Zeitgeschehen

Serie| MDR FIGARO | ab 24.09.2012 | FIGARO vor Ort | 28.09.2012 | 18:05 Uhr : Stadt, Land, Flucht

In den 1990ern zogen viele Großstädter aufs Land. Nun hat sich der Trend umgekehrt. Über die Folgen debattieren vom 28. bis 30. September Stadtplaner, Architekten und Regionalpolitiker in Leipzig. MDR FIGARO beleuchtet in einer Themenwoche verschiedene Aspekte dieser Entwicklung und überträgt am Freitag ein Podiumsgespräch mit dem Jenaer OBM, dem Landrat des Burgenlandkreises, einem Abteilungsleiter im sächsischen Innenministerium und einer Raumplanungs-Expertin aus der Schweiz.

Landschaft mit Stadt Jena im Hintergrund

Die Deutschen träumen vom Landleben und von der Selbstversorgung, vom Häuschen am Waldrand, vom Leben im "grünen Bereich". Doch die Landliebe findet hauptsächlich in den Köpfen, in Literatur, Kunst und Kochbüchern statt. Die Realität sieht anders aus: Immer mehr Deutsche ziehen in die Metropolregionen, wollen die Bequemlichkeit der dortigen Infrastruktur und die unmittelbare Teilhabe am kulturellen Angebot nicht mehr missen.

Boomende Innenstädte - verödende Landregionen

Ein leerstehendes Haus mit kaputten Fenstern
Nicht nur in Mecklenburg, auch in mitteldeutschen Dörfern stehen immer mehr Häuser leer.

Derzeit erlebt die Innenstadt eine Renaissance als Wohn-, Lebens- und Investitionsstandort. Die Nachfrage nach städtischem Wohnraum steigt und damit die Mieten. Das führt zur Verdrängung ärmerer Bevölkerungsschichten aus den innerstädtischen Gebieten und den Kernrandlagen. Wer genügend Geld hat, kann in der Innenstadt gut wohnen. Zugleich nimmt auch das Gefälle zwischen den Städten weiter zu.

Während etwa Jena oder Leipzig auch ohne Eingemeindungen auf eine wachsende Einwohnerzahl verweisen können, gibt es auch Verlierer-Städte. Suhl zum Beispiel werden in den kommenden 20 Jahren weitere 42 Prozent Bevölkerungsverlust prognostiziert. Hier wie auch in den perspektivlosen, strukturschwachen Landregionen beschleunigen sich Entleerung und Verödung dramatisch.

Städteplaner und Regionalpolitiker diskutieren in Leipzig und live bei MDR FIGARO am 28. September

Mehrere Einfamilienhäuser stehen vor entkernten Bauten der Plattenbausiedlung Neu Olvenstedt in Magdeburg
Durch die Stadtflucht in den 1990er-Jahren entstanden auch rings um viele Großstädte in Mitteldeutschland sogenannte "Speckgürtel" aus Eigenheim-Siedlungen.

Vom 28. bis 30. September findet in Leipzig die Jahrestagung der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung statt. Deren Mitglieder sind Stadtbauräte, Urbanisten, Planungswissenschaftler aus ganz Deutschland. Die vor 90 Jahren in Dresden gegründete Akademie will Städtebau und Landesplanung mit wissenschaftlichen Studien und Gutachten unterstützen. Das Motto der Tagung in Leipzig lautet: "Neue Polarisierungen von Stadt und Land? Diskurs über veränderte Zentralitäten und künftige Aufgabenverteilungen." Es geht also um den Gegensatz zwischen wachsenden Städten und schrumpfenden, meist ländlichen Kommunen und wie Planer darauf reagieren sollten. Müssen wir in Zukunft von einem neuen Gefälle ausgehen, das nicht mehr Nord-Süd oder West-Ost heißt, sondern Stadt-Land?

MDR FIGARO diskutiert am Freitag, 28.09.2012, von 14:30-15:30 Uhr in der Schaubühne Lindenfels auf einem öffentlichen Podiumsgespräch. Den Mitschnitt können Sie am selben Tag 18:05-19:00 Uhr im Radio hören. Zu Gast bei Thomas Bille sind Experten aus den drei mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie aus der Schweiz. Schon durch ihr jeweiliges Amt haben sie einen ganz unterschiedlichen Blick auf das Thema.

Im Podiumsgespräch diskutieren:

Ulrich Beyer

Ulrich Beyer
Ulrich Beyer

Als Ministerialdirigent und Abteilungsleiter im Sächsischen Staatsministerium des Inneren in Dresden ist er zuständig für Stadt- und Regionalentwicklung. Neben den Wachstumsregionen um Leipzig, Dresden, Freiberg und Chemnitz gibt es im ostdeutschen Vorzeigeland Sachsen Problem-Städte wie Weißwasser, deren Einwohnerzahl sich seit 1990 halbiert hat. Nicht besser sieht es in vielen ländlichen Regionen aus. Vor allem in der Lausitz und in der Sächsischen Schweiz schrumpft die Bevölkerung, der öffentliche Nahverkehr wird dort immer weiter ausgedünnt, das Schulnetz löchrig, Arztpraxen und Polizeistationen verschwinden.

