Literatur & Film

Buch der Woche | MDR FIGARO | 16.10.2012 | Audio : Ursula Krechel - "Landgericht"

Für diesen Roman erhielt die 1948 in Trier geborene Autorin den Deutschen Buchpreis. Vollkommen zu Recht, findet MDR FIGARO-Literaturredakteur Michael Hametner, der das Buch vorstellt.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel am 08.10.2012 bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2012 im Römer in Frankfurt am Main.
Ursula Krechel am 8. Oktober bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2012

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an die 1948 in Trier geborene Schriftstellerin Ursula Krechel für ihren Roman "Landgericht". Er geht damit auch an einen Kleinverlag, den österreichischen Verlag Jung und Jung mit Sitz in Salzburg. Krechel setzte sich bei der Preisvergabe als einzige Frau unter den nominierten Finalisten gegen ihre fünf Mitbewerber Ernst Augustin, Wolfgang Herrndorf, Clemens J. Setz, Stephan Thome sowie Ulf Erdmann Ziegler durch. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

"Landgericht ist ein bewegender, politisch akuter, in seiner Anmutung bewundernswert kühler und moderner Roman“

Aus der Begründung der Jury für den Deutschen Buchpreis 2012

Im Zentrum des Romans "Landgericht" steht der Richter Richard Kornitzer, ein deutscher Jude, der 1938 vor den Nazis nach Kuba geflohen ist. 1948 kehrt er nach Deutschland zurück. Er ist damit einer der wenigen jüdischen Rückkehrer. Zusehends leidet er jedoch unter der vermeintlichen Opferrolle, in der sich die Menschen in Deutschland sehen. Keiner trägt Schuld an den Ereignissen der Nazi-Zeit.

Auch unter den Richtern sieht sich keiner seiner Kollegen durch seine Vergangenheit kompromittiert. Zwar erlangt Richard Kornitzer eine öffentliche Wiedergutmachung, unter anderem, indem er als Landgerichtsrat in Amt und Würden gelangt. Doch auf der persönlichen Ebene bleibt ihm dies versagt. Kornitzer reibt sich daran immer mehr und wird letztlich zum Fragen stellenden Störenfried.

"Kornitzers Schicksal offenbart ein Versagen in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte."

Michael Hametner, MDR FIGARO-Literraturredakteur

Die Schriftstellerin Ursula Krechel posiert am 08.10.2012 beim Fotocall anlässlich der Feierstunde zur Preisverleihung des Deutschen Buchpreises 2012 im Römer in Frankfurt am Main.
Ursula Krechel

Ursula Krechel gelingt es in ihrem Roman, dem, Leser keine vorgefertigte Meinung vorzusetzen. Sie lässt ihm die Freiheit, seine eigene Position zu den Personen und Ereignissen einzunehmen. Obwohl die Hauptfigur des Richard Kornitzer nicht auf einer realen Person basiert, sind seine Sichtweisen und erlebnisse doch dicht am tatsächlichen Zeitgeschehen. Krechel reichert das Buch zudem mit tatsächlichen Gerichtsfällen und Zeitschilderungen an, die aufzeigen, dass das Schicksal Kornitzers kein Einzelschicksal ist. Den Deutschen Buchpreis erhält sie für ihr Werk zu Recht.

"Ursula Krechel weitet das Schicksal Kornitzers zu einem Zeitbild aus, wie kalt Deutschland gegenüber jüdischen Rückkehrern war."

Michael Hametner, MDR FIGARO-Literraturredakteur

MDR FIGARO - Das Buch der Woche zum Nachhören

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2012, 18:15 Uhr

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