Das Altpapier am 9. November 2017
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Das Altpapier am 9. November 2017 Schreiben, wie die Welt sein könnte

Liefern sich ARD und ZDF Facebook aus, indem sie Debatten zu ihren Sendungen dorthin verlagern? Reicht es im Journalismus nicht mehr aus, "Akteuren, denen an gesellschaftlicher Auseinandersetzung nicht gelegen ist, überparteilich zu begegnen"? Berichten Berliner Politikjournalisten gerade sehr, sehr viel über "das große Nichts"? Ein Altpapier von René Martens.

Das Altpapier am 9. November 2017
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Wir sind hier ja normalerweise eher diskret, aber heute scheint es einen Anlass zu geben, diese Regel zu brechen. Dann gleich mal Butter bei die Fische: Was machen Sie so mit Ihren Nacktfotos? Und um schnell - wir haben ja noch viel vor heute - einen Ratschlag hinterherzuschicken: Schicken Sie sie an Facebook, das schützt Sie vor sog. Revenge Porn.

Wie das? Matthias Hertle erläutert es auf der FAZ-Medienseite:

"In einem mit der australischen Regierung vereinbarten Pilotprojekt will Facebook prüfen, wie man Nacktaufnahmen, die gegen den Willen von Nutzerinnen oder Nutzern in Umlauf gebracht werden, unterbinden oder von vornherein verhindern kann. Wer sich dergestalt Hilfe von dem Konzern erhofft, der muss zunächst die australische Behörde für elektronische Sicherheit konsultieren und dort die betreffenden Nacktbilder anzeigen. Nach einer ersten Prüfung kann Facebook danach auf die Bilder zugreifen. Hierfür schickt der Nutzer die betroffenen Bilder über den Messenger an sich selbst – so kann Facebook sie abrufen. Anhand der Aufnahmen genierert der Konzern einen digitalen Fingerabdruck, den sogenannten 'Hash-Wert', der einem Bild eindeutig zugerechnet werden kann. Dieser wird gespeichert. Taucht exakt dieses Bild abermals irgendwo auf, wird es von jemandem bei Facebook eingestellt, kann es geblockt werden."

Ach, diese Hexenmeister aus Zuckerbergistan! Esthy Rüdiger gibt in der NZZ zu bedenken:

"Offen bleibt allerdings, was bei Facebook genau mit den eingesandten Bildern geschieht. Das Unternehmen gab gegenüber The Guardian lediglich an, die Bilder für 'kurze Zeit' aufzubewahren, ehe sie gänzlich gelöscht würden."

Zu einem anderen Aspekt im Zusammenhang mit Facebook äußert sich der mit Social Media wenig am Hut habende Schriftsteller Jonathan Franzen - der dann aber doch auffällig oft über das Thema redet - in einem Interview mit der NZZ:

"Wer auf Facebook unterwegs ist, will gelikt werden. Aber liken kann man eigentlich bloß Produkte. Also machen sich Menschen auf Facebook freiwillig zu Produkten für andere Menschen. Das Produkt passt sich der Nachfrage der Konsumenten an, und wenn das Produkt ein Mensch ist, dann hat sich dieser Mensch gerade zu einem Konformisten in seiner Community gemacht."


Problematische Diskussionsverlagerung

Zu den Produkten, die sich der Nachfrage der Konsumenten anpassen, kann man in diesem Sinne auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten bzw. ihre Sendungen zählen. Die Medienkorrespondenz hat gerade einen zuerst im Jahrbuch Fernsehen erschienenen und dann in der gedruckten Ausgabe des Fachdienstes publizierten Artikel von Altpapier-Autor Christian Bartels zum Thema "Die öffentlich-rechtlichen Sender und ihr Umgang mit den sozialen Medien" online gestellt. Ausgangspunkt der Überlegungen sind Aufforderungen à la "Diskutieren Sie am besten mit auf unserer Facebook-Seite", wie man sie, nur zum Beispiel, am Ende des Wirtschaftsmagazins "Plusminus" mitgeteilt bekommt. Ob sich ARD und ZDF Facebook "zu einem gewissen Teil sogar schon ausliefern", lautet eine bereits im Vorspann gestellte Frage. Die ist nicht unberechtigt, denn:

"Es ist (…) ein Problem, wenn öffentlich-rechtliche Sender Online-Diskussionen auf private, profitorientierte Plattformen verlagern, die zwar mit vielen Regierungen kooperieren, wenn es ihrem Profit dient, aber (…) Beweise, dass sie sich an deutsches und europäisches Recht halten, noch nicht erbracht haben. Problematisch auch, dass die öffentliche-rechtlichen Sender konkret zum Diskutieren auf Facebook auffordern, das alle Interessierten dann erst einmal zum Registrieren auffordert. Gerade Facebook versteht Mitglieder so zu binden, dass anschließend sogar die, die dort viele 'Fans' haben, um deren Aufmerksamkeit immer schärfer rivalisieren (oder Facebook dafür bezahlen) müssen. Das gehört zu den Erfolgsrezepten. Ob ARD und ZDF ähnlich viele Nutzer von Dritt- auf ihre eigenen Plattformen ziehen wie sie umgekehrt welche wegschicken, wäre eine spannende und noch zu klärende Frage."

Was folgt daraus?

"Die Forderung nach Transparenz wird von vielen Seiten an die Öffentlich-Rechtlichen gestellt (und oft nach zähen Diskussionen in kleinen Schritten erfüllt). Im Umgang mit Drittplattformen muss diese Forderung noch schärfer gestellt werden. Die Anstalten müssten argumentieren, warum sie ihre von Rundfunkbeitragszahlern finanzierten Inhalte außer im üppigen eigenen Angebot auch im permanent veränderten Werbe- und Markenrahmen der Drittplattformen präsentieren und mit wie viel Personal sie daran arbeiten."

Ein Transparenzschrittchen sei in diesem Zusammenhang schon mal gemacht: Die Altpapier-Accounts bei Twitter und Facebook werden von den Autoren des Altpapiers bestückt.


Raus aus dem Sprachsilo!

Eine Kritik, die sich in erster Linie an die Produzenten von Verlagscontent richtet, von der sich durchaus aber auch die Öffentlich-Rechtlichen angesprochen fühlen, formulierte Wolfgang Blau - einst Chefredakteur bei Zeit Online, nun Präsident von Condé Nast International - beim Publishers’ Summit. Das ist der Kongress des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), bei dem in diesem Jahr, wie Ulrike Simon (Horizont) bemerkt, auch auffällig viele Zeitungsmenschen zugegen waren. Simon fasst in ihrem Text die von Blau dort geäußerten Kernthesen zusammen.

"Es reiche nicht mehr aus, an journalistischen Routinen festzuhalten und Akteuren, denen an gesellschaftlicher Auseinandersetzung nicht gelegen ist, überparteilich zu begegnen (…)",

hat er zum Beispiel gesagt. Das darf man wohl als einen Hinweis darauf verstehen, wie mit der AfD umzugehen ist. Oder besser: wie nicht. Für mich ist das die Gelegenheit, auf einen Text aufmerksam zu machen, der bereits vor rund einem Monat erschienen ist, den ich hier aber bisher nicht unterbringen konnte. Erschienen ist er im Südkurier, und die von Blau so genannte (und kritisierte) überparteiliche Begegnung misslingt hier auf geradezu fulminante Weise. Warnung: Nichts für Menschen mit sensiblem Magen. Zurück zu Blau: Laut Simon sagte er außerdem:

"Es gehöre zu den journalistischen Pflichten auch nicht mehr nur, Missstände aufzudecken und zu beschreiben, was ist. Es gehe darum, 'die Welt zu beschreiben, wie sie sein könnte'."

Diese Aufforderung kann bei den Journalisten, die da rumhockten, erwartungsgemäß nicht so gut an, weil sie mit solchen Gedanken völlig überfordert sind. Blaus letzte Kernthese:

"Weder die Diskussion über Flüchtlinge noch die über Europa seien Themen, die auf das Sprachsilo des eigenen Landes beschränkt bleiben dürften."

Das klingt teilweise wie ein Widerhall der Kritik, wie sie anlässlich des Wahlkampfs Georg Restle ("Monitor") oder Christian Bangel (Zeit Online, siehe auch Altpapier) formuliert haben. Quintessenz: Zahlreiche relevante (Zukunfts-)Themen sind schlicht unterrepräsentiert.


