Konzert | MDR FIGARO | 01.10.2012 | 20:05 Uhr : Ostrock-Live-Spezial
Musik galt als Verstärker des Lebensgefühls der 1980er-Jahre in der DDR. MDR FIGARO erinnert mit Live-Mitschnitten von Konzerten an Bands wie Renft, City, Karussell, Electra, Silly und Stern Combo Meißen. MDR FIGARO-Musikexperte Stefan Maelck führt durch die Sendung. Hier stimmt er auf seine sehr persönliche Songauswahl ein.
Natürlich kann man keine 40 Jahre in zwei Radiostunden abbilden, deshalb ist diese Auswahl subjektiv – der persönliche Ostrocksoundtrack von jemandem, der 1963 in Wismar geboren wurde und auf Konzerte geht, seit er zehn ist.
An mein erstes Konzert erinnere ich mich ganz genau. Das war 1973. Mein erstes Live-Konzert war Reinhard Lakomy & Ensemble. Von Reinhard Lakomy stammte auch meine erste Langspielplatte, Lackys Dritte, und das Konzert war sozusagen die Initiationszündung für mich.
Weil ich eben erst zehn war, begleitete meine Mutter mich damals auf das Konzert. Lacky, wie Reinhard Lakomy von seinen Fans genannt wurde, war damals ziemlich populär in der DDR. Er spielte so eine Mischung aus Lied, Rock und Pop mit bissigen Texten, so gesellschaftskritisch, wie man es ihm gestattete. Mich hat er auf jeden Fall begeistert mit Liedern wie "Heute bin ich allein", "Und ich geh in den Tag" und "Das Haus wo ich wohne". Meiner Mutter allerdings war es viel zu laut, was da geboten wurde, und fortan musste ich allein auf Konzerte gehen.
Eigenartig, aber wichtig
Ich war in der glücklichen Situation, an der Ostsee aufzuwachsen und dort spielte so ziemlich jede DDR-Band gern, besonders im Sommer. Also Puhdys, City, Renft, Lift, Electra, Karat, Stern Meißen. All diese Bands habe ich inzwischen mehrfach live erlebt und natürlich auch ihre Platten gekauft. Besonders wartete man natürlich auf die Cover-Versionen, also auf das, was die Combos, wie man auch sagte, von den Westbands nachspielten. Also Stücke von Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Chicago, den Stones – das waren richtige Messen, wenn z.B. Elektra aus Dresden damals das komplette Konzeptalbum "Thick as the Brick" von Jethro Tull einschließlich Bühnenshow nachspielten: Bernd Aust, Flötist bei Elektra, stand genau wie Ian Anderson von Jethro Tull bei seinen Flötensoli auf einem Bein. Aus dem heutigen Blickwinkel eine eigenartige Situation, damals aber wichtig.
"No Bomb" - Texte für den Weltfrieden
Dem Staat war daran gelegen, dass DDR-Bands eigene Titel produzierten mit Texten, die auch das sozialistische Leben widerspiegelten. Es galt für Konzerte wie für Diskotheken die Regel, dass 60 Prozent Ost- und 40 Prozent West-Lieder gespielt werden durften. Deshalb hatte man mitunter auch das Gefühl, dass DDR-Bands oft auch Alibi-Titel im Programm hatten, bevor sie so richtig zu ihrem eigenen Stil fanden. Es gab ein paar staatlich genehmigte und hauptamtliche Texter wie Kurt Demmler, Wolfgang Tilgner, Ingeborg Branoner oder Fred Gertz, später kamen Leute wie Werna Karma dazu. Die Bands versahen ihre eigenen Kompositionen mit einer Art englischen Arbeitstext, die Texter bekamen dann die Bänder und verfassten dazu politisch korrekte deutsche Texte. Hin und wieder schrieben auch Dichter für die Bands wie Ulrich Plenzdorf für die Puhdys. Überhaupt war der Ostrock oft nah am Kunstlied – ich denke etwa an Lift, die, wenn man sie heute wieder hört, auch den Weg für beispielsweise Xavier Naidoo geebnet haben.
Erinnert man sich an Lieder wie "No Bomb" von der Gruppe Berluc, dann waren die Texte nicht immer gelungen. Aber gerade dieses Lied erfüllte seinen Zweck und wurde auch DDR-Hit des Jahres 1983. Den Text hatte Kurt Demmler geschrieben, der wohl irgendwas gut zu machen hatte.
Die Gegenkultur
Mit Ostrock könnte man glatt zwei ganze Nächte oder mehr füllen. Was ist mir in Erinnerung geblieben, wenn ich an Ostrock denke: Unheimlich viel - zum Beispiel, dass ich über die Dresdner Band Elektra erstmals mit klassischer Musik in Berührung kam. Elektra hatte damals ein Album namens "Adaptionen" veröffentlicht und darauf wurde Klassik "verrockt". Auch nah an Klassik und Kunstlied waren die beiden Alben von Holger Biege. Ich weiß noch, wie wichtig Pankow und Silly waren, Bands, die schon Punk und New Wave-Einflüsse aufnahmen. In den letzten zehn Jahren der DDR gab es aber auch eine Gegenkultur, die viele Bands hervorbrachte - von Sandow bis Herbst in Peking.
Titelliste zur Sendung
Engerling:
• Herbstlied 3:13
• Als ich wie ein Vogel war 6:33
Pannach und Kunert:
• Fluche Seele Fluche 4:41
• Für uns, die wir noch hoffen 2:24
Rockhaus :
• Mich Zu Lieben 4:52
• I.L.D. 3:57
Pankow:
• Langeweile 4:38
• Wetten Du Willst 4:27
Electra:
• Nie Zuvor 4:37
Renft:
• Wer Die Rose Ehrt 3:12
• Zwischen Liebe Und Zorn 4:12
City:
• Z.B. Susann (Berlin) 6:37
• Am Fenster 8:41
Puhdys:
• Geh zu ihr 3:30
Veronika Fischer:
• Dass ich eine Schneeflocke wäre 3:24
Werther Lohse :
• Nach Süden 3:49
• Am Abend mancher Tage 3:56
Silly & Anna Loos:
• Bataillon D'Amour 5:06
Engerling:
• Mollblues (mit Rex Joswig/Herbst in Peking) 9:40
• Muschellied 9:40
• Narkose Blues 10:45
