Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963), etwa 1938
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko mit ihrer Mutter, etwa 1938 Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin

Lesezeit | 28.08.-22.09.2017 | Preis der Leipziger Buchmesse 2017 Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin wurde als Kind ukrainischer Zwangsarbeitern 1945 in Deutschland geboren. Bei der Suche nach dem Schicksal ihrer Mutter findet sie eine atemberaubende Familiengeschichte, in der sich die großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts manifestieren. "Sie kam aus Mariupol" wurde 2017 mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. Erleben Sie das bewegende Buch auf MDR KULTUR als Lesung mit Dagmar Manzel in der Lesezeit.

Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963), etwa 1938
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko mit ihrer Mutter, etwa 1938 Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin

"Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe" - Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Die Tochter ist zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt.

Dass sie das Kind ukrainischer Zwangsarbeiter ist, weiß sie lange nicht. Doch sie wächst in dem Gefühl auf, dass sie "zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war." In der Schule ist das "Russenmädchen" Anfeindungen von Lehrern und Schülern ausgesetzt. Natascha Wodin träumt davon, einer reichen russischen Fürstenfamilie zu entstammen. Vom Leben der Mutter bleiben vage Erinnerungen. Drei Fotos, die Heiratsurkunde der Eltern, die Arbeitskarte des Vaters und eine alte Ikone sind ihr ganzes Familienerbe. Erst Jahrzehnte später begibt sie sich auf Spurensuche.

Suche nach der eigenen Herkunft

Im Sommer 2013 gibt Natascha Wodin auf gut Glück den Namen ihrer Mutter ins russische Internet ein: Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko. Auf der Seite "Azov’s Greeks", einem Forum für griechischstämmige Ukrainer, wird sie überraschender Weise fündig. Konstantin, der Betreiber des Forums und leidenschaftlicher Genealoge, unterstützt sie von nun an bei ihrer Recherche.

Stück für Stück öffnet sich für Natascha Wodin die "Blackbox ihres Lebens". Die spärlichen Kindheitserinnerungen gewinnen plötzlich an Konturen. Sie erfährt, dass ihre Mutter 1920 in Mariupol in eine adlige Familie geboren wurde, doch die aristokratische Herkunft ist von Anfang an ein gefährlicher Makel. Sie wird mitten hineingeboren in das Inferno des Bürgerkriegs, der Hungersnot, des Terrors. Von Lidia, der Schwester der Mutter, finden sich autobiografische Aufzeichnungen, anhand derer Natascha Wodin die Gräuel nach 1917 mit großer Wucht beschreibt, die Bürgerkriegsjahre, die große ukrainische Hungersnot, die stalinistischen Säuberungen, das Überleben im Gulag und in der Verbannung.

Spuren der Familiengeschichte Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin
Natascha Wodin wurde für ihr außergewöhnliches Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie "Belletristik" ausgzeichnet. Bildrechte: IMAGO/STAR-MEDIA
Natascha Wodin
Natascha Wodin wurde für ihr außergewöhnliches Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie "Belletristik" ausgzeichnet. Bildrechte: IMAGO/STAR-MEDIA
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956), etwa 1943/44
Die Mutter Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956); etwa 1943/44.

"Ihr Gesicht ist eingerahmt von einem Tuch im ukrainischen Folklorestil, das sie lose um den Kopf geschlungen hat. Vielleicht ist sie zum Fotografen gegangen, um ein letztes Foto von sich in der Ukraine machen zu lassen, ein Erinnerungsfoto."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Die Geschwister Sergej, Jewgenia und Lidia; etwa 1928
Die Geschwister Sergej, Jewgenia und Lidia; etwa 1928.

"Ich öffnete die Datei und verstand nicht, was ich sah. [...] Sehr langsam, in Etappen, begriff ich, dass genau dieses fremde kleine Mädchen meine Mutter war."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Sergej Jakowlewitsch Iwaschtschenko (1915-1984), Jewgenias Bruder, mit Cousinen am Ufer des Dnepr, etwa 1927.
Sergej Jakowlewitsch Iwaschtschenko (1915-1984), Jewgenias Bruder, mit Cousinen am Ufer des Dnjepr; etwa 1927.

