit Krause stellt die Musiker vor.

Neue sorbische Literatur: "Der Tiger im Pyjama"

Neben Róža Domašcyna, Jurij Koch und Kito Lorenc gehört der 1950 geborene Benedikt Dyrlich zu den bekanntesten sorbischen Schriftstellern der Gegenwart. Nach dem Studium der katholischen Theologie arbeitete er zunächst am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen. 1990 zog er für vier Jahre als Kandidat der SPD in den Sächsi-schen Landtag ein. Bis 2011 leitete er dann als Chefredakteur die sorbische Abendzeitung Serbske Nowiny. Seit seinem Debüt mit der Lyriksammlung "Grüne Küsse" im Jahr 1975 hat er ein Dutzend Gedichtbände in sorbischer und auch in deutscher Sprache vorgelegt. Der jüngste trägt den Titel "Der Tiger im Pyjama". Ulf Heise stellt ihn vor.

Sorben in der Diaspora

Heute leben gerade noch 60.000 Sorben in der brandenburgischen Nieder- und in der sächsischen Oberlausitz. Aber es sind auch Tausende Sorben, die in den letzten Jahren – so wie viele ihrer Vorfahren auch – die Heimat verlassen haben, um in der Fremde Arbeit zu finden und dort zu leben. In Leipzig und Dresden haben sich veritable sorbische Zentren mit aktiven Netzwerken gebildet. Was hier in Sachen sorbischer Kultur passiert, das gelangt meist sehr schnell via Internet, Facebook und sorbischer Blogs in die Lausitzer Dörfer. Wir haben eine sorbische Elterngruppe in der Dresdner Neustadt besucht, die seit zwei Jahren einen sorbischen Tagesvater unterstützt und jetzt auch eine sorbische Kindergartengruppe gründet. Heike Schwarzer über das neue Selbstbewusstsein unter jungen Dresdner Sorben.

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2013, 10:13 Uhr

Ausstellungen

• "Domowina - Heimat der Sorben: 1912 in Hoyerswerda gegründet"
Sonderausstellung im Stadtmuseum Hoyerswerda
Bis 4. November 2012

• "In der Heide - Sorbisches auf der Kippe?"
Bis 3. Februar 2013
Sorbisches Museum Bautzen

Gründung der Domowina

Domowina ist ein sorbisches Wort für Heimat. Und Heimat ist für die überwiegend in der Lausitz lebende slawische Minderheit in Deutschland von jeher etwas Bedrohtes, Schützenswertes. Wurde die Zahl der Sorben um 1890 noch auf etwa 160.000 geschätzt, so wird sie heute mit 60.000 angegeben.

Die Domowina gilt als Interessenvertretung der Sorben. Als die sorbische Sprache im 19. Jahrhundert zu verstummen drohte, riefen Männer wie Jan Arnošt Smoler eine Bewegung ins Leben, die Serbske wozrodzenje, die sorbische Wiedergeburt. Getragen wurde sie vor allem von Pfarrern und Lehrern. Smoler gründete 1847 in Bautzen den sorbischen Kultur- und Wissenschaftsverein Maćica Serbska.

In der Folge bildeten sich zahlreiche Kultur-, Gesangs-, Lehrer- und Wirtschaftsvereine, evangelische und katholische sorbische Vereine, 1888 kam der Zentrale sorbische Bauernverband und 1880 die niedersorbische Schwester der Maćica Serbska hinzu. Immer wieder gab es Versuche, die Zersplitterung der Vereine zu überwinden, auch um ein größeres politisches Gewicht zu bekommen. Aber erst 1912 gelang es schließlich. Zwischen Struga und Satkula, in Wojerecy zu deutsch Hoyerswerda, trafen sich am 13. Oktober 60 Vertreter aus 31 Vereinen, um die Domowina zu gründen.

Hoyerswerda war damals ein kleines Ackerbürgerstädtchen, das an der Grenze zwischen Sachsen und Preußen und von Ober- und Niederlausitz lag und also "Brückencharakter" hatte.

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