Die Hohen Feiertage im Judentum Rosch Haschana und die Bücher des Lebens

Im September feiern Juden ihr Neujahrsfest Rosch Haschana und das Versöhnungsfest Jom Kippur. Doch wie werden diese Hohen Feiertage eigentlich begangen? Anaïs Roth erklärt es.

Auf dieser Seite:

Immer zwischen Spätsommer und Frühherbst beginnt in jüdischen Haushalten die Zeit der Festvorbereitungen. Da wird eingekauft und gekocht, da werden Glückwunschkarten geschrieben, Möbel gerückt und das Haus gewienert. Das neue Jahr steht vor der Tür und damit eine Reihe von sehr wichtigen Feiertagen, die im Leben gläubiger - und auch nicht so streng gläubiger - Juden eine zentrale Rolle spielen. Es ist die Zeit der sogenannten "Hohen Feiertage". Für religiöse Juden ist dies eine intensive Phase der Selbstbesinnung.

Da die Zeitrechnung im religiösen jüdischen Kalender mit der Erschaffung der Welt beginnt, befinden sich Juden zumindest in spiritueller Hinsicht auf der ganzen Welt nicht im Jahr 2017, sondern bereits im Jahr 5777.

Das Neujahrsfest und damit der Beginn des nächsten Jahres 5778 ist immer am ersten Tag des Monats Tischri. Das ist meistens im September oder Oktober.

Der jüdische Kalender Im jüdischen Kalender sind die religiösen Feiertage und Rutuale festgelegt. Der Kalender ist und richtet sich nach den natürlichen Zyklen von Mond und Sonne. Damit Festtage im Jahresverlauf nicht komplett schwanken (Chanukka sollte immer im Winter liegen, Pessach im Frühling etc.) werden teilweise extra "Schaltmonate" eingezogen.    

Rosch Haschana

1. Tischri (20. September 2017) – "Kopf des Jahres"

Chassidische jüdische Pilger feiern am Vorabend von Rosh Hashanah, 2013, in der ukrainischen Stadt Uman.
Chassidische jüdische Pilger feiern am Vorabend von Rocsh Haschanah, n der ukrainischen Stadt Uman. Bildrechte: dpa

Das Neujahrsfest im Judentum ist nicht mit dem hier bekannten Silvesterfest zu vergleichen. Es gibt keine Knaller oder Raketen. Das Fest erinnert vielmehr religiöse Juden an die Erschaffung der Welt durch Gott. Es ist Auftakt zu einer zehntägigen Zeit der Reue, in der man versuchen soll, ein besserer Mensch zu werden. Der Überlieferung nach sind ab Neujahr die Bücher des Lebens bei Gott geöffnet. Der Herr schaue sich in dieser Zeit besonders kritisch an, was die Menschen so treiben. Und trägt die Guten in das Buch des Lebens ein, die Schlechten aber in das Buch des Todes. Deshalb sollte ein gläubiger Jude also nachdenken, Buße tun, um Verzeihung bitten und beten.

Shofarhörner
Zwei Schofar-Hörner aus der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Bildrechte: MDR/Anaïs Roth

Außerdem zieht man Bilanz über das vergangene Jahr und hofft auf ein gelingendes Neues Jahr. Wichtigstes rituelles Symbol dieser Tage ist das Schofar, ein Widderhorn, in das während des Gottesdienstes geblasen wird und dessen Ton die Menschen zu Einkehr und Reue veranlassen soll. In biblischen Zeiten wurde das Schofar geblasen, um Gefahr oder Krieg anzukündigen. Später wurde es beim Tempeldienst eingesetzt.

Zum 1. Tischri ist zu Hause und in der Synagoge alles festlich und meist in Weiß geschmückt. Zu Rosch Haschana wird auch das Leben gefeiert. Nach dem langen Gottesdienst gibt es ein großes Festmahl. Die Familie kommt zusammen, und es wird ordentlich gegessen und gefeiert. Granatapfel, in Honig getauchte Äpfel und süße Karotten (Zimmes) dürfen auf keinem jüdischen Tisch fehlen. Die Challa, das traditionelle jüdische Hefebrot, ist am heutigen Tag rund als Zeichen für ein rundes neues Jahr.

Jom Kippur

10. Tischri (29./30. September 2017) – "Versöhnungsfest"

Das Versöhnungsfest wird zehn Tage nach dem Neujahrsfest begangen. Er gilt als der wichtigste und höchste Festtag der Juden. Fast alle halten diesen Tag in irgendeiner Form ein, auch weniger religiöse Juden. Jom Kippur ist ein strenger Fastentag, nicht einmal Wasser ist erlaubt. Gläubige Juden beten den ganzen Tag in der Synagoge. Alle anderen lassen es zumindest sehr ruhig angehen und verzichten zumindest auf laute Vergnügen oder unangemessene Aktivitäten.

Seit Neujahr hatte man Zeit, ein besserer Mensch zu werden, an Jom Kippur soll das nun im Buch des Lebens besiegelt werden.

Voraussetzung für eine Versöhnung mit Gott ist aber zunächst die Versöhnung mit seinen Mitmenschen. Man muss also um Verzeihung bitten für alles, was im letzten Jahr vorgefallen ist. Das Ganze muss persönlich erfolgen. SMS- oder WhatsApp-Entschuldigungen gelten nicht.

Jom Kippur beginnt am Abend mit dem berühmten Kol Nidre. Es umfasst eine Aufhebung aller Gelübde, die man unbedacht vor Gott getan hat. Wer in einer Notsituation dies oder jenes leichtfertig versprochen hat, soll heute die Gelegenheit dazu haben, seine Versprechungen zurückzunehmen. Das gilt aber ausdrücklich nur vor Gott. Dinge, die man Menschen versprochen hat, werden durch das Kol Nidre nicht ungültig.

Der Tag dauert dann von Sonnenuntergang bis zum folgenden Sonnenuntergang. Man geht nicht zur Schule oder zur Arbeit. In Israel steht das gesamte öffentliche Leben still. Das bedeutet: keine Fernseh- oder Radioprogramme, kein Flugverkehr. Autobahnen sind menschenleer. Cafés, Bars und Kneipen haben geschlossen. Ein absolut stiller, geisterhafter Tag in diesem sonst so quirligen Land. Selbst säkulare Juden verzichten zumindest in der Öffentlichkeit darauf zu essen oder zu trinken. Viele nutzen den Tag zur Einkehr und Besinnung, auch wenn sie nicht zum Gottesdienst gehen.

Jom Kippur endet am Abend mit dem Na’eila Gebet und einem einzigen langen Ton des Schofars. Man wünscht sich dann eine gute Besiegelung im Buch des Lebens und geht über zu einem großen Festmahl. Im Anschluss beginnen bereits die Vorbereitungen für das nächste große Fest: das Laubhüttenfest Sukkot, das eine Art Erntedank darstellt.

zsolt balla an der bima
Zsolt Balla, Rabbiner der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, bereitet einen Feiertag vor. Bildrechte: MDR/Anaïs Roth

Über dieses Thema berichtet das MDR FERNSEHEN auch in: Gedanken zum Feiertag - Jom Kippur | 29.09.2017 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2017, 09:42 Uhr