Collage zu Das Altpapier zum Thema Transparenz bei der ARD und Fakten-Checking
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/MDR(Martin Jehnichen)/WDR

Das Altpapier am 14. September 2017 Was nicht ist, kann ja noch werden

Die ARD ist in aller Stille ein Stückchen transparenter geworden. Sogenannte Fake-News sind doch nicht, was ziemlich viele Faktenchecker erwartet hatten. Ist Facebook wie für die AfD gemacht? Außerdem: "Die" Medien gibt es gar nicht; "Martin Schulz und die 500 Prozent"; und Schulz' live im Fernsehen und in der Bild-Zeitung getwitterter Brief. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Collage zu Das Altpapier zum Thema Transparenz bei der ARD und Fakten-Checking
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Das Portal ard.de zählt nicht zu den ganz großen Zugpferden im Internet-Angebot der ARD. Es ist ein freundliches Universalportal mit Nachrichten, Sport, Mediatheken-Tipps und aktuell dem Service "Das können die neuen iPhones" im Ressort "Ratgeber". Vielleicht ließe sich darüber streiten; aber besinnungslos Apple-PR veranstalten im Internet ja sogar ambitionierteste Redaktionen.

Dass auf ard.de gerade etwas Brisantes neu "gut versteckt" wurde, haben zuerst "findige" Redakteure der Nachrichtenagentur epd medien erkannt, lobt Kai-Hinrich Renner in seinem Bericht für die Funke-Zeitungen (Abendblatt/ Morgenpost). Er meint die Seite "Gehälter und Vergütungen in der ARD":

"Wer es finden will, muss sich dort schon etwas auskennen. Man gelangt zu ihr über den Reiter'Die ARD' und dann weiter über das Submenü 'Womit wir arbeiten - Budget'. Dass die Zahlen seit dem 1. September im Netz stehen, hat die ARD nirgends verkündet."

Jetzt ist also bekannt, dass der bestverdienende Intendant der ARD weiterhin Tommy Buhrow vom WDR mit inzwischen "399 T€" "p.a." ist. Publikumsnäher aufgeschlüsselt finden Sie diese und weitere Zahlen z.B. bei meedia.de, aber natürlich auch in der Bild-Zeitung ("Hammergehalt! Lesen Sie mal, was ein ARD-Boss verdient…").

Renner hält diese leise Veröffentlichung für einen relativen Erfolg der MDR-Intendantin Karola Wille, die während ihrer derzeit laufenden Zeit als ARD-Vorsitzende ja mehr Transparenz einführen wollte. Michael Hanfeld hielt es bereits gestern in der FAZ (inzwischen frei online) für "nicht ungeschickt, dass die ARD sich gerade jetzt zu etwas mehr Transparenz durchringt". Schließlich laufen die Bundesländer-Verhandlungen zur Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen gerade wieder an.

Interessant bleibt außerdem, welche Gehälter und Honorare die ARD weiterhin nicht veröffentlicht. So sollen etwa ARD-Programmdirektor Volker Herres und NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann "sich die Direktoren gegen die Veröffentlichung ihrer Bezüge mit Händen und Füßen gewehrt haben" (noch mal Renner). Joachim Huber vom Tagesspiegel lobt zunächst die "beachtliche 50:50-Geschlechterquote!" bei den Sportexpertinnen und Sportexperten, die die ARD für insgesamt 1,2 Millionen Euro im Jahr beschäftigt, um dann mithilfe einer rhetorischen "Klein Fritzchen"-Figur zu bezweifeln, dass Schwimm-Expertin Franziska van Almsick genau so viel Geld bekam wie Mehmet Scholl, der der ARD lange beim Breitwalzen der teuren Fußball-Sendezeit behilflich war.


Zeitungen haben weniger Suggestivkraft

Die Medien gibt's ja gar nicht, es sind immer viele unterschiedliche. Darauf macht die FAZ heute auf ihrer Medienseite (derzeit nicht frei online/ 45 Cent bei Blendle). Sie stellt ausführlich eine Studie des Instituts für Publizistik der Universität Mainz zum Thema "Wie haben 'die' Medien zur Zuwanderungskrise 2015 berichtet?" vor.