Das große Nichts

Einen konkreten aktuellen Anlass zur Politikjournalismuskritik hat Mely Kiyak gefunden. Sie befasst sich in ihrer Zeit-Online-Kolumne mit der Berichterstattung zu den Sondierungsverhandlungen zwischen CDU, CSU, Grünen und FDP:

"Seit bald drei Wochen geht das nun so. Die Medien filmen und begleiten, wie die Verhandlungsführer sich dem Gebäude nähern, es betreten oder verlassen. Wie sie vor die Kameras treten und Stimmungen verkünden. Jede Bewegung, jedes Zucken eines Augenlids, alles erlangt Bedeutung, denn es passiert ja nichts. Und dieses große Nichts gilt es einzuordnen, zu analysieren, zu drehen und zu wenden, wie ein Stück Fleisch in der Pfanne."

Als indirekte Bestätigung für die Kritik an der Berichterstattung über das große Nichts kann man das am heutigen Morgen ausgebrochene Tamtam über ein "Geheimpapier" bzw. einen "knapp 125 Punkte umfassenden Bearbeitungskatalog" sehen. "Das sieben Seiten lange Geheimpapier mit dem Titel 'Bearbeitungspunkte (Stichpunkte der jeweiligen Partner, noch keine Einigungen)' liegt der Nachrichtenagentur dpa vor", schreibt Die Welt. Uiuiui, man hat sich jetzt also auf "125 Punkte" geeinigt, die man zu "bearbeiten" gedenkt. Was ist daran denn bitte berichterstattungswürdig?


"Wir müssten über die letzten drei Reichsregierungen der Weimarer Republik reden"

Die dritte Ausgabe von Ernst, des Schweizer "Gesellschaftsmagazins für den Mann" (Untertitel), ist zwar bereits im Oktober erschienen, aber da es sich hier um ein vierteljährlich erscheinendes Objekt handelt, sind die Inhalte natürlich weiterhin aktuell. Das gilt auch für die Medienkritik, die der Historiker und auf das Thema Rechtsextremismus spezialisierte Buchautor Volker Weiß in einem Interview mit Frank Keil (derzeit nicht frei online) anbringt:

"(Ich) zoffe (…) mich mit Medien, die über die Identitären schreiben und vor allem deren bunte Bilder reproduzieren wollen. Ich bekomme viele Anrufe und bin mittlerweile kurz davor, die Gespräche abzubrechen, wenn es heißt: 'Also, die haben doch keine Glatzen und tragen keine Springerstiefel, das sind doch keine Rechten.'"

"Sauer", sagt Weiß, sei er auch auf "seine Fachkollegen":

"Wir erleben im Moment (…), dass Gesellschaftskonzepte aus den späten Zwanzigern und frühen Dreißigern reaktiviert werden und die Zeitgeschichte schweigt. Die müssten eigentlich - wie ein Mann - da stehen und sagen: Moment mal! Es wird ja immer über Hitler geredet, was total falsch ist. Wir müssten über die letzten drei Reichsregierungen der Weimarer Republik reden, über Brüning, über Schleicher, über von Papen - aber: nichts, nichts. Das ist schon ein Elitenversagen, das wir gerade erleben."

Das träfe auf den Journalismus dann genauso zu, zumal dort ja auch Historiker unterwegs sind.

Was Weiß ebenfalls kritisiert: die "Mit Rechten reden"-Haltung. Michael Wuliger erzählt in seiner Kolumne für die Jüdische Allgemeine, wie er einmal einen Selbstversuch auf diesem Terrain unternahm und einen AfDler traf:

"Der Mann von der AfD wirkte auf mich fast so, als befände er sich auf einer Art Kreuzzug. Verweise darauf etwa, dass in dem von ihm so geschätzten Israel weitaus mehr Muslime leben als in Deutschland – 20 zu vier Prozent – und es doch schafft, ohne permanente Aufgeregtheit mit ihnen halbwegs zurechtzukommen, schienen nicht zu ihm vorzudringen. Überhaupt kam Kommunikation, wenn man darunter den wechselseitig befruchtenden Austausch von Meinungen versteht, nicht zustande. Nicht, weil mein Gegenüber von der AfD zu den fanatischen Geiferern gehörte, von denen seine Partei reichlich besitzt. In Habitus, Wortwahl und Tonlage vertrat er mehr die gesittete, gutbürgerliche Richtung der extremen Rechten. Aber wirklich zu reden war mit ihm trotzdem nicht. Er suchte wohl auch gar nicht die Auseinandersetzung. Eher schien mir, dass er mich bekehren wollte."

Wuligers Fazit:

"Kann man mit Rechten reden? Natürlich. Es kommt dabei nur offenbar nichts heraus. Außer der Erkenntnis, dass man es genauso gut auch lassen kann."


