Neue Alben | 24.10.2016 Musikalische Heimaten

Malky machten erstmals 2014 auf sich aufmerksam. Auf ihrem neuen Album "Where Is Piemont" haben sie sich hörbar weiterentwickelt und glänzen mit raffinierten Arrangements. Katie Melua zeigt uns musikalisch ihre georgische Heimat, und Lisa Batiashvili stammt auch aus Georgien, nimmt sich mit der Staatskapelle Berlin unter der Leitung von Daniel Barenboim aber die Violinkonzerte von Tschaikowsky und Sibelius vor.

von Tobias Kluge (Pop) und Claus Fischer (Klassik)

Pretenders: "Alone"

Label: BMG Rights Management
CD-Bestellnummer: 405053824361

36 Jahre ist das Debüt der Pretenders her, nun veröffentlicht die Band nach acht Jahren wieder ein Studioalbum: "Alone". Ursprünglich war es als Nachfolger von "Stockholm" gedacht, dem 2014 erschienen Soloalbum der US-Sängerin Chrissie Hynde. Pretenders ist eine britische Rockband mit Kultstatus und wurde 1978 gegründet. Eigentlich hatte die Band vor allem in den 1980er-Jahren größere Erfolge zu verzeichnen. Alles, was in den 1990ern und später unter diesem Bandnamen passierte, konnte man eigentlich vergessen. Schnell wurde allen Beteiligten klar, dass treibende Gitarren und zackige Arrangements fehlen – als Ergänzung zu dieser unverwechselbaren Stimme.

Pretenders - Alone
Bildrechte: BMG RIGHTS MANAGEMENT

Das neue Album, "Alone", war kein geplantes Comeback, es sei einfach so passiert, verriet Sängerin Chrissie Hynde; eine unerwartete "Bandreformation" gewissermaßen. Hynde nahm "Alone" zusammen mit Produzent und Multi-Instrumentalist Dan Auerbach von The Black Keys in Nashville auf. Die Band besteht aus Johnny Cashs ehemaligem Bassisten Dave Rose, Country-Rocker Kenny Vaughan und allerlei Mitgliedern von Auerbachs Nebenprojekt The Arcs. Zusätzlich waren einige Gastmusiker im Boot.

Verarbeitet werden in den Songs aufgerissene Wunden, Probleme wie Drogen und Alkoholsucht, Pannen des Alltags und die ewige Suche nach Vollkommenheit. Chrissie Hynde beschreibt "Alone" so:

Von all meinen Alben liebe ich dieses am meisten. Richtige Musiker spielen richtige Musik. Es hat 48 Stunden gedauert, um jeden Ton zu singen und aufzunehmen. Aber 40 Jahre, um sie vorzubereiten.

Chrissie Hynde, Sängerin und Gitarristin

Musikalisch ist "Alone" eine Mischung aus Rock 'n' Roll und Krawall, nicht selten scheppert es regelrecht auf dem Album. Dann, quasi einen Song später, klingt es insgesamt wieder lässig, hallig-vernebelt, wie eine Art atmosphärisches Konstrukt schmeichelnder Popmusik. Es ist tatsächlich so: Manchmal klingt auch die 65-jährige Frontfrau wie ein sanfter Engel und dann wieder wie fluchender Teufel.


Malky: "Where Is Piemont"

Label: Columbia
CD-Bestellnummer: 88875157432

Malky - Where Is Piemont
Bildrechte: COLUMBIA

Malky ist eine dieser besonderen Bands aus unserer Region, der man gern über die Schultern schaut. In Leipzig hat sich die Band vor einigen Jahren zu dem entwickelt, was sie heute ist. Malky ist Bulgarisch und heißt "kleiner Junge". In Wirklichkeit sind es zwei Erwachsene, nämlich Sänger Daniel Stoyanov und der Produzent und Keyboarder Michael Vajna. Nachdem sie sich in Mannheim kennengelernt hatten, zogen sie gemeinsam nach Leipzig.

Inzwischen hat es einen der beiden mehr nach Berlin verschlagen; der andere wohnt im erweiterten Speckgürtel von Leipzig. Gern aber wird die Band immer noch als Leipziger Act bezeichnet. Was die Jungs für ein Potenzial haben, konnte man erstmals auf deren Debüt "Soon" von 2014 hören. Da waren sie bereits in vieler Munde, auf Tourneen in ganz Europa unterwegs und wurden als vielversprechende Musiker der Zukunft gefeiert.