Dr. Albrecht Schröter

Jenas Oberbürgermeister steht an der Spitze einer boomenden Stadt, die mit ihren Arbeitsplätzen, Bildungs- und Kulturreinrichtungen eine wichtige Rolle für die sogenannte Impuls-Region im thüringischen Städte-Dreieck Erfurt-Weimar-Jena spielt, aber auch darüber hinaus. Umgekehrt liegt ein gutes Verhältnis zu den Umlandgemeinden aber auch im wohlverstandenen Eigeninteresse der Großstadt.

"Eine enge Kooperation mit dem Umland ist wichtig für unsere Stadt. Mittelfristig brauchen wir für die Entwicklung von Flächen für Gewerbe und Wohnen den Zusammenschluss mit Nachbargemeinden."


Albrecht Schröter
Homepage des Jenaer OBM

Albrecht Schröter, OBM von Jena
Albrecht Schröter

2006 zum Jenaer OBM gewählt, übernahm Schröter im Mai 2012 auch den Vorsitz im Gemeinsamen Ausschuss der Metropolregion Mitteldeutschland. Dazu gehören die Landeshauptstädte Magdeburg, Erfurt und Dresden, der Ballungsraum Halle-Leipzig weiterhin Chemnitz und Zwickau in Sachsen, Halle und Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt sowie Jena, Gera und Weimar in Thüringen. Auf einer Fläche von ca. 2.000 Quadratkilometern leben dort 2,4 Millionen Einwohner.

Harri Reiche

Der Landrat des Burgenlandkreises an der Grenze Sachsen-Anhalts zu Sachsen und Thüringen sieht sich u. a. mit den Folgen der Kreisgebietsreform von 2007 konfrontiert. Damals wurde sie gegen manche Widerstände durchgesetzt als Reaktion auf demografische Veränderungen in der Region. Die 13 Städte in seinem Verantwortungsbereich sind allesamt Klein- und Mittelstädte, mehrere von ihnen aber mit großem kulturhistorischem und touristischem Potenzial. Gemeinsam mit den Vereinigten Domstiftern und der Stadt Naumburg bemüht sich der Kreis deshalb um die Aufnahme des Naumburger Doms und der hochmittelalterlichen Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut ins UNESCO-Weltkulturerbe.

Dr. Maria Lezzi

2009 wurde sie zur Direktorin des Bundesamtes für Raumentwicklung der Schweiz gewählt. Sie kennt die Verhältnisse in Sachsen-Anhalt nicht zuletzt durch ihre Teilnahme an der Internationalen Bauausstellung 2010 mit dem Thema "Stadtumbau". Ihren Vortrag in der Eröffnungskonferenz stellte sie damals unter das Motto "Kleiner, klüger, kooperativer? Die kleinen Städte als Avantgarde der Stadtentwicklung". Die eidgenössischen Städte lassen sich, jedenfalls, was ihre Größe angeht, durchaus mit Erfurt, Leipzig, Halle oder Dresden vergleichen.

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2012, 11:30 Uhr

Die Beiträge in der Themenwoche

24.09. | Journal am Mittag: Wohnen gegen den Verfall

25.09. | Journal am Mittag: Stadtgeschichte erzählen durch Licht und Laufen

Seit Dienstag stehen die neuen Höfe am Brühl den Leipzigern und allen Besuchern offen: zum Einkaufen, Schlendern, Konsumieren - und Kritisiert-Werden.
MDR FIGARO spricht mit dem Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Dr. Arnold Bartetzky.


25.09. | Journal am Nachmittag: Lebensmodell Diaspora

26.09. | Journal am Mittag: Mit den Stadtplanern überm Stadtplan

26.09. | Journal am Nachmittag: Cityshopping in Zittau?

Das ist noch nie passiert: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz rügt eine Stadt in einem offenen Brief. Grund ist der Bau eines Innenstadteinkaufscenters von 12.000 Quadratmetern.


28.09. | Journal am Morgen: Die deutsche Stadt? Ein Ballett!

Connor Donevan ist Gastjournalist bei MDR FIGARO. Er ist Amerikaner und hat für uns eine sehr persönliche Betrachtung der deutschen Stadt angestellt, die im gegensatz zur amerikanischen meist ein Zentrum hat.


28.09. | Journal am Mittag: Stadt und Land für kleine Architekten

MDR FIGARO-Redakteurin Katrin Schumacher stellt neue Kinderbücher vor, die Stadt und Land architektonisch erkunden.

Buchtipps für Kinder

Germano Zullo / Albertine:
Die Hochhausstapler.
Aus dem Französischen von Niklas Maak. Sanssouci Verlag. 48 Seiten, 14,90 Euro.

Leporello. Die Stadt im Wandel der Zeit.
Illustriert von Hans Baltzer. Jacoby & Stuart. 32 Seiten, 14,95 Euro.

Heike Ossenkop / Ferenc B. Regös / Rolf Toyka: Achtung, Baustelle Bauernhof!
Gerstenberg Verlag. 32 Seiten, 16,95 Euro.

Sachbuch-Tipps:

Hans-Jörg Bullinger / Brigitte Röthlein:
Morgenstadt. Wie wir morgen leben. Lösungen für das urbane Leben der Zukunft. Hanser Verlag, 286 Seiten, 24,90 Euro.

Michael Ziehl / Sarah Oßwald / Oliver Hasemann / Daniel Schnier:
Second Hand Spaces. Über das Recyclen von Orten im städtischen Wandel.
Jovis Verlag, 464 Seiten, 29,95 Euro.

Gerhard Henkel:
Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute.
Theiss Verlag, 344 Seiten, 49,95 Euro.

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