Verglichen werden darin vier Medien, die Zeitungen FAZ und Süddeutsche Zeitung sowie die Fernseh-Nachrichtensendungen "Tagesschau" und "heute". Offensichtlich handelt es sich um eine Art Gegenstudie zur breit rezipierten Michael-Haller-Studie der Otto-Brenner-Stiftung (PDF) (siehe u.a. dieses Altpapier), die die unreflektierte Zustimmung vieler deutscher Medien zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung im Jahr 2015 kritisiert. Die FAZ betont nun gerne:

"Als Zwischenergebnis kann man festhalten, dass diese Zeitung und SZ politisch kontroverse Sachverhalte erheblich häufiger thematisierten als die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF. Dabei vertrat diese Zeitung bei allen, die SZ bei einigen der kontroversen Themen Sichtweisen, die in Widerspruch zur Politik der Großen Koalition standen. Die 'Tagesschau' und 'heute' gingen auf einige der kontroversen Themen selten ein und bezogen kaum Stellung."

Wobei etwas unklar ist, wer spricht. Als Autoren des FAZ-Artikels genannt werden die Mainzer Professoren Hans Mathias Kepplinger und Marcus Maurer. Aber die haben wohl kaum im FAZ-Jargon "diese Zeitung" geschrieben. Jedenfalls heben sie dann noch auf die im Vergleich mit Presseartikeln wichtigere Bedeutung von Fernsehnachrichten ab:

"Die beiden Nachrichtensendungen zusammen brachten im Mai 2015 68 Aufnahmen von Migranten in Notsituationen oder von ihrer Rettung. Zwei Drittel dieser Aufnahmen zeigte die 'Tagesschau'. Im Juni ging die Zahl der erschreckenden Szenen auf sechzehn zurück, im Juli stieg sie auf 28 an und erreichte im August mit 88 Aufnahmen von hilflosen, verzweifelten und anklagenden Migranten ihren Höhepunkt. Am 4. September entschied Angela Merkel ... die Grenze zu öffnen. Wenn sich jemand angepasst hat, dann nicht 'die' Medien an die Politik, sondern die Politik an die von der Masse der Elendsbilder des Fernsehens ausgelösten Emotionen der Bevölkerung",

lautet das Fazit. Sowohl es als auch die Wortwahl der Professoren und/ oder der FAZ dürfte noch diskutiert werden. Wobei das Bundesverfassungsgericht ja bereits 2007 formuliert hatte, dass Fernsehen hohe Suggestivkraft besitzt.


Wo bleiben die Fake-News?

Zu den positiven Entwicklungen des laufenden Jahres gehört, dass sog. Fake-News gar nicht die Rolle spielen, die Anfang des Jahres, als beispielsweise gar ein "'Wahrheitsministerium' gegen Desinformation" (Altpapier) zur Debatte stand, vorausgesagt wurde.

"Das Problem ist nicht so groß, wie momentan darüber geschrieben wird", sagte Jutta Kramm von correctiv.org und hofft, gemeinsam u.a. mit ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke: "Was nicht ist, kann noch werden". Derzeit sitzen ja in allerhand Redaktionen Faktenchecker, "Faktenfinder" und "-füchse", die relativ wenig zu checken haben und sich halt mit Themen wie "Auf welche Medien verlinken die Parteien?" (faktenfinder.tagesschau.de) behelfen. Unter der schönen Überschrift "Feuerwehrleute, die auf Brandstifter warten" hat Yannick von Eisenhart Rothe bei uebermedien.de (nur teilweise frei online) eine praktische Übersicht über sechs bis neun solcher Teams erstellt.

Vielleicht finden die Checker deshalb wenig Stoff, weil

"sich viele politische Diskussionen in geschlossene Systeme (verlagern), zum Beispiel Messengerdienste. Gruppenchats bei Whatsapp - in denen sich Mitglieder oft persönlich kennen und besonders vertrauen - erwiesen sich immer wieder als Kanäle für die Verbreitung von Gerüchten über Flüchtlinge oder Muslime."

Das schreiben Jannis Brühl und Simon Hurtz auf der S. 2 der Süddeutschen, auf der es außerdem um den Einstieg der US-amerikanischen Agentur Harris Media in den deutschen Wahlkampf (Altpapier gestern) geht:

"Beim digitalen Marketing ist der Einsatz der beiden Amerikaner Teil der Online-Maschinerie der AfD. Sie sprechen kein Deutsch, bekommen Vorschläge von einem fünfköpfigen Social-Media-Team der Partei, die sie zuspitzen, bevor wieder übersetzt wird."

Im selben Artikel zitiert Jens Schneider den AfD-Sprecher Christian Lüth u.a. mit dem aufschlussreichen Satz "Das Instrument Facebook war und ist wie für uns gemacht". Positiv formuliert: Wenn der Wahlkampf härter wird, bekommen die Facktenchecker tatsächlich noch was zu tun.