Musikalisch präsentieren Malky düsteren bis melancholischen Retro-Soul – mal elektronisch, mal ganz klassisch arrangiert – und intelligenten Electro-Pop zwischen Wohlgefühl und Gänsehaut; eher düster arrangiert und deswegen auch nichts für Kinder. Mit dem zweiten Album "Where Is Piemont" erweitert das Duo Malky seinen Sound-Entwurf um europäische Folklore, Orchestermusik und Las-Vegas-Coolness.

Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt auf dem neuen Album war Italien. Allerdings nicht das Land, sondern Italien in idealisierter Form als Sehnsuchtsort. Große Teile von "Where Is Piemont" sind im Haus von Michael Vanja entstanden, im Nirgendwo zwischen Berlin und Leipzig. "Der Sinn und Zweck von Kunst besteht darin, das Unbewusste anzuzapfen, unter der Oberfläche zu forschen", sagt Stoyanov. Und so wurde Italien eben zum unbewussten Faktor dieses Albums. Die Architektur, das Essen, die Weite und Wärme – ein guter Kontrastpunkt zur Kälte des deutschen Winters.

Was auf dem Debüt "Soon" bereits angedeutet wurde, findet nun eine kompositorische Weiterentwicklung: Teilweise wirklich raffinierte Arrangements, souverän umgesetzt. Einen eigenen Weg zu finden, eine international gültige musikalische Sprache zu entwickeln, das war von Anfang an ein Kernanliegen von Malky. Mit "Where Is Piemont" ist den beiden Musikern und ihren Begleitmusikern ein richtig gutes Album gelungen, mit dem sie ihrem Anspruch wieder ein Stück näherrücken. Und: Malky sollte man sich unbedingt live anschauen! Diese Band ist im Konzert wirklich magisch gut.

Malky live
Datum Ort, Location
14. Januar 2017 Erfurt, Franz Mehlhose
16. Januar 2017 Leipzig, Täubchenthal
1. Februar 2017 Dresden, Scheune
3. Februar 2017 Magdeburg, Moritzhof

Katie Melua (Featuring Gori Women's Choir): "In Winter"

Label: BMG Rights Management
CD-Bestellnummer: 405053824153

Im Alter von neun Jahren ist Katie Melua zusammen mit ihrer Familie von Georgien nach England gezogen. Mit 19 war sie bereits ein Superstar und stand ein Jahr später auf Platz Eins der britischen Charts. Nun meldet sich der Popstar nach längerer Auszeit mit Anfang 30 zurück: Mit dem neuen Album "In Winter", einem Winteralbum, aufgenommen mit einem georgischen Frauenchor.

Katie Melua - (Featuring Gori Women's Choir) - In Winter
Bildrechte: BMG RIGHTS MANAGEMENT

In den vergangenen 18 Monaten pendelte sie für dieses Album immer wieder zwischen ihrer Wahlheimat England und Georgien hin und her – um diese Songs zu schreiben, aufzunehmen und zu produzieren, vor allem aber, um mit diesem exzellenten Frauenchor aus Gori zusammenarbeiten zu können. Erstmals gewährt Katie Melua mit "In Winter" Einblicke in ihr Heimatland. Sie reiste musikalisch dorthin, wo ihre Wurzeln sind, wo der Winter oft besonders kalt und von Emotionen getragen ist.

Bevor sie an dem Album arbeitete, erkrankte die Sängerin; litt längere Zeit an Burnout. Ein Zeichen dafür, dass man womöglich bis zu diesem Zeitpunkt entweder zu sehr auf dem Gas stand, sich zu vielen Kanälen geöffnet habe, wie sie selbst sagt, und wohl auch ein paar Dinge falsch gemacht hat. Nun begibt sich Katie Melua also auf eine neue Reise. Mit neu getankter Energie startet sie jetzt eben etwas anders durch. Hinzu kommt, dass sie mit ihrer neuen CD auch das Ende der langjährigen kreativen Partnerschaft mit Mike Batt und ihrem bisherigen Label eingeläutet hat – ein Neuanfang auf ganzer Linie also.

Ausgesprochen oft wird der klangstarke Frauenchor aus der Stadt Gori in den Mittelpunkt gerückt; Meluas Stimme schiebt sich immer nur kurzzeitig vor die anderen. Der Chor wurde also nicht als Begleitwerk installiert, wie so oft bei ähnlichen Produktionen dieser Art, sondern als gleichwertige Partner auf dem Album eingefügt. Letztlich profitiert Melua sogar doppelt davon: Einerseits ist dies eine musikalische Bereicherung, andererseits hat sie gesanglich durch die Arbeit mit dem Chor – technisch im Umgang mit Stimme – ordentlich dazulernen können. Stücke, die ausschließlich als polyphones Chormeisterwerk funktionieren, gibt es auch auf dem Album – ein klanglicher Höhepunkt.

