Die Bräuche: Martinsgans und -minne in der fünften Jahreszeit

Mit dem Martinstag endete das bäuerliche Jahr. Die Ernte wurde eingeholt und in den Spinnstuben das Licht angezündet, wo es bis zum 2. Februar, Mariä Lichtmess, abends brannte.

Die Währung der Armen

Gänse auf der Wiese
Was Gänse und Martinstag verbindet Bildrechte: dpa

Der Martinstag war somit auch Termin für die Ablieferung der Pacht und die Martinsgans eine Form der Pachtzahlung. Deswegen gilt sie als Währung der "kleinen Leute" gegenüber dem Adel und der Geistlichkeit. Nur die Oberschicht konnte lesen und schreiben und benötigte für Letzteres Federkiele, die die Gänse lieferten. Der Adel nutzte Flaum und Daunen für seine Federbetten, während das Volk auf Strohlagern nächtigte. Und natürlich garantierten die lebendig abgelieferten Martinsgänse auch einen guten Braten. Bis zum germanischen Erntedankfest lässt sich die Gans als Festmahl zurückverfolgen. Ob die Gans als Opfertier Wotans gebraten verspeist wurde oder ob sie angerichtet wurde, weil sie eben zu diesem Zeitpunkt besonders fett war, lässt sich nicht mehr sagen.

Der Glaube an den "Glücksknochen"

Die Martinsgans ist mit manch Aberglauben verbunden. Um den "Glücksknochen" oder die Heilkraft des Gänsefetts rankten sich besondere Vorstellungen, die als Gänseorakel galten: Wenn zwei versuchen den V-förmigen Brustknochen der Gans zu zerbrechen, so geht der geheime Wunsch dessen in Erfüllung, der das größere Stück in den Händen zurückbehält. Auch die Knochenfarbe hat angeblich eine Bedeutung: Sie gilt als zukunftsweisend. Ist der Knochen weißlich, so gibt es einen harten Winter, hat er aber eine schöne rote Farbe, so gehen im Winter die Vorräte nicht aus.

Andernorts galt: War das Brustbein rötlich, so stand ein strenger Winter bevor, war es weiß, durfte man auf einen milden Winter hoffen. In Ungarn galten Fett und Blut als wirksames Mittel gegen Gicht. Wer eine Feder ihres linken Flügels zu Pulver verbrannte und dieses dem Wein beimengte, hatte eine Medizin gegen Epilepsie. Der linke Gänsefuß ans Haus genagelt, sicherte dieses gegen Feuer.

Das Festessen vor dem Fasten

Dass die Gänse am 11. November in die Bratröhre wandern, hängt mit der besonderen Bedeutung des 11. Novembers zusammen. Mit ihm beginnen die 40 Tage vorweihnachtlicher Fastenzeit, die sich vom 6. Januar her errechnet. Der Beginn des Karnevals ist daher ursprünglich nicht aus der Zahlenkombination 11.11. zu erklären, sondern es wurde, dem Karneval vergleichbar, der Übergang zu einer Zeit des Fastens mit reichlich Essen und Ausgelassenheit gefeiert. Es musste ja das verzehrt werden, was dem Fastengebot unterliegt.

Der erste Wein eines Jahrgangs heißt auch Martinsminne, weil er am Martinstag, dem 11. November, bei der Festtafel, an der die Martinsgans gegessen wird, auf den Tisch kommt.

Felix Seibert-Daiber macht sich Gedanken zum Martinstag.
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Do 09.11.2017 12:43Uhr 02:32 min

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