Christian und Magarete im Buch Fremde Eltern
Christian und Magarete hinterließen persönliche Schriften, die sie in einem anderen Licht zeigen. Bildrechte: Sax-Verlag, Joachim Krause

MDR KULTUR-Werkstatt | Literatur Man kann auch in guter Meinung den falschen Weg gehen!

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Christian und Magarete im Buch Fremde Eltern
Christian und Magarete hinterließen persönliche Schriften, die sie in einem anderen Licht zeigen. Bildrechte: Sax-Verlag, Joachim Krause
Buchcover: Fremde Eltern. - Herausgegeben von Joachim Krause
Bildrechte: Sax-Verlag

MDR KULTUR - Das Radio Di 02.05.2017 22:00Uhr 72:33 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buchcover: Fremde Eltern. - Herausgegeben von Joachim Krause
Bildrechte: Sax-Verlag

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"Fremde Eltern" lautet der Titel eines der interessantesten und erhellendsten Bücher zum Thema Zeitgeschichte der letzten Monate (erschienen im Sax-Verlag, Markkleeberg). Darin geht es um einzigartige Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, geschrieben von drei jungen Menschen aus Mitteldeutschland in den Jahren 1933 bis 1945.

Buchcover: Fremde Eltern. - Herausgegeben von Joachim Krause
"Fremde Eltern"
Zeitgeschichte in Tagebüchern und Briefen 1933–1945
Herausgegeben von Joachim Krause
408 Seiten, gebunden, 24,80 €
Sax Verlag
ISBN  978-3-86729-177-4 
Bildrechte: Sax-Verlag

Als die nachgeborenen Kinder die Dokumente vor Jahren auffanden, waren sie zunächst verstört über die Offenheit, mit der die eigenen Eltern über den Glauben an Adolf Hitler, die Überlegenheit der deutschen Rasse, den Kampf an der Front und selbst über die Ermordung der Juden einst gesprochen hatten. Das waren nicht die Eltern und Pfarrersleute, die sie gekannt hatten. Umso mutiger war der Entschluss der Geschwister Krause, aufgewachsen im beschaulichen Schönberg bei Meerane, diese Zeugnisse zu veröffentlichen.

Christian  im Buch "Fremde Eltern"
Christian Bildrechte: Sax-Verlag, Joachim Krause

Liebe Gretel, für mich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass ich mich mehr oder weniger freiwillig zum Nationalsozialismus bekenne. Im Dritten Reich kann nur der Nationalsozialist öffentlich wirken. Ich will öffentlich wirken. Ich bin bereit, mich zum Nationalsozialisten machen zu lassen, ich werde aber immer in politischer Kritik meine eigene Meinung sagen.

Christian, Aus dem Buch "Fremde Eltern"

So schreibt der 19-jährige Christian aus Meerane am 8. Juli 1933 seiner Freundin Margarete. Da hat er gerade an der  renommierten Fürstenschule Sankt Afra in Meißen das Abitur bestanden und schickt sich an, ein Studium der Theologie aufzunehmen. Seine Haltung zum Nationalsozialismus schwankt auch in den folgenden Jahren zwischen Begeisterung und Skepsis. Dass er später der Bekennenden Kirche beitritt, bezeugt eine gewisse Distanz zur Nazi-Ideologie. Am Krieg gegen Russland, bei dem er vom ersten Tag an als Funker mit dabei ist, hat er zunächst wenig auszusetzen. Im September 1942 schreibt er:

Liebe Gretel, Du fragst nach meiner Stellung zum Kriege. Mir wäre es lieber, wenn dieser Krieg nicht wäre. Ich kenne keinen in meiner Umgebung, der kriegsbegeistert ist. Aber die meisten sehen ein, dass diese Auseinandersetzung notwendig ist, besonders die mit dem Bolschewismus. Und dafür setze ich mein Leben gern ein.

