Kirche St. Anna Kirche und Bernhardiner-Kirche und das Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz in Vilnius
St. Anna Kirche, Bernhardiner-Kirche und Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz in Litauens Hauptstadt Vilnius Bildrechte: IMAGO

Buchmesse-Gastland 2017 Wo liegt eigentlich Litauen?

"Litauen, meine Heimat! ..." – mit diesen Worten begann Adam Mickiewicz 1834 sein bekanntestes Poem. Mickiewicz ist Polens Nationaldichter. Litauen hat noch mehr Erstaunliches zu bieten. Zum Beispiel den geografischen Mittelpunkt Europas und seine 1323 gegründete Hauptstadt, die mit über 50 Kirchen den Katholiken als "Rom des Ostens" galt und den Juden wegen der einst 100 Synagogen als "litauisches Jerusalem". Vilnius ist die größte Barockstadt nördlich der Alpen und seit 1994 Weltkulturerbe.

Kirche St. Anna Kirche und Bernhardiner-Kirche und das Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz in Vilnius
St. Anna Kirche, Bernhardiner-Kirche und Denkmal des polnischen Dichters Adam Mickiewicz in Litauens Hauptstadt Vilnius Bildrechte: IMAGO

Land und Leute

Litauen, die südlichste und größte der drei baltischen Republiken ist mit einer Fläche von 65.000 Quadratkilometern etwa doppelt so groß wie Belgien, mit 2,9 Millionen beträgt die Einwohnerzahl aber nur reichlich ein Viertel, mit sinkender Tendenz, durch Sterbeüberschuss und Auswanderung, vor allem in Richtung Großbritannien, Irland und Norwegen.

Baltikum
Die drei baltischen Republiken Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 84 Prozent der Einwohner sind ethnische Litauer, rund 6,5 Prozent Polen (vor allem rund um Vilnius), dazu 5,8 Prozent Russen. Vier Fünftel der Einwohner sind katholisch, etwa vier Prozent russisch-orthodox. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Städten. Die Hauptstadt Vilnius (polnisch Wilno) als größte hat etwa 540.000 Einwohner.

Das Land grenzt im Norden an Lettland, im Osten an Weißrussland (Belarus) und im Süden an Polen und die russische Exklave Kaliningrad. 1990 erklärte Litauen seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion, 1991 wurde das Land in die UNO aufgenommen, 2004 in die Europäischen Union und die NATO. Seit 2015 bezahlt man auch in Litauen mit Euro.

Osteuropa – oder doch nicht?

eine Säule auf einem Platz
Europas geografischer Mittelpunkt - auf Litauisch: "Europos geografinis centras" Bildrechte: IMAGO

Litauen gehört zu Osteuropa, wozu denn sonst? Politisch mag das halbwegs stimmen, geografisch ist es schlicht falsch. Experten von Frankreichs Nationalinstitut für Geographie bestimmten 1989 den Mittelpunkt Europas. Dessen Koordinaten: 54 Grad, 54 Minuten nördlicher Breite und 25 Grad, 19 Minuten östlicher Länge. Zu finden ist dieser Punkt in Litauen, im Dorf Purnuškės, wenige Kilometer nördlich von Vilnius, seit 2004 markiert durch eine Granitsäule.

Verwechslungsgefahr

Häufig wird Litauen mit dem benachbarten Lettland verwechselt. Zwar gehören die Sprachen beider Völker, gemeinsam mit dem ausgestorbenen Pruzzisch der ostpreußischen Ureinwohner, zum baltischen Zweig der indoeuropäischen Sprachen. Doch verständigen können sich Litauer und Letten nur mithilfe einer Fremdsprache. Bis 1990 war das meist Russisch, heute ist es Englisch.

Das Litauische ist von einem sanften, unglaublich nuancierten Klang und einer archaischen Formenvielfalt wie sie nur in den Altsprachen anzutreffen ist. Ihr reiches Arsenal erfordert Bedacht und Sensibilität. Subtil, melodiös und konkret ist Litauisch eine Lyriksprache par excellence.

Claudia Sinnig, Übersetzerin und Lituanistin Leipziger Volkszeitung, 02.03.2017

Deutlich unterscheidet sich Litauen von den den beiden anderen baltischen Republiken im Hinblick auf Geschichte, Kultur und Religion. In Lettland und Estland dominierten lange die Hanse, Ordensritter und baltendeutsche Adlige. 1918 wurden dort erstmals eigene Nationalstaaten gegründet. Dagegen reichen die Wurzeln der litauischen Staatlichkeit bis weit ins Mittelalter zurück. Und die Litauer blieben erst lange heidnisch und später katholisch, anders als ihre lettischen und estnischen Nachbarn. Und sie waren politisch und kulturell eng mit Polen verbunden.

