Polnische Gemeindevertreter aus Slupsk bei ihrem Besuch im rumänischen Deveselu, mit rumänischen Gemeindevertretern.
Gemeindevertreter aus dem polnischen Redzikowo (Slupsk) bei ihrem Besuch des Raketenabwehrsystems im rumänischen Deveselu. Bildrechte: Polnische Gemeinde Slupsk

Rumänien | Polen Freunde dank Raketensystem

Im rumänischen Dorf Deveselu ist seit vorigem Jahr ein US-Raketenabwehrsystem betriebsbereit, im polnischen Redzikowo soll es bis 2018 stationiert werden. Nun wollen beide Dörfer bei ihren Erfahrungen voneinander lernen.

von Annett Müller

Polnische Gemeindevertreter aus Slupsk bei ihrem Besuch im rumänischen Deveselu, mit rumänischen Gemeindevertretern.
Gemeindevertreter aus dem polnischen Redzikowo (Slupsk) bei ihrem Besuch des Raketenabwehrsystems im rumänischen Deveselu. Bildrechte: Polnische Gemeinde Slupsk

Es gibt ein Erinnerungsfoto von ihnen, das voller Symbolik ist: Links die Gemeindevertreter vom rumänischen Deveselu, rechts ihre Amtskollegen aus dem polnischen Redzikowo. Sie stehen vor dem Gelände eines US-Raketenabwehrsystem, das neuerdings beide Gemeinden verbindet. Im rumänischen Deveselu sind  die US-Abfangraketen bereits betriebsreit, in der polnischen Gemeinde sollen sie bis 2018 stationiert werden. Erst vor ein paar Monaten kam die polnische Delegation nach Deveselu: Sie wollten wissen, wie ein solches Raketensystem das Dorfleben verändert.  

Geldsegen für Deveselu

Dem rumänischen Bürgermeister Ion Aliman bescherte der US-Stützpunkt einen wahren Geldsegen. Rund acht Millionen Euro stellte die Bukarester Regierung seiner Kommune zur Verfügung, um Develesu für die US-amerikanischen Verbündeten herauszuputzen. Die Dorfstraßen wurden asphaltiert, die Kommune hat jetzt Kanalisation und fließend Wasser. "Wir hätten uns ohne den Stützpunkt nie in dieser Geschwindigkeit verändern können", sagt Aliman. Mit den Fördermitteln aus Bukarest hatte der Gemeindechef plötzlich das Hundertfache an Zuschüssen, die ihm gemeinhin zur Verfügung stehen: Die 3.000-Seelen-Gemeinde Deveselu liegt im Süden des Landes und in einer der strukturschwächsten Regionen Rumäniens.

Nähe zur militärischen Supermacht

Einweihungfeier des Nato-Raketenabwehrsystem in Deveselu (Rumänien)
Einweihungfeier des Nato-Raketenabwehrsystem in Deveselu (Rumänien) Mitte Mai 2016 Bildrechte: dpa

Dass der Militärstützpunkt auch Ängste in seiner Kommune erzeugt und als kleiner Ort womöglich zwischen die Fronten der Großmächte zu geraten, glaubt Aliman nicht. Solche Befürchtungen hat jedoch ein Teil der Einwohner im polnischen Dorf Redzikowo, das zur Gemeinde Slupsk gehört. Bürgermeister Aliman hält diese Zweifel für unbegründet. Seiner Meinung nach garantiert "das Raketenabwehrsystem nicht nur Rumänien oder Polen mehr Sicherheit, sondern ganz Europa".

Dass die USA der beste Sicherheitsgarant seien, ist die Überzeugung fast aller politischen Kräfte in Rumänien. Ehrfürchtig sucht Bukarest deshalb seit Jahren die Nähe zur militärischen Supermacht. In der Vergangenheit beteiligte sich das Land an mehreren US-amerikanisch geführten Militäroperationen - im Irak oder in Afghanistan. Auch sollen zahlreiche geheime CIA-Gefangenenflüge über rumänische Flughäfen abgewickelt worden sein. Nach Kosten und Sinn eines US-Raketenabwehrsystems hat im osteuropäischen Rumänien so gut wie keiner gefragt.

Polnischer Standort "wäre verzichtbar gewesen"

Ein US-Soldat steht in Deveselu in Rumänien vor der ersten Abwehrbasis für das Nato-Schutzschild
Blick auf die Anlage im rumänischen Deveselu Bildrechte: dpa

Die USA investieren jährlich bis zu zehn Milliarden Dollar in die Weiterentwicklung ihres Raketenabwehrsytems. Gerade die konservativen Republikaner treiben seit Jahrzehnten das Verteidigungsprogramm voran. Dass hier US-Präsident Donald Trump künftig eine neue Linie fahren wird, ist schwer vorstellbar. In den vergangenen Jahren wurde der Aufbau von Stützpunkten in Osteuropa mit einer nuklearen Bedrohung aus dem Mittleren und Nahen Osten begründet. Doch inzwischen hat sich die Weltlage entscheidend verändert. Syrien und Libyen befinden sich im Bürgerkrieg und der Iran hat mit dem 2015 vereinbarten Atomabkommen von wichtigen Rüstungsprojekten verabschiedet. Auf das US-Raketenabfangsystem in Polen hätte "man daher sehr wohl verzichten können", meint Friedensforscher Götz Neuneck vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH).