Eine Zahl, die Claus Strunz auch gern parat gehabt hätte

Auf der anderen Seite hilft es spätestens mittelfristig wenig, Themen auszublenden, die der AfD in den Kram passen könnten. Wer am Dienstag die "Klartext"-Show des ZDF mit Martin Schulz gesehen hat, dem ist eine Aussage einer Saal-Zuschauerin zur Kriminalität von Flüchtlingen mit einer sehr hohen Prozentzahl begegnet, die Claus Strunz, der von vielen Kritikern attackierte Mitmoderator des TV-Duells, sicher auch gern parat gehabt hätte. Diese Zahl wurde inzwischen gecheckt, und auch das ist aufschlussreich.

"Über die Kriminalitätsbelastung sagt das erst einmal aber nichts aus", schreibt "#ZDFcheck17" (heute.de) im Artikel "Diskussion um sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen". Außerdem hat sich der "Faktenfuchs" vom Bayerischen Rundfunk des Themas angenommen, obwohl die Sendung ja im ZDF lief, und wird etwas deutlicher (was womöglich damit zu tun hat, dass der BR der CSU nicht ganz fern steht). "Die Zahl ist also nicht falsch. Ist aber für sich betrachtet wenig aussagekräftig", schreiben die Füchse unter der Überschrift "Flüchtlinge: Martin Schulz und die 500 Prozent".

Um die Glaubwürdigkeit zu erringen, die sie brauchen, müssen Faktenchecker auch bereit sein, dahin zu gehen, wo es ihren eigenen politischen Ansichten wehtun kann. Positiv formuliert: Tendenzen in dieser Richtung lassen also sich erkennen.


Ein Brief im Fernsehen, auf Twitter und in der Bild-Zeitung

Martin Schulz hatte in derselben ZDF-Sendung übrigens auch live im Fernsehen gesagt, was er oder sein Social-Media-Team außerdem getwittert haben: dass er einen Brief (den die Bild-Zeitung auch vorliegen hatte) ... Ach was, weiter im Altpapierkorb!


Altpapierkorb (Schulz' Brief, TV-Duell-Petition, Exkremente-Trend?)

Also, Schulz hatte in dieser ZDF-Sendung live im Fernsehen gesagt, was er oder sein Social-Media-Team getwittert haben: dass er einen Brief (den die Bild-Zeitung auch vorliegen hatte) an die Bundeskanzlerin geschrieben hat. +++ Die Nicht-Meldung, dass es trotz Schulz' Bitte kein zweites TV-Duell geben wird, steht heute u.a. auf der FAZ-Titelseite. "'Frau Merkel kneift', sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil der dpa in Berlin. Schulz selbst pochte auf eine schriftliche Antwort der Kanzlerin" (dpa).

+++ Das Handelsblatt bringt außer der Einschätzung eines Berliner Politikwissenschaftlers dazu auch den Hinweis auf eine Online-Petition "Für ein zweites TV-Duell mit relevanten Themen, die Menschen wirklich betreffen!"

+++ Zur gestern hier formulierten These, dass inhaltsgetriebene Zeitschriftengründungen in klassischen Verlagen kaum mehr vorkommen, gibt's heute den Beleg aus der Praxis. Gruner+Jahr steigt ins "sehr spitze, hoch attraktive" "Segment der Premium-Interior-Magazine" ein. Und beschreibt in derselben PM seine Werbekampagne dafür: "Da wird ein mit Gold überzogener Haufen sorgfältig auf einen Designer-Stuhl drapiert." Etwas präziser wird meedia.de: Es handelt sich um einen "goldenen Sch…haufen" ("Wenn das mal nicht in die Hose geht").

+++ Andererseits scheint Gruner da einen Trend erspürt zu haben, auf den just sogar der globale Super-Trendsetter Apple setzt. Sascha Lobo entwickelt bei SPON aus dem "Exkrement-Emoji", mit dem Apple für sein neuestes Gerät warb, und der "digitalen Gesichtserkennung samt persönlicher Identifikation", die es beherrschen soll, eine düstere Dystopie. +++ Ebenfalls Kritik an Apples "Schädelvermesserei" übt Andrian Kreye im SZ-Leitartikel.

+++ Wer außer Apple auch mit Gesichtserkennung experimentiert: das Bundesinnenministerium am Berliner Südkreuz-Bahnhof. Welche Antworten es verweigert, schreibt Constanze Kurz bei netzpolitik.org.