Die Identitären, Ernst Jünger und der Wald

Wie man sich instruktiv mit den Inhalten vom rechten Rand beschäftigen kann, zeigt der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich in einem von pop-zeitschrift.de dokumentierten Vortrag, in dem er die Bild- und Denkmotive der sog. Identitären analysiert:

"Der wohl am weitesten verbreitete Topos in den Blogs, aber auch bei anderen Verlautbarungen der Identitären Bewegung ist der Wald. Die Art und Weise, wie (Martin) Sellner die germanischen Urwälder aufruft und in ihnen die Urbilder gotischer Kathedralen, aber auch Orte einer unzivilisierbaren Wildheit sieht, war schon seit der Romantik beliebt und diente oft als Motiv innerhalb einer Geschichtsideologie, die meist ebenso reaktionär wie adventistisch darin bestand, eine Zukunft zu beschwören, die eine Wiederholung einer idealisierten Vergangenheit sein sollte (…) Auf denselben Wald-Topos bezog sich auch Ernst Jünger, als er 1951 seinen Essay Der Waldgang publizierte, in dem er die Figur des Waldgängers entwickelt. Der Waldgänger steht in Opposition zum Mainstream, zu Gegenwart und Zivilisation, zu den herrschenden Mächten der Politik, Wissenschaft und Technik. Er ist es, der sich abwendet, der sich – metaphorisch – in den Wald zurückzieht, als 'Einzigster’, als Elite und Vorhut einer neuen Zeit, auf die er wartet, während er sich im geheimen Bund mit anderen Waldgängern zum Widerstand rüstet. Waldgänger träumen, so Jünger, von einer 'künftigen Epoche', in der 'die Tyrannis von Parteien und fremden Eroberern’ überwunden ist und 'in gesunden Völkern' sich 'die elementare Freiheit’ wieder Bahn bricht. Der Widerstand des Waldgängers sei 'absolut', er kenne 'keinen Pardon'."


Altpapierkorb (Interviews mit Putin, Faktenfinder, Klimajournalismus, klischeehaftes Israelbild)

+++ "Was bewegt unabhängige Medienschaffende aus liberalen Demokratien dazu, Putin bei dessen One-Man-Show zu assistieren?" Der Blog Geschichte der Gegenwart analysiert das Putin-Interview der "Star-Moderatorin" Megyn Kelly (NBC) sowie Oliver Stones vierteilige Doku-Serie "The Putin Interviews", die im Sommer beim US-Kabelsender Showtime zu sehen war.

+++ "Man könnte (…) sagen, der Hörfunk blüht auf mit der Digitalisierung. Er kommt leichter zu den Leuten, und weil die das schätzen, entsteht ein neuer Markt." Stefan Fischer und Anna Dreher nennen auf der SZ-Medienseite "drei Neuigkeiten", die das "in diesen Tagen deutlich machen". Die am Mittwoch offiziell gestartete Audiothek der ARD ist ein Beispiel dafür. Einen ganz leichten Spott können sich die SZ-Autoren nicht verkneifen: "Von ersten Besprechungen bis zur Testversion der App ist etwas über ein Jahr vergangen - für ARD-Verhältnisse ein Schnelldurchlauf."

+++ "Warum gibt es in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF kaum Berichterstattung über Theater, Kino, Ausstellungen, Oper und Literatur?" Also dort, wo "der Sport seinen festen Anteil hat und die Börse vor acht ihren festen Platz (…) Was spricht gegen 'Kultur vor acht' oder einen Kulturblock in jeder Nachrichtensendung, wie 'heute' oder 'heutejournal’?" Das fragt Heiko Hilker - Rundfunkrat bei jenem Sender, der das Altpapier beherbergt - bei dimbb.de.

+++ Eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburgs hat die FAZ kassiert, weil deren Edelblogger Alphons Donnergott (oder so ähnlich) Unzulässiges über einen Bericht des ARD-"Faktenfinders" geäußert hat. "Faktenfinder"-Chef Patrick Gensing berichtet darüber in eigener Sache.

+++ Timo Robben berichtet für das NDR-Medienmagazin "Zapp" über Polizisten, deren Verhalten über Journalisten den Schluss zulässt, dass sie, die Cops, sich mit dem Presserecht icht auskennen oder es für läppischen Kram halten.

