Die Silhouette von Ronneburg mit St Marien Kirche über dem Bader-Teich in Thüringen
Strahlendes Ronneburg - das gilt nicht nur im übertragenen Sinne. Bildrechte: IMAGO

Mitteldeutschland strahlt besonders Warum auch natürliche Radioaktivität eine Gefahr ist

Für Menschen schädliche Radioaktivität geht nicht nur von Atomkraftwerken aus. Wo wie im Erzgebirge Uran im Untergrund lagert, tritt die Strahlung häufig mit dem Radongas zu Tage. Man kann sich aber dagegen schützen.

von Clemens Haug

Die Silhouette von Ronneburg mit St Marien Kirche über dem Bader-Teich in Thüringen
Strahlendes Ronneburg - das gilt nicht nur im übertragenen Sinne. Bildrechte: IMAGO

Mitteldeutschland strahlt, vor allem im Erzgebirge und in Ostthüringen. Ursache dafür ist meist das Edelgas Radon - unsichtbar, geruchslos aber radioaktiv und damit krebserregend. Es entsteht meist tief im Boden, wenn Uran zerfällt. Deswegen schlagen die Geigerzähler heute unter anderem in den früheren Abbaugebieten der SDAG Wismut besonders stark aus. Dort förderte die sowjetisch-deutsche Bergbaugesellschaft jahrzehntelang Uran, das auch dem Bau der ersten Atombombe der Sowjetunion diente.

Starke Radioaktivität bei Granitgebirgen

Rund 2,1 Millisievert pro Jahr (mSv/a) beträgt die Strahlendosis, der Menschen in Deutschland im Durchschnitt ausgesetzt sind. Die Forscher unterscheiden dabei grundsätzlich zwei Arten natürlich vorkommender Radioaktivität: Auf der einen Seite steht kosmische Strahlung aus dem Weltall, die auf ihrem Weg zum Boden von der Atmosphäre abgeschwächt wird und meist nur für Vielflieger ein Problem ist. Die zweite Quelle sind radioaktive Stoffe, die im Erdmantel vorkommen, hierzulande vor allem die Elemente Uran und Thorium.

Hauptlagerstätten der beiden Metalle sind die Böden von Mittelgebirgen mit Granitgestein. In Deutschland sind das neben dem Fichtel- und dem Erzgebirge noch der Bayerische Wald und der Schwarzwald. Im Zerfallsprozess von Uran und Thorium entsteht unter anderem Radon-222, das Alphastrahlung aussendet. Über Risse und Spalten entweicht es aus dem Erdreich.

Seit dem 16. Jahrhundert bekannt: Die Schneeberger Krankheit

 Landkarte von Deutschland mit Hervorhebung von Mitteldeutschland, darauf farbig eingezeichnet verschiedene Konzentrationsstufen des radioaktiven Edelgases Radon im Boden.
Auf dieser Karte sieht man die wahrscheinliche Konzentration von Radon im Boden. Auf einzelnen Grundstücken oder in Gebäuden kann die Strahlung jedoch stark abweichen. Bei Häusern beispielsweise hängt viel davon ab, wie der bauliche Zustand ist, etwa wie gut die Dämmung ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zum Problem wird das radioaktive Gas vor allem, wenn es beispielsweise durch undichte Kellerwände in Wohnhäuser sickert und sich dort in der Atemluft ansammelt. Bewohner atmen Radon meist ein, ohne es zu bemerken. Forscher schätzen, dass die vom Gas ausgehende Strahlung für fünf bis zehn Prozent aller Lungenkrebserkrankungen verantwortlich ist. Damit wird es nach dem Rauchen zur zweithäufigsten Ursache für diese Krebsart.

Neu ist das Phänomen nicht: Im sächsischen Erzgebirge beschrieben Mediziner schon im 16. Jahrhundert die Schneeberger Krankheit, die vor allem die Lungen von Bergleuten befiel. Wie hoch die Konzentration in der Gegend ist, zeigen Messungen, bei denen im Boden bis zu 100.000 Becquerel und mehr festgestellt wurden. Zum Vergleich: Der Referenzwert der EU liegt bei 300 Becquerel. Ist die Strahlung in der Raumluft eines Gebäudes höher, empfehlen Behörden dringend Sanierungsmaßnahmen, um die Belastung zu senken. Ab Dezember 2018 tritt ein entsprechendes Gesetz in Kraft, dass neue Vorschriften zum Schutz vor der Strahlung macht.

Die Einheit Becquerel Mit der Maßeinheit Becquerel wird die Zahl zerfallender Atomkerne in einem Kubikmeter Luft gemessen, also einem theoretischen Würfel mit einer Kantenlänge von je einem Meter Breite, Länge und Höhe.

Die Einheit Sievert Mit der Einheit Sievert wird das Risiko durch Strahlenbelastungen gemessen. Die Menge an Radioaktivität, die sogenannte Strahlendosis, wird in Beziehung gesetzt zu der Wahrscheinlichkeit, mit der sie bei Menschen Krebs auslösen. Da die Dosis von einem Sievert einen sehr hohen Wert darstellt, werden üblicherweise Millisievert (mSv) oder Mikrosievert (µSv) verwendet.

Natürliche Strahlung steigert Krebsrisiko

Wie gefährlich auch natürlich auftretende Radioaktivität, etwa durch aus dem Boden austretendes Radon, sein kann, zeigt eine Studie des Umweltinstituts München. Dort untersuchten Wissenschaftler, ob es in Bayern einen statistischen Zusammenhang zwischen Krebstoten und Säuglingssterblichkeit auf der einen Seite und natürlicher Radioaktivität auf der anderen gibt.

Bayern bietet sich für eine solche Untersuchung an: Im Freistaat gibt es ein starkes Gefälle zwischen Gegenden wie dem Bayerischen Wald mit viel natürlicher Strahlung und solchen mit wenig Radioaktivität, etwa dem Allgäu im Südwesten des Landes. Das Ergebnis war überraschend deutlich: Selbst wenn die Forscher andere Einflüsse herausrechneten, war ein signifikanter Zusammenhang sichtbar. Die Krebsrate wuchs bei einer Steigerung der Strahlenbelastung um einen Millisievert pro Jahr um zehn Prozent, die Säuglingssterblichkeit sogar um 20 Prozent.

Radon: Zwischen Heilkraft und Gesundheitsrisiko

Aquagymnastik im Gesundheitsbad in Bad Schlema.
Bad Schlema ist seit 2004 offiziell Radonheilbad. Bildrechte: IMAGO

Das radioaktive Radon hat allerdings nicht nur negative Wirkungen. Rheumatiker berichten davon, dass Bäder in Radonhaltigem Wasser zur Linderung von Schmerzen führen. Kurorte wie Bad Schlema, in denen zu DDR-Zeiten Uran gefördert wurde, setzen heute wieder auf Radonbäder, die zahlreiche Gäste anlocken.

Um Gesundheitsrisiken besser abschätzen zu können, haben sächsische Behörden sehr detaillierte flächendeckende Messungen zum Radonpotenzial in der Bodenluft gemacht und daraus Landkarten erstellt. Wie hoch die Belastung auf einzelnen Grundstücken ist, lässt sich aus den Karten allerdings nicht ablesen. Auch in einem Gebiet mit grundsätzlich hoher Radonbelastung kann die Strahlung im Einzelfall sehr niedrig sein. Die Behörden empfehlen daher, in jeder Wohnung selbst nachzumessen. Mit der richtigen Sanierung lässt sich die Belastung auch in Gebieten mit viel Radon deutlich reduzieren.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | LexiTV | 08. Dezember 2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2017, 11:46 Uhr