Einstige europäische Großmacht

Litauen - Nachstellung der Schlacht bei Grunwald bzw. Tannenberg 1410 Königreich Polen und Großfürstentum Litauen gegen den Deutschen Orden
Nachstellung der Schlacht bei Grunwald bzw. Tannenberg 1410 Bildrechte: IMAGO

Das litauische Großfürstentum behauptete sich im 13. Jahrhundert im Osten gegen die Kiewer Rus, die nach dem Mongoleneinfall von 1240 geschwächt war, und im Westen gegen den Deutschen Orden. In der Schlacht bei Tannenberg - oder Grunwald, wie sie in der polnischen Geschichtsschreibung heißt - schlugen 1410 Litauer und Polen gemeinsam die Ordensritter. Im 15. Jahrhundert war Litauen unter Großfürst Gediminas und seinen Söhnen Algirdas und Kęstutis zu einer osteuropäischen Großmacht geworden. Deren Territorium reichte von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und umfasste weite Gebiete der heutigen Staaten Polen, Belarus, Ukraine und Russland.

Völker, Sprachen, Religionen

Denkmal des Gaon in Vilnius
Denkmal für den Gaon von Wilna (1720-97) Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

Im Vielvölkerstaat Polen-Litauen herrschte lange Zeit religiöse Toleranz. Ungeachtet der Dominanz des katholischen Klerus genossen auch zu Zeiten der Gegenreformation protestantische und orthodoxe Christen sowie Juden und Muslime eine von den weltlichen Herrschern geförderte Religionsfreiheit.

Litauen gehörte zu den Zentren jüdischer Kultur in Osteuropa. Die nach der Pest im 14. Jahrhundert aus Deutschland vertriebenen Juden hatten von dort ihre Sprache mitgebracht, das mit hebräischen Buchstaben geschriebene Jiddisch. Vilnius (jiddisch ווילנע - Vilne) galt mit seinen 100 großen und kleinen Synagogen als "Jerusalem des Nordens". Die religiösen Kommentare von Elijah Ben Salomon Salman, des "Gaon von Wilna", aus dem 18. Jahrhundert gelten bis heute als Standardwerke jüdischer Gelehrsamkeit. 1925-40 befand sich in Vilnius der Hauptsitz des renommierten Forschungsinstituts YIVO, das sich wissenschaftlich mit der Kulturgeschichte des osteuropäischen Judentums befasst, heute von New York aus.

St. Johannis Kirche im Großen Hof der Universität in der Altstadt von Vilnius (Litauen)
Die St. Johannis Kirche im Großen Hof der Universität von Vilnius Bildrechte: IMAGO

Offizielle Amtssprache in Polen-Litauen war weder Polnisch noch Litauisch, sondern Ruthenisch oder Kanzleislawisch, ein Vorläufer des Belorussischen und Ukrainischen. Litauisch wurde erst im 16. Jahrhundert Schriftsprache. Das erste litauische Buch war eine Übersetzung von Luthers Katechismus, gedruckt 1547 im evangelischen Königsberg. Im 17. Jahrhundert avancierte in Litauen das Polnische zur Sprache des Adels und der Gebildeten. Litauisch galt als "Bauernsprache".

Die Universität von Vilnius entstand 1570 im Zuge der katholischen Gegenreformation aus einem Jesuitenkolleg. Nach der 1364 gegründeten Universität in Krakau war sie die zweite Universität in Polen-Litauen und für lange Zeit der östliche Vorposten der europäischen Universitätslandschaft. Dort sprach man bis 1816 Latein.

Mit Polen – im Guten wie im Bösen

Großfürste Wladyslaw Jagiello
Großfürst Władysław II. Jagiełło (1362-1434 - litauisch Jogaila), Begründer einer einflussreichen Dynastie Bildrechte: IMAGO

1386 hatte der litauische Großfürst Jogaila nach seiner Taufe als Władysław II. Jagiełło den polnischen Königsthron bestiegen. Er setzte das Christentum in Litauen durch, mit ihm begann die Personalunion zwischen Polen und Litauen. Nachkommen Jagiełłos stellten bis 1572 die Könige Polens. Fürsten aus dem Adelsgeschlecht der Jagiellonen regierten um 1500 auch in Ungarn und Kroatien und Böhmen. Mit der Lubliner Union entstand 1569 ein gemeinsamer Staat Polen-Litauen, die "Rzeczpospolita obejga narodów" (litauisch "Abiejų Tautų Respublika" - "Republik beider Völker"). In der immer stärker polnisch dominierten Adelsrepublik wurde der König von den rivalisierenden Angehörigen des Kleinadels gewählt. Im Ergebnis der dritten polnischen Teilung 1795 verschwand auch Litauen von der politischen Landkarte und wurde ins Zarenreich eingegliedert. 1831 und 1863 kam es zu Aufständen gegen die russische Herrschaft. Beide wurden niedergeschlagen und hatten eine verschärfte Russifizierung zur Folge.

