Thementag | MDR FIGARO | 16.07.2012 | Zum Nachhören : Lene Voigt - die große sächsische Mundartdichterin
Sie ist die große Dame des sächsischen Humors, und sie hat den Menschen ins Herz gesehen. Sehr liebevoll sieht sie auf die Verlierer, mahnt sie, versteht sie aber auch. Unausgesprochen steht immer wieder der Satz "Das hätte auch mir passieren können." Vor 50 Jahren starb sie. Aus diesem Anlass widmet ihr MDR FIGARO einen Thementag.
Am 16. Juli 1962 starb die sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Sie war eine moderne und auch starke Frau, das Schicksal hat sie jedenfalls so schnell nicht in die Knie gezwungen. In den 1920er-Jahren des letzten Jahrhunderts gehörte sie zu den großen Stars des sächsischen Humors. Der war helle, heeflich und heemdigsch, das heißt, Lene Voigt brachte das einfache Volk und die Aristokratie oder das Großbürgertum mit Witz auf Augenhöhe.
Leipziger Kabarett bewahrt Lene Voigt vor dem Vergessen
Bei Lene Voigt galt eine ganz eigene Gerechtigkeit, die das Leben des kleinen Mannes vom Kopf auf die Beine stellte. In ihren Hochzeiten war sie als Dichterin in ganz Deutschland ein Begriff. Doch die Nazis verboten ihre Gedichte, weil der sächsische Dialekt wie auch ihr Witz alles Pathos im Handumdrehen zunichte machte.
Auch in der DDR wurde der Dialekt der Sachsen beargwöhnt, weil alle Bühnentexte sofort eine Ulbricht-Parodie vermuten ließen. Wolfgang U. Schütte und die academixer kramten die Texte der fast vergessenen Dichterin Ende der 1970er-Jahre wieder aus und verhalfen ihr zu großer Beliebtheit.
Früher Hang zum schwarzen Humor
Am 2. Mai 1891 wurde Lene Voigt als Lene Wagner in Leipzig geboren. Ihr Vater war Schriftsetzer. Auf Wunsch der Mutter bekam sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Aber damit hatte die junge Helene wenig Glück. War es ihre Ehrlichkeit oder ihr Hang zum schwarzen Humor, die ihr dabei im Wege standen?
Als Kindermädchen führte sie dem Spross einer Familie mit reichem, aber geizigen Erbonkel ein Puppenspiel vor, in dem der Erbonkel gestorben war. Als sie die Puppen auch noch sagen ließ "Nun lass'n derweil liechen, mir woll'n erscht emal sehn, wo'r sein Geld verbaddlt hat", wurde sie entlassen. Vermutlich, weil sie für den Beruf als Kindergärtnerin eher ungeeignet war, nahm sie eine Buchhändlerlehre auf.
Kurzes Familienglück
Mit der Liebe hatte Lene Voigt auch nicht viel Glück. Mit 23 Jahren heiratete sie 1914 Otto Voigt. Es war eine jener Ehen, die zu Beginn des Ersten Weltkrieges in großer Zahl geschlossen wurden. Wie viele von denen hielt auch die nicht lange.
Nach dem Krieg bereits wurde sie geschieden. Nun hatte Lene Voigt den Status einer - wie wir heute sagen würden - alleinerziehenden Mutter. Aber es kam noch viel schlimmer. Fredi, der Sohn aus dieser Ehe, starb mit vier Jahren an Hirnhautentzündung. Weiter lebte die 33-jährige Frau nun als Single und freie Autorin.
Von der Unverwüstlichkeit
Nach all den Schicksalsschlägen wurde 1925 Lene Voigt mit ihren "Säk'schen Glassiggern" in ganz Deutschland berühmt. Und sie verliebte sich neu. In einen liebenswerten und nach Kräften treuen Windhund. Ein Künstler, der der progressiven Vagabundenbewegung angehörte. Entgegen ihrer Gepflogenheit, Leben und Dichtung zu trennen, schrieb sie ihm das Gedicht: "Mein Liebster ist ein Vagabund". Nach drei Jahren kehrte er nach einer seiner Wandertouren nicht zurück, er war an einem Schlaganfall gestorben.
Nachdem nun ihr auch noch der Liebste weggestorben war, schrieb sie in einem Brief: "Vor fünf Jahren um die gleiche Zeit starb mein einziges Kind, nun der Liebste. Was will man da eigentlich noch selber." Sie floh nach Bremen, noch einmal stürzte sie sich ins Dichten. Und am Ende nahm man ihr auch noch das. Die Nazis verboten ihre Gedichte. Sie landete in der Psychiatrie. Und kam so recht nicht wieder raus. Geheilt, aber nicht gesund, verrichtete sie in der Psychiatrischen Klinik in Leipzig-Dösen Botengänge. Ein Zuhause sonst hatte sie nicht mehr. Es war einfach alles zu viel. Denn unverwüstlich war die große Lene Voigt am Ende doch nicht.
Links ins WWW
Der MDR ist nicht für den Inhalt externer Internetseiten verantwortlich!
Der Thementag im Überblick
Journal am Morgen:
06:40 Uhr | Kalenderblatt
08:40 Uhr | Interview mit Prof. Dr. Beat Siebenhaar vom Institut für Germanistik der Universität Leipzig über Dichtung und Dialekt
08:50 Uhr | Gedicht "Gaffeegespenst", gesprochen von Marie Gruber
Journal am Mittag:
12:40 Uhr | Beitrag über Werk und Leben von Lene Voigt
12:50 Uhr | Gedicht "Dr Bostillion", gesprochen von Marie Gruber
Journal am Nachmittag:
16:20 Uhr | Gedicht "Dr Algohol", gesprochen von Tom Pauls
17:10 Uhr | Interview mit Tom Pauls über Spaß und Ernsthaftigkeit in der Dichtung von Lene Voigt