+++ Anlässlich der noch bis 17. November in Bonn stattfindenden UN-Klimakonferenz befasst sich Dagmar Dehmer (Tagesspiegel) mit dem Thema Klimajournalismus: "Klimaberichterstattung versucht, ein Dauerthema immer wieder neu ins Bewusstsein der Mediennutzer zu bringen, ohne sie in Panik zu versetzen und allzu sehr zu ärgern. Klimaberichterstattung wird so zur Kommunikationsaufgabe. Je mehr Zeit vergeht, in der die Klimapolitik erfolglos hinter den steigenden Emissionen herjagt, desto schwerer wird es, Klimajournalismus zu betreiben. Denn er kann irgendwann einfach nicht mehr darüber hinwegsehen, dass die Stabilisierung des Klimas die Basis für jede künftige Politik ist und nur eine emissionsfreie Weltwirtschaft eine Zukunft hat."

+++ Die in Tel Aviv lebende Schriftstellerin Sarah Stricker vermittelt bei Cicero Online einen Eindruck vom Israel-Bild hiesiger Fernsehsender: "In den vergangenen Jahren wurde ich mehrfach von deutschen Fernsehteams in Tel Aviv besucht, um zu irgendeinem Thema interviewt zu werden. Falls Sie sowas noch nie gemacht haben: Interviewt werden heißt, man redet fünf Minuten über sein neues Buch; anschließend läuft man fünf Stunden die Straße rauf und runter, guckt nachdenklich in die Sonne, tut so, als würde man spontan irgendwelche Freunde treffen, damit die Fernsehmenschen später etwas haben, was sie unter das über-das-Buch-Reden schneiden können. Meistens verabredete ich mich mit den Teams der Einfachheit halber bei mir zu Hause – in einer Gegend, in der, das jetzt mal nicht statistisch überprüft, sondern rein gefühlt, 99 Prozent der Menschen nicht religiös sind (…) Trotzdem war unter all den Beiträgen kein einziger, in dem nicht spätestens nach 30 Sekunden ein rauschebärtiger Mann mit Schläfenlocken durchs Bild lief (und/oder ein Soldat mit Uzi über der Schulter – aber darüber reden wir ein andermal)." 

+++ Wie das Geschäft mit seichtem deutschen Chartspop funktioniert, macht ein akribisch recherchierter Text von Planet Interview deutlich, der nur zustande kommen konnte, weil ein mir bis dato namentlich nicht bekannter Heini ein Interview nicht freigegeben hat.

+++ Der Tagesspiegel stellt Erdogan-kritische Online-Portale vor.

+++ Inwiefern Bots "Wikipedia beschützen", erklärt Torsten Kleinz im Blog Algorithmenethik.

+++ Das Hamburger Abendblatt stellt drei kürzlich erschienene Comic-Reportagen rund um das Thema Flucht vor, darunter auch zwei, die bereits Thema im Altpapier waren: den Sammelband "Der Riss" von Carlos Spottorno und Guillermo Abril sowie Olivier Kuglers "Dem Krieg entronnen", "Für alle drei Arbeiten" gelte: "Sie sind journalistisch, und das heißt: mit moralischem Furor geschrieben" - was der Rezensent möglicherweise nicht ausschließlich positiv meint.

+++ Das Spiegel-Online-Ressort einestages erinnert an Martha Gellhorn, die "first Lady der Kriegsreportage".

+++ Aus der noch aktuellen epd-medien-Ausgabe: Die fünf öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Nordeuropas wollen noch stärker kooperieren als bisher, um so "mehr dramatische Produktionen von hoher Qualität" umsetzen zu können. "Der Grund für die nordeuropäische Initiative liegt im Wachstum der internationalen Streamingdienste, durch die die Verfügbarkeit von starken US-amerikanischen fiktionalen Produktionen größer denn je ist. Dramaproduktionen hoher Qualität aus Nordeuropa haben sich in den letzten Jahren zu einem Markenzeichen unter der Bezeichnung 'Nordic Noir' entwickelt."

+++ "Zu breiter Bekanntheit gelangte sie (…) durch mehrere Karl-May-Adaptionen, darunter 'Der Schatz im Silbersee' 1962) und zwei 'Winnetou'-Filme (1964/65)", und "bis zuletzt" sei sie "im Fernsehen präsent" gewesen, "etwa in drei der populären Rosamunde-Pilcher-Filme". Die Rede ist in diesem NZZ-Nachruf von der Schauspielerin Karin Dor, die im Alter von 79 Jahren gestorben ist.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.