Zweite Unabhängigkeit mit "Ersatz-Hauptstadt"

Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem deutsch-russischen Friedensvertrag von Brest-Litowsk erklärte Litauen 1918 seine Unabhängigkeit. Doch um Vilnius stritten sich nun Litauer, Polen und Sowjetrussen. 1920 okkupierte schließlich Polen die Stadt und das mehrheitlich polnisch besiedelte Umland. Kaunas, die zweitgrößte Stadt des Landes, wurde zur "Ersatz-Hauptstadt". Litauen seinerseits annektierte 1923 das Memelland ("Preußisch-Litauen"), den nördlich der Memel gelegenen Teil Ostpreußens, der nach dem 1. Weltkrieg vom Völkerbund verwaltet worden war. 1939 musste Litauen das Gebiet an Deutschland abtreten.

Spielball von Stalin und Hitler

Litauen - Truppen der Wehrmacht marschieren am 24. Juni 1941 durch das Dorf Vilkija
Litauen - Truppen der Wehrmacht marschieren am 24. Juni 1941 durch das Dorf Vilkija Bildrechte: dpa

Die Region um Vilnius wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt und Polens militärischer Niederlage an Litauen zurückgegeben. Jedoch musste dafür 1940 ganz Litauen "freiwillig" der Sowjetunion beitreten. Anschließend wurden Zehntausende angebliche "Sowjetfeinde" verhaftet, nach Sibirien verschleppt oder erschossen. Das erklärt, weshalb 1941 Truppen der Wehrmacht nach dem Überfall Nazideutschlands auf die UdSSR in Litauen wie auch in Estland und Lettland von vielen als Befreier begrüßt wurden. Wie überall an der Ostfront machten nun deutsche "Einsatzgruppen" Jagd auf die jüdische Bevölkerung. Unter aktiver Mitwirkung von Litauern wurden so allein von August bis November 175.000 Menschen ermordet. 90 Prozent der Juden des Landes überlebten den Holocaust nicht.

Wieder Sowjetrepublik bis 1990

1944 eroberte die Rote Armee Litauen zurück. Tausende Litauer flohen in den Westen, andere führten als sogenannte "Waldbrüder" bis in die 1950er-Jahre einen opferreichen Guerillakrieg gegen die Sowjetmacht. Insgesamt verlor Litauen durch den Krieg, Massenmord, Vertreibung und Verschleppung rund ein Sechstel seiner Einwohner. Die 60er- und 70er-Jahre brachten dann eine verstärkte Industrialisierung des zuvor bäuerlich geprägten Landes mit sich. Im Zuge von Glasnost und Perestroika unter Michail Gorbatschow entstand 1988 in Litauen die Unabhängigkeitsbewegung Sajudis. Das war die Zeit der "singenden Revolution" in den drei baltischen Sowjetrepubliken. Am 23. August 1989, 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt, demonstrierten zwei Millionen Litauer, Letten und Esten mit einer 600 Kilometer langen Menschenkette von Vilnius über Riga nach Tallinn für die Unabhängigkeit.

Dritte Unabhängigkeit

Eine Gedenktafel (r) und Holzkreuze am Fernsehturm in Vilnius erinnern am 04.01.2016 an die Opfer des
Denkmal für die Opfer des "Blutsonntags" am Fernsehturm von Vilnius Bildrechte: dpa

Im Februar 1990 gewann Sajudis die ersten freien Wahlen. Im März erklärte sich Litauen als erste Sowjetrepublik für unabhängig. Moskautreue Kräfte versuchten sich im Januar 1991 mit Unterstützung sowjetischer Sicherheitskräfte an die Macht zu putschen.

Bei der Verteidigung von Parlament und Fernsehzentrum kamen am 13. Januar, dem "Vilniusser Blutsonntag" 14 unbewaffnete Zivilisten ums Leben, 1.000 wurden verletzt. Beim Referendum im Februar 1991 stimmten schließlich über 90 Prozent der Wahlberechtigten für die Unabhängigkeit.

Nach dem fehlgeschlagenen Augustputsch 1991 in Moskau wurde dann Litauens Unabhängigkeit innerhalb kurzer Zeit von über 90 Staaten anerkannt. Am 6. September, drei Tage nach den USA, erkannte schließlich auch die Sowjetunion die Souveränität der baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland an.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im Radio: MDR | 07.03.2017 | 18:00-19:00 Uhr
Spezial: Litauen - Europas unbekannte Mitte:

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2017, 15:25 Uhr

Das Denkmal einer Kriegers
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau
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