Lenin Mausoleum
Lenin-Mausoleum am Roten Platz Bildrechte: dpa

Feature Die Mumie vom Roten Platz

Seit seinem Tod 1924 ruht Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau. Obwohl die Sowjetunion am 31. Dezember 1991 aufhörte zu existieren, ist die internationale Neugier auf den russischen Revolutionsführer geblieben. Wäre es Zeit, sich endlich von der Roten Mumie zu trennen? In seinem sehr persönlichen Feature erzählt Günter Kotte vom Umgang mit dem weltberühmten Genossen im heutigen Russland.

Lenin Mausoleum
Lenin-Mausoleum am Roten Platz Bildrechte: dpa

Am 21. Januar 1924 starb in Gorki bei Moskau der charismatische Gründer des ersten sozialistischen Staates der Welt, Wladimir Iljitsch Lenin. Im Oktober 1917 hatten er und seine Genossen einer Revolution in Petrograd handstreichartig zum Sieg verholfen und damit am "Schlaf der Welt" gerührt. Die russische Revolution galt als Aufbruch in die Utopie. Auf sie konzentrierten sich die Sehnsüchte von Millionen Menschen weltweit. Doch dann kamen Bürgerkrieg, Massenmord, Hunger, Not, Chaos.

Lenins Leichnam im Mausoleum
Bildrechte: dpa

Seit über neunzig Jahren ruht Lenin unbehelligt im Mausoleum an der Kremlmauer. Günter Kotte beleuchtet die Entstehung des Leninkults und erzählt, wie es den Russen heute mit dem Revolutionsführer geht.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 13.09.2017 22:00Uhr 68:10 min

https://www.mdr.de/kultur/podcast/feature/audio-feature-die-mumie-vom-roten-platz102.html

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Josef Wissarjonowitsch Stalin (1878-1953) wusste den Tod Lenins für sich zu instrumentalisieren. Schon ein Jahr vor dem Ableben des todkranken Parteiführers hatte er vorgeschlagen, dessen sterbliche Reste für die Ewigkeit haltbar zu machen und für Lenin ein Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau zu errichten. Er widersetzte sich damit auch Lenins Frau, Nadeschda Krupskaja, die wenige Tage nach Lenins Tod in der Prawda an die Genossen appellierte:

Laßt es nicht zu, dass sich euer Leid in eine äußerliche Anbetung von Wladimir Iljitsch verwandelt. Errichtet in seinem Namen keine Paläste oder Denkmäler.

Nadeschda Krupskaja Prawda vom 29. Januar 1924

Aus dem Kult um den Toten wurde bald ein Kult um den noch lebenden Stalin als Fortsetzer der Ideen Lenins. Der Revolutionsführer wurde zur Ikone der Sowjetmacht und das Mausoleum auf dem Roten Platz zur Pilgerstätte für seine Anhänger. Der ursprüngliche Bau aus Eichenholz wurde 1930 durch ein festes Gebäude ersetzt. Jedes Jahr besichtigten etwa 2,5 Millionen Besucher den Sarg mit dem einbalsamierten Lenin-Leichnam.

1996 schaffte Jelzin die jährlichen Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution, einst höchster Feiertag in der UdSSR, ab. Im öffentlichen Leben Russlands sind die Oktoberrevolution und der Genosse Lenin weitgehend untergegangen.

Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass bis zu dreißig Prozent der jungen Leute kaum etwas über Lenin sagen können oder gar nichts wissen.

Aleksei Alexandrowitsch Machlai Zentrum für gesellschaftliche und politische Studien Moskau

Doch der einst so geliebte und gehasste Russe liegt weiterhin im Mausoleum auf dem Roten Platz, der 1992 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, einschließlich Lenins Leichnam. Die Instandhaltungskosten belaufen sich jährlich auf etwa 1,5 Millionen Dollar. Früher hat die KPdSU diese Aufwendungen getragen. Heute erledigen das primär private Sponsoren.

Begegnungen mit Lenin

Der Autor Günter Kotte lernte Lenin 1957 kennen. Als Foto an der Wand, neben Mao Tse Tung, Walter Ulbricht und Stalin, in der zweiten Klasse in Bühlau, im Sächsischen, einem der Sowjetunion eher abgewandten Kaff:

Mir gefiel Lenin am besten. Er hatte so listige Augen und ich wäre sofort mit ihm mitgegangen.

Günter Kotte Die Mumie vom Roten Platz

Im Feature untersucht Günter Kotte, sehr persönlich, den Umgang mit dem weltberühmten Genossen im heutigen Russland und wirft die Frage auf: Brauchen die Russen Lenin noch? Laut schwankenden Umfragen votieren derzeit circa vierzig Prozent für Lenins Verbleib im Mausoleum, circa dreißig Prozent wollen, dass er endlich neben seiner Mutter in St. Petersburg beigesetzt wird und der Rest möchte, dass er für immer verschwindet. Putin ließ unlängst verkünden, "dass keine Umbettung Lenins vorgesehen sei."