Musikalisch werden einige Fans des britisch/georgischen Popstars vielleicht zunächst etwas zurückhaltend reagieren, wenn sie dieses Album zum ersten Mal hören. "In Winter" ist eben nicht der übliche Katie Melua-Kuschelpop mit Jazz-Anklängen, nicht nur zumindest. Das Album "In Winter" zeigt sich mit einer fast therapeutischen und durchweg langsamen, tiefeindringenden Musikklangfarbe. Es mag widersprüchlich klingen, aber genau diese Musik schafft es, uns auf genau diese Weise einzuheizen in dieser kalten Jahreszeit.


"Golden Age in Brandenburg"

Golden Age in Brandenburg - Juliane Laake - Ensemble Art d'Echo
Bildrechte: Querstand V

Solistin: Juliane Laake
Ensemble Art d’Echo
Label: Querstand
CD-Bestellnummer: VKJK 1616

Musik am Hof in Berlin - da denkt man an Friedrich den Großen mit der Traversflöte und seinen Lehrer Johann Joachim Quantz. Oder an Carl Philipp Emanuel Bach, den Cembalisten in Friedrichs Hofkapelle. Aber was sich musikalisch rund 100 Jahre zuvor abgespielt hat, im Berliner Stadtschloss und den Nebenresidenzen der Kurfürsten von Brandenburg, das ist heute kaum bekannt. Die charismatische Gambistin Juliane Laake, Schülerin von Hille Perl, hat in den Archiven gesucht, hat ausgiebig geforscht und einiges zu Tage gefördert für diese neue CD mit ihrem Ensemble "Art d'Echo". Knapp die Hälfte der Werke sind Welt-Ersteinspielungen.


"Tchaikovsky - Sibelius: Violin Concertos"

Solistin: Lisa Batiashvili
Ensemble: Staatskapelle Berlin
Leitung: Daniel Barenboim
Label: Deutsche Grammophon
CD-Bestellnummer: 4796038

 Tchaikovsky - Sibelius - Violin Concertos - Lisa Batiashvili - Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim
Bildrechte: Deutsche Grammophon

Der Dirigent Daniel Barenboim ist der prominenteste Mentor der aus Georgien stammenden Geigerin Lisa Batiashvili - eine künstlerische Beziehung ähnlich der zwischen Kurt Masur und Anne-Sofie Mutter. Die beiden harmonieren musikalisch perfekt. Lisa Batiashvili spielt unglaublich lyrisch und beseelt, hat einen im guten Sinne zuckersüßen Strich. An den dynamischen Stellen kann sie aber auch absolut temperamentvoll sein. Ein Kritikerkollege hat mal geschrieben, sie ist "sensible Prinzessin und Teufelsweib in einer Person".


Reussisches Kammerorchester: "Harmoniemesse - Joseph Haydn"

Kammerchor der Frauenkirche Dresden
Reussisches Kammerorchester
Leitung: Matthias Grünert
Label: Rondeau
CD-Bestellnummer: ROP 6129

Joseph Haydn - Harmoniemesse - Symphony No 101 - Kammerchor Der Frauenkirche Dresden - Reussisches Kammerorchester, Matthias Grünert
Bildrechte: Rondeau

Ein "regionales Produkt" - diese Bezeichnung könnte man etwas abschätzig auslegen. Leider ist es ja bei der Bewertung von CDs nicht wie bei Lebensmitteln in einem Bioladen, wo das Siegel "regional" ja in der Regel für eine ordentliche Qualität bürgt. Doch in diesem Sinne lässt sich auch diese neue CD sehen. Erschienen ist sie beim Leipziger Label Rondeau, das sich in Sachen Repertoire auf Chormusik und Geistliche Musik spezialisiert hat. Solisten, Chor und Orchester musizieren frisch, klar und transparent. Der Chor ist intonatorisch perfekt, singt wunderbar frisch und leicht. Auch das Orchester - obwohl es auf modernen Instrumenten spielt - agiert ganz auf der Höhe der Zeit, was derzeitige Haydn-Interpretationen angeht. Das kann man auch im zweiten Stück auf der CD wunderbar erleben, in Haydns 104. Sinfonie. Bitte mehr "regionale Produkte" dieser Qualität!

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2016, 16:24 Uhr

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