+++ Die bundesinnenministerlich verbotene Plattform linksunten.indymedia will weitermachen, meldet die taz. "Kurios ist, dass das Portal erst durch das Verbot öffentliche Aufmerksamkeit erfahren hat. Vielen Menschen dürfte es vorher kein Begriff gewesen sein." Nicht unkurios auch, dass taz.de gar nicht schreibt, wo und wie drei linksunten-Macher weitermachen wollen, oder ist auch das verboten? Verlinken wir halt zu freitag.de, wo weiterverlinkt wird.

+++ Stephanie Struppler trägt bei Discovery Networks, dem deutschen Ableger des US-amerikanischen Unternehmens, das zuletzt viele Fußball- und Olympia-Rechte kaufte, einen circa achtwortigen Titel ("Senior Director Corporate Legal and Regulatory Affairs GSA"). Nach ersten Misserfolgen will Discoverys Eurosport nun erst mal weniger Bundesliga-Fußball zeigen, als es dürfte, sagte sie in Frankfurt (dwdl.de).

+++ Die Journalistengewerkschaft DJV hat zu SPD-Wahlkampf-Forderungen einen kleinen Faktencheck im "tarifpolitischen Flickenteppich der Zeitungstitel, an denen die SPD-Medienholding ddvg beteiligt ist", angestellt. Das Ergebnis fällt nicht gut aus (für die Partei; für die DDVG-Zeitungen "etwa in Suhl" wohl schon).

+++ Zwei wichtige Fernseh-Regisseure sind gestorben: Rainer Wolffhardt (dessen Serie "Die Löwengrube" "ein zeit- und fernsehgeschichtliches Monument (ist) und ... auf Wiederholungen!" wartet, wie Karl-Otto Saur in seinem medienkorrespondenz.de-Nachruf schreibt) und Norbert Kückelmann, der auch Kinofilme (sein bester war 1979 "Die letzten Jahre der Kindheit", meint Christian Schröder im Tagesspiegel) drehte.

+++ "Mir ist klar, dass nicht der Eindruck aufkommen darf, der RBB würde ein politisch voreingenommenes Programm veranstalten. Wie alle anderen Sender der ARD ist der RBB ein politisch komplett unabhängig agierender Sender, dessen Programmmacher sich an gewisse Formalien zu halten haben": Da übt Jörg Thadeusz Selbstkritik (deswegen), berichtet der Tsp..

+++ Die SZ-Medienseite berichtet vom Kongress der deutschen Presse-Grossisten, auf dem nur deswegen nicht heftig gestritten wurde, weil Verlage-Vertreter gar nicht nach Baden-Baden kamen. +++ Und vom britischen Zeitungsmarkt. +++ Sowie über betagte Neu-Youtuber wie Jürgen von der Lippe und Norbert Blüm, "der übrigens immer mehr dem alten Uwe Seeler ähnelt".

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht's u.a. noch um Kritik an Facebook-Behauptungen über seine Werbewirkung, nun aus Australien ("Facebook gibt seinen Kunden gegenüber in der für die Werbung besonders interessanten Gruppe der Zwanzig- bis Neunundzwanzigjährigen in einigen Ländern mehr potentielle Nutzer an, als es dort Menschen dieses Alters gibt"). Ähnliche Kritik hatte ProSiebenSat.1 im Frühjahr heftig geäußert.

+++ Einen "Paukenschlag" in der Gesellschafterinnen-Struktur der Funke-Mediengruppe kündigt dieselbe über ein kress pro-Interview an (das kress.de frei online zusammenfasst). Für Nicht-Miteigentümer ist's freilich ein sehr relativer Paukenschlag.

+++ Nico Hofmann hat Freundschaft geschlossen mit Siegfried und Roy, deren Leben die inzwischen von Hofmann allein geleitete Ufa gerade verfilmt. Das sagt er u.a. im lesenswerten dwdl.de-Interview.

+++ Über digitale und analoge 360-Grad-Medien, nicht aber (oder kaum) übers gleichnamige MDR-Portal, auf dem das Altpapier nun erscheint, schrieb ich in der neuen evangelisch.de-Medienkolumne.

+++ Und wo bleibt das richtig Positive? Ausnahmsweise bei turi2.de, das aus kostenpflichtigem Horizont-Inhalt zitiert: "Weil jeder auf den Zug aufspringt, sind die Menschen von Content Marketing inzwischen doch viel mehr genervt, als sie es von Werbung je waren", sagt da ein Jung von Matt-Werber.

+++ Morgen feiert im Altpapier Klaus Raab sein Comeback. +++