Christian, Aus dem Buch "Fremde Eltern"

Sinneswandel

Nach der Katastrophe von Stalingrad jedoch, der er nur zufällig durch einen zuvor beantragten Heimaturlaub entgeht, wird seine Haltung immer skeptischer. Ende 1944 hält er den Krieg für verloren und den Nationalsozialismus für ein Verbrechen. Dabei kommt er auch auf den Mord an Juden zu sprechen. In einem Brief an Magarete, nunmehr seine Frau, heißt es:  

Du Gute, (…) ich bin nicht davon überzeugt, dass die nationalsozialistische Weltanschauung in ihrem Kern gut ist. Sicher ist sie gut gemeint. Aber man kann auch in guter Meinung den falschen Weg gehen. Ich habe gestern einige Seiten Führerworte genau studiert. Alles, auch die Norm für Gut und Böse, richtet sich nach dem deutschen Volke aus. Gut ist, was meinem Volke nützt. Ich halte es für falsch, das Volk als höchsten Wert hinzustellen. Volksegoismus ist von einem höheren Gesichtspunkt aus gesehen nicht besser als Egoismus des Einzelnen. Sicher wollen wir jedem Volk sein Recht zukommen lassen - aber frage einmal die von uns besetzt gewesenen Völker, was sie darüber denken. Und wenn man schon der Meinung ist, dass man die Widerspenstigen zu ihrem Glück zwingen muss - an den Judenpogromen sehe ich, dass wir zu weit gehen. Wir dürfen hart, aber nicht unmenschlich sein.

Christian, Aus dem Buch "Fremde Eltern"

Ganz anders seine Frau Magarete aus Ehrenhain bei Altenburg, sie ist bis zuletzt eine glühende Nationalsozialistin. Am 8. Mai 1945 ist sie erschüttert über die Niederlage Deutschlands und hält in ihren Tagebuchaufzeichnungen am Glauben an ihren geliebten "Führer" fest.     

 Magarete im Buch "Fremde Eltern"
Magarete Bildrechte: Sax-Verlag, Joachim Krause

Des Führers Ideen waren groß und gut und sein Wollen rein, wenn er auf dem Weg vielleicht auch manchmal irrte und zu hart, unerbittlich und ablehnend gegenüber Einwänden anderer verfuhr. Mit dem, was wir jetzt von den Konzentrationslagern zu hören bekommen - und was sonst in unserem Volke morsch und faul war -, hat er nichts gemein, genau wie die große Mehrheit unseres Volkes. Dass er blind vertraute, dass er unser Volk im Ganzen für anständiger und reifer hielt, als es war, dass die Kunde von Gemeinheit und Verbrechen nicht bis zu ihm dringen konnte, daran mag er wohl gescheitert sein. Das Schicksal hat gegen unser Volk entschieden.

Magarete, Aus dem Buch "Fremde Eltern"

Dachbodenfund mit Folgen

Der Sohn Magaretes, Joachim Krause, 1946 geboren, hätte der Mutter, so wie er sie gekannt hat, diese Sätze nicht zugetraut. Er fand den Briefwechsel auf seinem Dachboden, des alten Pfarrhauses der Eltern, und hat sich seitdem um die Veröffentlichung gekümmert.

Die Mutter war später eine kritische, aufgeschlossene, nachdenkliche Frau, der es immer um Gerechtigkeit ging, und die versucht hat, uns in der DDR eine kritische Widerständigkeit  beizubringen.  Diese Gläubigkeit, diese Scheuklappen hätte ich nicht für möglich gehalten.

Joachim Krause, Sohn von Magarete, Aus dem Buch "Fremde Eltern"
Joachim Krause
Joachim Krause lernte seine Eltern durch deren Aufzeichnungen anders kennen Bildrechte: Sax-Verlag, Wiegand Sturm

Wann und wie sich ein Umdenken vollzog, darüber rätselt Joachim Krause bis heute. Kam es plötzlich oder allmählich im Laufe der Nachkriegsjahre? Er wisse es nicht. Klar sei, dass die Mutter nach dem Krieg nicht einmal einen Halbsatz geäußert habe, von dem aus man hätte schließen können, dass sie einst eine glühende Anhängerin Hitlers war. Allerdings sei zu Hause kaum über die Nazizeit gesprochen worden, meint Joachim Krause. Damit dürfte er aber nicht allein sein. Die meisten seines Alters hätten mit ihren Eltern zu wenig über die Nazizeit geredet. Auch das sei ein Motiv gewesen, die Briefe zu veröffentlichen.

"Fremde Eltern" ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt. Nicht nur über die Zeit des Nationalsozialismus, in der junge Menschen zwischen Begeisterung, Skepsis und Abscheu taumelten, sondern auch über das Schweigen in den Jahren danach.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: ► MDR KULTUR Werkstatt | 02.05.2017 | 22:00-23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2017, 14:27 Uhr