Literatur & Film

Buch der Woche | MDR FIGARO | 10.07.2012 | Audio : Raoul Schrott - "Das schweigende Kind"

Bislang ist Raoul Schrott eher als Meister der langen Erzählform bekannt geworden. Sein neues Buch ist mit 200 Seiten erstaunlich dünn. Doch es betrachtet ein gewichtiges Thema, den Umgang mit der Gewalt.

Raoul Schrott
Der Schriftsteller und Übersetzer Raoul Schrott ist 1964 in Tirol geboren

Raoul Schrott ist bislang als Meister der langen Erzählform bekannt geworden. Er übertrug zudem Bücher wie die Ilias oder den Gilgamesch-Epos ins Deutsche. Nun legt er ein für ihn erstaunlich dünnes Buch vor. Mit etwa 200 Seiten kann man "Das schweigende Kind" kaum als Roman, eher als Novelle oder Erzählung betrachten.

Der Hintergrund der hier erzählten Geschichte ist tragisch. Eine kleine Familie bricht auseinander, jedoch nicht nur aus den üblichen Gründen wie Entwöhnung oder Verantwortungsflucht. Der Vater hat die Mutter des gemeinsamen Mädchens getötet. Das Kind verweigert nun die Sprache, es schweigt. Die Mutter fühlte sich von der masochistischen Sexualität angesprochen und ist dabei durch ihren Mann ums Leben gekommen. Es war jedoch kein geplanter Mord sondern eine Art "sexueller Unfall".

Eine Lebensbeichte

Der Vater sitzt mittlerweile in einer Anstalt, hadert mit seiner Vergangenheit und will vor seiner Tochter eine Lebensbeichte ablegen. Da das schweigende Kind keinen Dialog ermöglicht, entsteht hier ein Monolog in Schriftform. Der Vater sieht sich als gescheiterten Menschen, sowohl für seine Tochter, wie auch in seiner Profession als Maler sowie als Ehemann.

Doch es geht in diesem Buch nicht nur um das Zerbrechen einer Familie. Der Autor  tastet sich vorsichtig an eine der Schlüsselfragen der Menschheit und der Gesellschaft heran: dem Umgang mit der Gewalt. Diese findet auf vielen Ebenen statt, teils direkt spürbar, teils subtil und manchmal auch gewollt.

Raoul Schrott nähert sich dem Thema sehr zögerlich, was für ihn eher untypisch scheint. Doch er verweist damit auch auf die Ängstlichkeit aller, sich wirklich tiefgehend mit dem Thema Gewalt auseinander zu setzen. Und dadurch ermöglicht er auch dem Leser eine behutsame Annäherung an die dunklen Seiten des Menschseins.

"Der Autor Raoul Schrott arbeitet sich hier an den vielfältigsten Ausdrucksformen von Gewalt ab, im politischen wie im privaten Leben."

Tilmann Krause, MDR FIGARO-Literaturkritiker


MDR FIGARO - Das Buch der Woche zum Nachhören

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2012, 18:15 Uhr

Angaben zum Buch

Raoul Schrott - "Das schweigende Kind"
Erzählung
200 Seiten, gebunden
ISBN 978-3446238640
Hanser Verlag


© 2013 MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK