CD-Empfehlungen | MDR FIGARO | 10.09.2011 | 12:05 Uhr (Wh.) : Take 5
von Johannes Paetzold (Pop) und André Sittner (Klassisch)
Jeden Montag stellt Ihnen MDR FIGARO Neuerscheinungen vom Musikmarkt vor. Den fünf CD-Empfehlungen aus den Bereichen Jazz, Pop, Weltmusik und Chanson folgen fünf weitere CD-Tipps aus der klassischen Musik - zu hören montags zwischen 18:05 und 19:00 Uhr und in der Wiederholung sonnabends zwischen 12:05 und 13:00 Uhr.
Ry Cooder - "Pull up some dust and sit Down"
Label: Nonesuch
Ry Cooder ist ein großartiger Musiker. Er ist zudem ein fast noch besserer Förderer anderer Musiker - von Ali Farke Toure bis zum Buena Vista Social Club. Als Chronist und Kommentator seiner US-Heimat ist Ry Cooder eine ebenso bedeutende Stimme. Letzteres hat er mit Alben wie "Chavez Ravine" und "Flathead, I" vortrefflich unter Beweis gestellt. Sein neues Album "Pull up some dust and sit down" klingt wie aus den 30er-Jahren, aus den Zeiten der Großen Depression. Und doch sind die Songs des Albums neue, von Cooder selbstkomponierte Lieder, auf denen z.B. die Banker ihr Fett wegbekommen ("No banker left behind"), Bluesgitarrist John Lee Hooker sein Manifest fürs Weiße Haus schreibt ("John Lee Hooker for President") oder Westernlegende Jesse James von einer Himmelswolke aus über das Leben sinnieren darf. Musikalisch setzt Cooder wie immer auf die Weiten Amerikas, von Tex Mex über Waltz bis hin zu Blues und Folk. Wer dem American Way of Life und vor allem seinem Verfall zuhören will, der ist hier an der richtigen Adresse.
Dear Reader - "Idealistic Animals"
Label: City Slang
Mit ihrem Debüt "Replace why with funny" wurden Dear Reader bereits außerhalb ihrer Heimat Südafrikas gehört. Es ist ein Album voller Folk- und Folkrock-Songs, geführt von der schwebend süßen Stimme von Cherilyn MacNeil. Das Duo brach jedoch an seiner Mittellinie, als die Südafrikanerin ihre Heimat verließ und sich Berlin als neue Wahlheimat erkor. Das neue Album "Idealistic Animals" wurde bereits in Berlin und Leipzig aufgenommen. Teilweise ist es ein Konzeptalbum, denn jeder Song ist einem Tier gewidmet, vom Fuchs und Affen bis zum Elefant. Mit dem Bären wird dann die neue Heimatstadt Berlin besungen, mit "Affe" wird wohl eine Beziehung verarbeitet, der "Fuchs" fordert hingegen dazu auf, die eigenen Möglichkeiten zu nutzen. Das macht Cherilyn MacNeil selbst auf jeden Fall. Es bleibt trotz kleiner musikalischer Veränderungen beim Dear-Reader-Sound: Sommerpop, mit durchaus tieferen Tönen.
Konzerttipps:
17.09.2011 - Dresden, Beatpol
26.09.2011 - Leipzig, Conne Island
Sabrina Ascacibar - "Wo bist Du?"
Label: Bear Family
Sabrina Ascacibar ist im Senegal geboren und als Tochter eines argentinischen Vaters und einer deutsch-südafrikanischen Mutter in Buenos Aires aufgewachsen. Weitere Stationen sind New York, Berlin, Dresden. Seit acht Jahren hat sie aber auch einen geografischen Ruhepol in Hamburg gefunden. Sabrina Ascacibar hat Schauspiel studiert und ist leidenschaftliche Musikerin. Ihr neues Album mit dem Titel "Wo bist Du?" ist bereits ihre vierte CD. Sie beherrscht nicht nur fünf Sprachen, sie setzt diese auch gekonnt auf ihrem Album ein. Dazu nutzt sie alle möglichen Stilistiken: von Chanson bis Bossa, von Blues über Walzer zu Pop bis hin zu kleinen Hörgeschichten. Dabei dehnt sie jedes Genre fast unmerklich auch in andere Richtungen. Geschickt dirigiert sie ihre vielen Musikerfreunde zu Grenzüberschreitungen. In ihren Texten nimmt Sabrina Ascacibar den Mondschein mit ins Bett und lässt eine Rosa mit ihrem Hund im Park spazieren. Sie hat ein großes Vergnügen am Mix vom Sinnlichen, Bekannten, Phantastischen und Experimentellen, das fast an einen André Heller in dessen frühen Zeiten erinnert. Kleinkünstlerin? Nein, eine ziemlich große Künstlerin!
Sóley - "We Sink"
Label: Morr Music
Sóley Stefánsdóttir aus Island wird Einigen bereits durch ihre Band "Seabear" bekannt sein. Diese spielten, aus einem Land der Trolle kommend, Indiefolk mit sphärischen Flügeln. Sóley reduziert sich nun als Solokünstlerin nicht nur auf ihren Vornamen, sie verringert auch den Bandsound auf das Wesentliche: ihre Stimme und das Klavier mit fast klassischen Anleihen. Sóleys Stimme zupft die englischen Konsonanten in der typischen isländischen Dialektik an, so wie wir es auch von Björk kennen. Mit ihrer Hintergründigkeit sind die beiden isländischen Sängerinnen auch auf textlicher Ebene ähnlich, im Sóley-Song "Smashed Birds" wird das Federkleid eines Vogels für ein Menschenkleid geraubt. Jedes Lied von ihr kommt scheinbar durch isländischen Nebel herangeschwebt, legt sich kurz zu uns nieder, und verschwindet dann. Dazu begleiten jede Menge merkwürdiger Geräusche, von Knarzen bis Flirren, diese Lieder. Wer etwas mystisch-girliehaftes in einem Popsong vermischt hören möchte, sollte sich durch Sóley in diese Sphären herbstlichen versenken lassen.
Konzerttipp:
16.09.2011 - Dresden, Scheune
Fattigfolket - "Park"
Label: Ozella
Fattigfolket ist ein norwegisch-schwedisches Jazz-Quartett, das sich (nach eigenem Bekunden) in Parks von langen Tourneen erholt. Um diese Zufluchtsorte und regenerativen Zentren hat es nun ein Konzeptalbum komponiert, in dem Parks die Hauptrolle spielen. Zum großen Teil liegen die nicht in Skandinavien, sondern in Deutschland, speziell in Berlin: Mauerpark, Grunewald und Tierpark sind die grünen Orte. Bassist Putte Johander und Trompeter Gunnar Halle führen den Hörer mit ihren Kompositionen durch alle Lichtungen und dunkle Ecken dieser Parks. Mal puckert das Schlagzeug ganz experimentell und ohne Eile, man sieht quasi den Fuchs durchs Unterholz laufen - mal sieht man zu Johanners Bassläufen den Nebel über der Wiese wabern. "Selten haben im instrumentellen Jazz Songtitel und Song besser aufeinander abgehoben und sich ergänzt. Was für eine wunderbare Idee, was für ein wunderbares Instrumentalalbum!" schwärmt FIGARO-Musikredakteur Johannes Paetzold.