Auf den Spuren Lenins Feature | Günter Kotte: Die Mumie vom Roten Platz

Souvenir-Stand in Moskau
"Losungen, die auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 2017 hinweisen, sucht man im Stadtbild Moskau vergebens. Nur die Souvenir-Händler vor dem "Roten Platz" machen weiter ihre Geschäfte." Günter Kotte: Die Mumie vom Roten Platz Bildrechte: MDR/Gert Gampe
Souvenir-Stand in Moskau
"Losungen, die auf den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution 2017 hinweisen, sucht man im Stadtbild Moskau vergebens. Nur die Souvenir-Händler vor dem "Roten Platz" machen weiter ihre Geschäfte." Günter Kotte: Die Mumie vom Roten Platz Bildrechte: MDR/Gert Gampe
Wladimir Iljitsch Lenin
Lenin vor seinem Wohnhaus in Gorki (undatiert, vermutlich eine der letzten Aufnahmen). Der gesundheitlich angeschlagene Revolutionsführer zog sich ab 1922 aus Politik zurück. Bildrechte: dpa
Der aufgebahrte Lenin
Der aufgebahrte Lenin im Haus der Sowjets im Januar 1924. Seine Frau Nadeschda Krupskaja (1) und seine Schwester Maria Alexandrowna (2) stehen in der Nähe des Sarges. Bildrechte: dpa
Skulptur des berühmten sowjetischen Bildhauers Sergej Merkurow in Gorki Leninskije "Lenin wird zu Grabe getragen"
Skulptur des berühmten sowjetischen Bildhauers Sergej Merkurow in Gorki Leninskije "Lenin wird zu Grabe getragen". Bildrechte: MDR/Gert Gampe
Lenins Rolls Royce, der zusätzlich mit Raupenketten ausgestattet wurde.
Lenins Dienstwagen, ein 1916 in England hergestellter Rolls Royce. 1922 wurde das Auto im Petrograder Putilow-Werkes extra für Lenin umgerüstet: die hinteren Antriebsräder wurden durch Raupenketten ersetzt, unter die Vorderräder kamen breite Kufen. Bildrechte: MDR/Gert Gampe
Wladimir Iljitsch Lenin zwischen Josef Stalin und Michail Kalinin, anlässlich des 8. Parteitages der Kommunistischen Partei Russlands (Bolschewiki) in Moskau (1919).
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) zwischen Josef Stalin (1878-1953) und dem formellen sowjetischen Staatsoberhaupt Michail Kalinin (1875-1946) auf dem 8. Parteitag der Kommunistischen Partei in Moskau 1919. Bildrechte: IMAGO
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Über den Autor

Günter Kotte wurde 1949 in Pirna (Sachsen) geboren. Von 1964 bis 1966 besuchte er die Kinder- und Jugendsportschule Dresden.

Autor Günter Kotte
Günter Kotte Bildrechte: MDR/Matthias Thalheim

1968 - 1973 studierte er an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam Babelsberg, die er im Fach Produktion/Regie mit einem Diplom abschloss. Danach war er bis 1983 freiberuflich für das DEFA-Studio für Dokumentarfilme tätig. 1983 übersiedelte er nach West-Berlin. Hier arbeitete er als Synchronregisseur und freiberuflicher Autor.

Er drehte zahlreiche Dokumentarfilme, u.a. "Die alten Weiber", "Lieber Wolodja", "Lampion - C'est si bon", und schrieb mehrere Features, wie "Na sdorowje - die Russen und ihr Wodka", "Ich stehe keinem mehr gegenüber - der Schriftsteller Tschingis Aitmatow", "Wenn die Zeit still steht. Oder: Langweilen sich Fische eigentlich auch?", "Stalins Stimme" und "Die Gräber der großen Russen".

Informationen zur Sendung MDR KULTUR Feature
100 Jahre Oktoberrevolution
"Die Mumie vom Roten Platz"
Feature von Günter Kotte

Sendung:
13.09.2017 | 22:00-23:00 Uhr

Wiederholung
17.09.2017 | 18:00 -19:00 Uhr

Sprecher: Winfried Glatzeder, Lena Stolze, Michael Rotschopf,
Karina Plachetka, Sergej Gladkich und Torsten Ranft
Im Original-Ton: Andrei Kolganow, Michail Rjasanzew, Igor Midzew, Aleksei Machlai und Thomas Decker

Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Ulf Köhler
Produktion: MDR/SWR 2017 | Ursendung

Sie können die Sendung hier nach der Ausstrahlung bis zum 08.09.2018 hören und herunterladen.

Zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2017, 15:15 Uhr

Ilya Zbarski: "Lenin und andere Leichen"
Bildrechte: Klett-Cotta

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Ilya Zbarski: "Lenin und andere Leichen"
Mein Leben im Schatten des Mausoleums
Gebundene Ausgabe, 211 Seiten
Klett-Cotta, Stuttgart 1999
ISBN: 978-3608919608