"Ich blickte mitten hinein in einen Sommertag des Jahres 1927, in die Kindheit meiner Mut­ter, als sie sieben gewesen war. Eine verzauberte, schlafende Natur, ein Boot am Flussufer, ein großer alter Baum."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Lidia Iwaschtschenko (1911-2001), Jewgenias Schwester, etwa 1935
Jewgenias Schwester Lidia Iwaschtschenko (1911-2001); etwa 1935.

"Sie war meiner Mutter nicht sehr ähnlich, aber sie erschien mir sonderbar vertraut – als blickte ich auf das Bild, das ich mir aus dem Nichts von ihr gemacht hatte. Eine ernste, zarte, stolze Frau mit einem sehr geraden, forschenden Blick, von dem man nicht genau hätte sagen können, ob er offen für das Messer oder selbst das Messer war."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963), etwa 1938
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963); etwa 1938.

"Obwohl mir die im Kirchenregister angegebenen Jahreszahlen sagten, dass Matilda meine Mutter spät geboren hatte, erst mit dreiundvierzig Jahren, [...] fiel es mir schwer zu glauben, dass diese weißhaarige, schon fast greise Frau die Mutter einer Achtzehnjährigen sein sollte."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jakow Iwaschtschenko (1864-1937), Jewgenias Vater, mit seinen Schwestern Jelena, Valentina und Natalia. etwa 1915-1920
Jakow Iwaschtschenko (1864-1937), Jewgenias Vater, mit seinen Schwestern Jelena, Valentina und Natalia; etwa 1915-1920. Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Seitenverkehrte Ablichtung der Heiratsurkunde der Eltern von Natascha Wodin. Darauf ist zu lesen, das ihre Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko und ihr, Vater Nikolai Wdowin, am 28. Juli 1943 in Mariupol geheiratet haben.
Kopie der Heiratsurkunde der Eltern von Natascha Wodin.

"Es handelt sich um eine mysteriöse Ablichtung mit seitenverkehrter weißer Handschrift auf schwarzem Grund. Im Spiegel kann ich lesen, dass meine Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, am 28. Juli 1943 in Mariupol die Ehe mit meinem Vater geschlossen hat."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Arbeitskarte des Vaters von Natascha Wodin. Ihre Eltern waren 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden und mussten beim ATG Maschinenbau, einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig arbeiten.
Arbeitskarte des Vaters von Natascha Wodin. Ihre Eltern, 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, mussten in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig arbeiten.

"Die deutsche Arbeitskarte meiner Mutter ist verschollen, vielleicht irgendwann in einem dunklen, luftlosen Winkel meines Schreibtisches zu Staub zerfallen, aber ich weiß, dass sie bis auf den Namen identisch war mit der am 8. August 1944 in Leipzig ausgestellten Arbeitskarte meines Vaters, die noch erhalten ist."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jewgenijas Grab, dahinter die beiden Töchter mit ihrem Vater, 1957
Jewgenijas Grab, dahinter die beiden Töchter mit ihrem Vater, 1957

"Heute wirkt dieser Friedhof wie eine Eigenheimkolonie mit hübschen Vorgärten, damals war er eine Bau­stelle. Noch lange stand der Grabstein mit der russischen Inschrift in einer von Baggern und Planierraupen durchpflügten Wüste. Inzwischen existiert das Grab nicht mehr."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
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Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte

Die Eltern von Natscha Wodin landen 1944 in einem Zwangsarbeitslager in Leipzig. Auf den Terror Stalins folgt die nationalsozialistische Barbarei. Bei der ATG, einem Rüstungsbetrieb des Flickkonzerns müssen sie unter unmenschlichen Bedingungen täglich zwölf Stunden schuften, sind Schikanen und Willkür ausgesetzt.

Immer wieder kommt es vor, dass ein Arbeiter ohne jeden ersichtlichen Grund totgeprügelt oder erschossen wird. Hunger, Angst und die unerträgliche Enge in den Baracken führen zu Denunziation, Diebstahl, Prostitution. Für ein Stück Brot, für ein Stück Seife verkaufen Frauen ihren ausgemergelten Körper. [...] In den Lagern grassieren Typhus und Ruhr.

Natascha Wodin wirft in ihrem Buch einen längst überfälligen Blick auf dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte. 30.000 Zwangsarbeitslager gab es auf dem Gebiet des Deutschen Reichs. Über das Schicksal der Millionen Menschen aus dem Osten, die darin interniert waren, ist erschreckend wenig bekannt. Jene, die die Lager überlebten, wurden nach Kriegsende zurück in die Heimat geschickt, wo sie als Vaterlandsverräter ein Leben im Gulag oder am Rand der Gesellschaft erwartete.

