Polens Präsident Duda schlägt neues Bündnis im Osten vor

Ein hundert Jahre alter polnischer Plan wird entstaubt und eine Allianz zwischen baltischen und slawischen Staaten plötzlich wieder salonfähig. "Intermarium" könnte der Name dieses neuen Bündnisses im Osten sein. Und angesichts der aktuellen politischen Spannungen zwischen Russland und den Mittel- und Osteuropäischen Staaten findet es Befürworter. Andreas Umland, Osteuropa-Experte am Institut für Euro-Atlantische Kooperation in Kiew, über eine Zukunftsvision.

"Intermarium" wird oft als Puffermöglichkeit zwischen dem Westen und Russland gesehen. Was halten Sie davon?

Es geht nicht um eine Pufferzone. Sondern darum, was mit Ländern passiert, die jetzt in einer Grauzone sind – also keine EU- oder NATO-Mitglieder sind wie die Ukraine und Moldau. Welches Schicksal werden die haben? Wenn alles bliebe wie bisher, dann werden sie für Russland ein leichtes Ziel künftiger Eskalationen sein. Ein Problem, das man ohne eine elementare Sicherheitsstruktur eben nicht lösen kann.

Eine elementare Sicherheitsstruktur wie ein Bündnis, das vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee reicht und NATO-  wie nicht NATO-Staaten bündelt... Warum gerade jetzt?

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Andreas Umland Bildrechte: Andreas Umland

Wenn der ukrainische Staat kollabieren und es zu einem Krieg zwischen der Ukraine und Russland kommen würde, dann hätte das natürlich Auswirkungen auf die anderen Länder. Und es gibt ja auch eine emotionale Bindung der Osteuropäer untereinander. Sie haben ein gemeinsames Schicksal über Jahrhunderte und das ist der Grund, warum die Idee diskutiert wird, obwohl natürlich die NATO- Mitglieder unter den Ländern kein Sicherheitsproblem als solches haben.

Aber würden Russland oder die NATO ein solches Bündnis dulden?

Im Moment ist das sicherlich noch eine Fantasie oder eine Utopie. Aber ich nehme an, wenn sich die jetzige Situation über die Jahre hin fortsetzt, wir einerseits also die gleiche Moskauer Außenpolitik auch dann noch haben werden und andererseits NATO und EU die osteuropäischen Staaten zwar unterstützen, aber keine Sicherheitszusagen geben, werden die Chancen für so ein "Intermarium" größer. In Russland würde es sicherlich Widerstand geben – die Allianz würde ja russischen außenpolitischen Interessen, so wie sie sich jetzt darstellen, zutiefst widersprechen. Denn dann hätte man es nicht mehr mit schwachen Einzelstaaten, sondern mit einem Staatenbund, einer Allianz, zu tun. Das würde die Eskalationsdominanz Russlands wohl mindern – und eben deshalb den russischen Bedürfnissen widersprechen.

Wie realistisch ist also so eine Bündnislösung?

Zum jetzigen Zeitpunkt klingt die Idee wohl für viele wie ein Hirngespinst. Aber wenn sich die jetzige Situation fortsetzt, dann bietet sich die "Intermariums"-Lösung zumindest als die beste der schlechten Lösungen an. Die andere wäre, die Einzelstaaten wie Georgien, Moldau und Ukraine als Grauzone zwischen NATO und Russland zu lassen. Und so mit Russland zu pokern, was aus diesen Ländern wird.

Auch viele nationalistische Gruppen - wie etwa das rechtsextreme Asow-Regiment in der Ukraine - befürworten eine Bündnislösung. Warum?

Das liegt daran, dass es verschiedene Interpretationen dieser Idee gibt. Das Asow-Regiment ist dafür ein gutes Beispiel. Dieses hat aber etwas anderes im Sinn – nämlich die Ukraine aus NATO und EU herauszuhalten und stattdessen eine osteuropäische, nichtwestliche und nichtrussische Gemeinschaft zu bilden, in der traditionalistische und konservative osteuropäische Staaten verbunden sein würden. Aber das geht daran vorbei, was damit ursprünglich gemeint war. Womöglich hätten wir keinen Zweiten Weltkrieg gehabt, wenn es ein "Intermarium" nach dem Ersten Weltkrieg gegeben hätte. Die ursprüngliche Idee war also definitiv eine sicherheitspolitische und keine antiwestliche oder antieuropäische.

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2016, 08:44 Uhr

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