Literatur & Film

Buch der Woche | MDR FIGARO | 18.12.2012 | Zum Nachhören : "Das Kind, das nicht fragte" von Hanns-Josef Ortheil

Ein Liebesgeschichte fernab aller Klischees ist der neue Roman von Hanns-Josef Ortheil. MDR FIGARO-Literaturkritiker Ulf Heise vergleicht ihn in der Qualität seiner Figurenprofilierung sogar mit der literarischen Ikone Thomas Mann.

Hanns-Josef Ortheil

Wenn jemand die ersten sieben Jahre seines Lebens stumm verbracht hat und erst dann mit Sprechen anfängt, ist die Wahl eines Berufes, der mit der Kunst der Worte zu tun hat, ungewöhnlich. Hanns-Josef Ortheil, dessen Mutter aufgrund traumatischer Erlebnisse im Krieg verstummte, tat es ihr in den ersten Jahren seines Lebens gleich und schwieg, nicht etwa, weil er von Natur aus stumm geboren war, sondern um sich in die Innerlichkeit zu flüchten. Er ist das einzige von fünf Geschwisterkindern, das den Krieg überlebte. Zwei starben bei der Geburt, zwei während des Krieges. Den Tod eines ihrer Kinder durch einen Granatsplitter mit anzusehen, ließ die Mutter von Hanns-Josef Ortheil verstummen. Und auch er sprach daraufhin für die ersten, prägenden Jahre seines Lebens nicht.

Mit Hilfe seines Vaters fand Hanns-Josef Ortheil jedoch zur Sprache und ging sogar so weit, dass er das künstlerische Jonglieren mit den Worten, die Schriftstellerei zu seinem Beruf erwählte. Nach einer zunächst angestrebten und durch gesundheitliche Probleme gestoppten Karriere als Pianist studierte er Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Komparatistik und promovierte an der Universität Mainz in Literaturwissenschaft.

Lebenshilfe vom Vater

Hanns-Josef Ortheil hat mittlerweile etwa ein Dutzend Romane vorgelegt, die von der Kritik hoch gelobt wurden. Er schaut dabei auch immer wieder in seine eigene Vergangenheit und verarbeitet dies in seiner Literatur. So setzte er sich in dem Roman "Die Erfindung des Lebens" mit seinem kindlichen Mutismus auseinander. Auch in seinem 2010 erschienen Roman "Die Moselreise. Roman eines Kindes." verarbeitete er eine weitere frühere Einschränkung seines Lebens, er konnte sich nicht zu weit von seinem Wohnort entfernen, fremde Orte ängstigten ihn. Wie schon bei seinem Verstummen half Ortheil auch bei der Überwindung dieses Problems sein Vater.

"Er ist aus meiner Sicht, was die Figurenprofilierung angeht, der Schriftsteller, der in der Gegenwart heute am allerdichtesten an Thomas Mann dran ist."

Ulf Heise, MDR FIGARO-Literaturkritiker

Eine gelungene Liebesgeschichte

In seinem neuen Roman "Das Kind, das nicht fragte" knüpft Ortheil an die "Moselreise" an. Der Titelheld Benjamin Merz ist ein 38-jähriger Ethnologe, der zur Feldforschung nach Sizilien reist und sich dort unsterblich verliebt. Doch er kann sich nicht öffnen und der Angebeteten seine Innerlichkeit offenbaren.

Eine Liebesgeschichte zu schreiben ist immer eine literarische Gratwanderung, an der viele Autoren scheitern. nicht jedoch Hanns-Josef Ortheil. Er schafft es, die lockenden Gefahren des Kitsches zu umgehen und sogar die Erotik in meisterhafter Weise einzubinden. MDR FIGARO-Literaturkritiker Ulf Heise zeigt sich von diesem Roman durchweg begeistert.

"Ein Liebesroman ist natürlich immer ein gefährliches Pflaster, das muss man wissen. Dichte Fallstricke liegen an jeder Ecke und überall lauert das Klischee, die abgegriffene Formulierung. Aber Ortheil schafft es wirklich - das muss man einfach sagen, denn darin ist er ein ganz, ganz großer Meister - die Stromschnellen des Kitsches und der Sentimentalität zu umschiffen."

Ulf Heise, MDR FIGARO-Literaturkritiker


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Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2012, 18:15 Uhr

Angaben zum Buch

Hanns-Josef Ortheil - "Das Kind, das nicht fragte"
Roman
432 Seiten, gebunden
Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 978-3630873022

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