Natscha Wodins Eltern entgingen durch Zufall der Zwangsrepatriierung und flüchteten nach Bayern. Zunächst hausten sie in einem Lagerschuppen auf dem Gelände einer Eisenwarenfabrik bei Fürth, später im berüchtigten Valka-Lager für "Displaced Persons" in Nürnberg und schließlich in einer für heimatlose Ausländer errichteten Siedlung am Rande Forchheims. An diesen Orten verbrachte auch Natascha Wodin, die kurz nach Kriegsende geboren wurde, die ersten zehn Jahre ihres Lebens. Bis zu jenem zehnten Oktober des Jahres 1956, als die Mutter die Wohnung verließ und nicht zurückkam. Traumatisiert und entwurzelt, nahm sie sich im Alter von 36 Jahren das Leben.

"Sie kam aus Mariupol" ist ein tief erschütterndes, bewegendes Buch. Mit ihrer Spurensuche füllt Natascha Wodins die Leerstelle ihrer eigenen Herkunft und gibt der Mutter ein Gesicht. Sie erzählt von einem fast vergessenen Schicksal, das für Millionen anderer steht.

Die Schriftstellerin Natascha Wodin

Natascha Wodin, im Dezember 1945 in Fürth als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs in Lagern für "Displaced Persons" und nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Kinderheim auf. Sie absolvierte später eine Sprachenschule, arbeitete zuerst als Dolmetscherin und dann als Literatur-Übersetzerin aus dem Russischen.

Natascha Wodin
Natascha Wodin Bildrechte: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

1983 erschien ihr Debütroman "Die gläserne Stadt". Es folgen zahlreiche Veröffentlichungen, darunter "Einmal lebt ich" (1989), "Die Ehe" (1997), "Nachtgeschwister" (2009) und "Alter, fremdes Land" (2014). Für das noch unveröffentlichte Manuskript von "Sie kam aus Mariupol" wurde Natascha Wodin bereits 2015 mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet, bevor sie 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt.

Die Sprecherin Dagmar Manzel

Dagmar Manzel wurde 1958 in Ost-Berlin geboren. Nach dem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" war sie von 1980 bis 1983 am Staatsschauspiel Dresden engagiert. Danach wechselte sie an das Deutsche Theater Berlin, dem sie von 1983 bis 2001 angehörte. Seit 2001 arbeitet sie freischaffend.

Die Schauspielerin Dagmar Manzel bei der Produktion des Hörspiels «Gift» von Lot Vekemans im Aufnahmestudio des MDR am 19.10.2012
Dagmar Manzel Bildrechte: MDR/Andreas Wünschirs

Neben zahlreichen Film- und Fernseherfolgen mit "Schtonk!", "Der Laden" oder "Klemperer - Ein Leben in Deutschland", muss ihr besonderes Engagement für Hörspiele und Lesungen erwähnt werden - für die Lesezeit von MDR KULTUR zum Beispiel mit Kathrin Schmidts "Finito. Schwamm drüber" (2012) oder Christa Wolfs "Nachruf auf Lebende" (2013). Für die Lesung von "August" (DAV 2012), der letzten Erzählung der verstorbenen Autorin, wurde Manzel 2013 mit dem "Deutschen Hörbuchpreis" als "Beste Interpretin" ausgezeichnet.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
"Sie kam aus Mariupol"
Von Natascha Wodin
Es liest: Dagmar Manzel

Regie: Thomas Fritz
Produktion: NDR 2017

Sendung:
28.08.-22.09.2017 | 09:05-09:35 Uhr
20 Folgen

Wiederholung:
28.08.-22.09.2017 | 19:05-19:35 Uhr
20 Folgen

Sie können die einzelnen Folgen dieser Lesezeit hier 30 Tage lang hören.

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2017, 10:37 Uhr

Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol"
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Buchtipp

Buchtipp

Natascha Wodin:
"Sie kam aus Mariupol"
Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
Rowohlt Verlag 2017
ISBN: 978-3498073893
19,95 Euro

Hörbuchtipp

Hörbuchtipp

Natascha Wodin:
"Sie kam aus Mariupol"
8 CDs, Laufzeit: 560 Minuten
Argon Verlag 2017
ISBN: 978-3839815885
19,95 Euro

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