Buchjournal | MDR FIGARO | 21.07.2012 | 19:05 Uhr (Wh.) : Rausch und Reise
Zum Beginn der großen Ferien widmet sich das Buchjournal ganz dem Reiserausch, der berauschenden Reise, dem Schweifen in die Ferne. Katrin Schumacher und Stefan Maelck sind dazu im Gespräch mit dem Leipziger Anglisten Elmar Schenkel, sie spüren zusammen mit dem Verleger Moritz Kienast dem speziellen Rauschzustand nach, den unsere Hauptstadt Berlin auslöst, und sie stellen neue Bücher vor, die sie berauscht haben.
Poetische Exkursionen
Der Rausch, im medizinischen Sinne ein Zustand nach dem Konsum einer bewusstseinsverändernden Substanz, hat schon seinen Wurzeln nach mit dem Reisen zu tun. Das Wort "Rausch" stammt ab vom Mittelhochdeutschen "riusen", was ursprünglich soviel wie ungestüme Bewegung oder Anlauf bedeutet.
Wenn jemand reist, so begibt er sich in Bewegung. Und landet - ob ungestüm oder nicht - in einen Zustand des erweiterten Horizonts.
Anlauf genommen und einen großen Teil seiner Reiseräusche in poetische Exkursionen verpackt hat der Leipziger Anglist, Maler und Literat Elmar Schenkel. Mit ihm sprechen wir über den Jojo-Effekt von Reisen, über Planbarkeiten und Überraschungen. Darüber, wie man sich einen Ort zum Reiseziel macht, der direkt vor der eigenen Haustür liegt - und darüber, was die Bewegung des Reisens mit der Bewegung des Schreibens zu tun hat.
Liebe und Hass - Rauschzustand Berlin
Schon Fjodor Dostojewski befand 1874: "Aber mein Gott, was für eine langweilige, entsetzliche Stadt ist Berlin!" Der Hass auf die Hauptstadt hat Tradition, selbst Brecht, Heine, Kleist schütteten Häme aus auf unsere Hauptstadt, die derzeit der Anziehungspunkt für Menschen aus aller Welt ist. Von der kreativen Atmosphäre berauschte Zugezogene bestimmen genauso wie dem Alkoholrausch verfallene Touristen das Stadtbild - zur Freude und zum Ärgernis. Berlin-Hasser können sich jetzt wiederum an literarischen Boshaftigkeiten berauschen:
Der Verleger Moritz Kienast hat die Anthologie "I hate Berlin. Unsere überschätzte Hauptstadt" herausgegeben. Das Buch versammelt bekannte Namen wie Matthias Politycki, Wiglaf Droste, Rainer Moritz, Burkhard Spinnen, Karl Heinz-Ott und weniger bekannte Namen, die dafür meist mit herrlichen Texten überraschen. Bei MDR FIGARO erzählt Moritz Kienast über die Idee zu dem Buch, darüber, wie seine erste Berlin-Begegnung war und weshalb sich manche Hasstirade dann doch wie eine Liebeserklärung liest. Der nächste Berlin-Besuch schon in Planung? Wenn, dann mit diesem Buch zur Vorbereitung!
Dylan Thomas - Waliser. Dichter. Trinker
Er ist der bedeutendste walisische Dichter des 20. Jahrhunderts, sein Zeitgenosse Igor Stravinsky hielt ihn sogar für den besten lebenden Schriftsteller überhaupt: Dylan Thomas. 1914 in Swansea, Wales geboren und 1953 im Alter von 39 Jahren in New York City gestorben, an einer Lungenentzündung, die er wegen seiner Alkoholexzesse nie richtig auskurieren konnte. Bei ihm stand der Rausch in mehrfachem Sinne im Vordergrund: als Autor im Rausch des Schreibens und als handfester Trinker in Form von bewusstseinserweiternden oder -trübenden Getränken.
Elke Heidenreich hat dem Waliser ein Buch gewidmet, in dem ihr Text mit Fotos von Tom Krausz zusammenkommt. Ein Buch, das der Strahlkraft von Thomas' Dichtung ebenso wie der wunderbaren Walisischen Landschaft huldigt. Stefan Maelck stellt das Buch im Gespräch vor.
Wenn Dichter reisen - Text-Bild-Bände ...
Wenn einer eine Reise tut … Dichter lassen sich seit jeher gerne davon inspirieren, wenn sich ihr Körper in Bewegung setzt. An fremden Orten scheint man meist mehr zu erleben als im trauten Heim. Fremde Gerüche, Farben, Geräusche verfeinern die Sinne, fremde Körper sind zu besehen und zu erfühlen, ungewohnte Luftfeuchtigkeit oder Temperaturen versetzen in unruhige und literarisch sehr fruchtbare Zustände.
Da wird der Blick auf den Anderen zum Blick auf das Eigene, es messen sich die Werte und Zeichen. Der fremde Ort ist ein Raum, der sehr konkret zu erfassen ist und doch Phantasmen birgt: Geheimnisse, Spekulationen, die Frage nach dem eigenen Platz darin. Katrin Schumacher stellt drei neue Fotobände vor, in denen Poeten sich auf den Weg gemacht haben. Um mit Bildern und Texten zurückzukehren ...
Trojanow in Kalkutta, Alice Schwarzer in Burma, Ostermeier in Venedig
Der Schriftsteller Ilija Trojanow und die Fotografin Anja Bohnhof erkunden zusammen die "Stadt der Bücher" Kalkutta. Rings um die College Street gibt es mehr als 5.000 Buchläden - ein Labyrinth aus Millionen von Büchern. In Bildern und kleinen Texten wird dieses farbenprächtige Spektrum lebendig.
Zusammen mit der Fotografin Bettina Flitner hat die Autorin Alice Schwarzer Burma besucht. Ein Land, in dem die Männer Röcke tragen und die Frauen im Gesicht die weiße Kreide des Tanakabaumes.
Mit einer Linhof Technika Großformatkamera und schwarzweißen Polaroid-Filmen ist der Fotograf Christopher Thomas in Venedig unterwegs gewesen. Dann, wenn keine Menschen auf den Straßen waren, nachts, frühmorgens.
Seine eindringlichen menschenleeren Bilder scheinen aus der Zeit gehoben - zum Sirren gebracht zudem von 19 Gedichten Albert Ostermeiers, die zwischen die Fotos gestreut sind.
Angaben zur Sendung
Buchjournal im Juli
Sendung:
Do., 19.07.2012, 18:05 Uhr
Wiederholung:
Sa., 21.07.2012, 19:05 Uhr
Redaktion und Moderation:
Katrin Schumacher und Stefan Maelck
Literaturliste:
Elmar Schenkel: Vom Rausch der Reise. Mit fotografischen Impressionen von Hans U. Alder. Futurum Verlag, 296 Seiten, 19,90 Euro
Moritz Kienast (Hg.): I hate Berlin. Unsere überschätzte Hauptstadt. Lübbe Ehrenwirth Verlag, 208 Seiten, 14,99 Euro
Dylan Thomas. Waliser. Dichter. Trinker. Von Elke Heidenreich/Tom Krausz. Knesebeck Verlag, 164 Seiten, 29,90 Euro
Ilija Trojanow und Anja Bohnhof: Stadt der Bücher. Langen Müller, 128 Seiten, 14,99 Euro
Bettina Flitner und Alice Schwarzer: Reisen in Burma. Dumont Verlag, 160 Seiten, 34,95 Euro
Christopher Thomas: Venedig die Unsichtbare. Mit Gedichten von Albert Ostermaier. Prestel Verlag, 160 Seiten, 39,95 Euro