Lange auf US-Amerikaner gewartet

Raketenabwehr in Osteuropa
Deveselu und Redzikowo - rund 1.900 Kilometer voneinander entfernt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch Ländern wie Polen oder Rumänien, den beiden einzigen osteuropäischen Standorten für das US-Raketenabwehrsystem, geht es weniger um eine nukleare Bedrohung aus dem Iran. Für sie ist die US-Investition ein Sicherheitsgarant gegen Russland. Eine Kurskorrektur des Raketenabwehrprogrammes oder gar eine Abkehr davon, würden sie umgehend als Affront deuten. Als 2009 der damalige US-Präsident Barack Obama die Pläne kurzzeitig auf Eis legte, warfen ihm Länder wie Polen und Rumänien vor, zu kompromissbereit gegen Russland zu sein.

"Wir haben nach 1945 auf die Amerikaner gewartet", sagt der in Rumänien renommierte Politikexperte Valentin Naumescu. Die 2010 vereinbarte strategische Partnerschaft mit den USA in Verteidigungsfragen hätten seine Landsleute "enthusiastisch begrüßt“. Ein Gefühl, dass bis heute ungebremst anhalte, trotzdem "die transatlantischen Beziehungen vor allem in den großen westlichen Hauptstädten gerade festgefahren sind", meint Naumescu.

Keine Bedrohung für russische Seite

Statt der Amerikaner kamen zu Ende des Zweiten Weltkrieg die Russen nach Rumänien - auch nach Deveselu. 1950 bauten die Sowjets im Dorf einen wichtigen Luftwaffenstützpunkt auf. Sie wollten Rumänien auf diese Weise für den Kalten Krieg mit den USA rüsten. Heute sind die ehemaligen Bündnispartner erbitterte Feinde. Immer wieder kritisiert der Kreml die Raketenabwehr in Deveselu, die seit vorigem Jahr unter Nato-Kommando steht, "als Bedrohung der eigenen Sicherheit". Deutsche Sicherheitsexperten halten das für Propaganda. "Technisch sind die Stützpunkte in Rumänien und Polen bislang nicht dafür ausgelegt, russische Raketen abzufangen", meint der Hamburger Friedensforscher Götz Neuneck. Allerdings befürchte Moskau, "dass sich das in Zukunft ändern könnte."

Militärbasis in Deveselu Der Stützpunkt war 2010 zwischen Rumänien und den USA vereinbart worden. Stationiert ist dort das landgestützte Aegis-Raketenabwehrsystem mit 24 Abfangraketen des Typs SM-3 IB. Sie können ankommende Kurz- und Mittelstreckenraketen zerstören. Die Militärbasis ist mit Stützpunkten in der Türkei, Spanien und im deutschen Ramstein vernetzt. Ab 2018 folgt Polen.

Sprachkurse zur gegenseitigen Verständigung

Ein Hirte steht am 12.05.2016 in Deveselu in Rumänien mit seinen Kühen am Ortsschild. Hier in der Nähe steht ein Nato-Raketenabwehrsystem
Ein Großteil der Einwohner im rumänischen Deveselu lebt von Landwirtschaft. Bildrechte: dpa

Im rumänischen Deveselu diskutiert man diese Weltpolitik fast gar nicht, die Mehrheit ist dort mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt. Wer nicht nur von der Landwirtschaft leben kann, verdingt sich als Saisonkraft in Westeuropa. Damit der über 220 Millionen Dollar teure Militär-Stützpunkt für die Einwohner kein Fremdkörper bleibt, hat sich die US-Seite einiges einfallen lassen. Es gab Englisch- und Rumänischkurse zur besseren gegenseitigen Verständigung. Die Grundschule im Ort wurde mit US-Geldern renoviert, auch gibt es Patenschaften zwischen Schülern und US-Soldaten. Ähnlich geht das US-Militär jetzt auch in Polen vor, wo das nächste Raketenabwehrsystem stationiert werden soll.   

Gegenbesuch in Polen

Amerikanische Militärs zu Gast in polnischer Schule in Redzikowo.
Amerikanische Militärs zu Gast in polnischer Schule in Redzikowo. Bildrechte: Schule in Redzikowo

Verbinden wollen sich auch die beiden Dorfgemeinschaften aus Deveselu und Redzikowo. Dem Rumänien-Besuch vom Herbst folgt Anfang April ein Gegenbesuch in Polen. Man hat Pläne miteinander. Das polnische Redzikowo wüsste gern, ob das US-Raketenabwehrsystem, zu dem auch eine riesige Radaranlage gehört, womöglich gesundheitsschädigende Folgen haben könnte. Am rumänischen Standort könne man das doch gut untersuchen, heißt es in einem Antrag der Gemeinde an die US-Botschaft im Land.

Die Rumänen haben hingegen einen Schüleraustausch zwischen beiden Dörfern vorgeschlagen. Eines steht fest: Ohne US-Raketenschild hätten sich die beiden knapp 1.900 Kilometer entfernten Orte nie kennengelernt. Und da ist noch etwas, was beide stark verbindet: Der Wunsch, dass die Raketenabwehrsysteme in ihren Dörfern nie zum Einsatz kommen, sagt der Bürgermeister von Deveselu, Ion Aliman.  

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL im Fernsehen: MDR | 10.03.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2017, 11:23 Uhr