Eine Szene mit Klaus Kinski aus dem Film
Der Hohepriester der Miesepetrigkeit: Klaus Kinski Bildrechte: dpa

Sachbuch der Woche | "Lob der schlechten Laune" von Andrea Gerk Wider die Diktatur der Positivität!

Jedem Menschen seine schlechte Laune! Das forderte schon Georges Simenon, der Schriftsteller, der sogar wollte, dass das Recht auf schlechte Laune in die französische Verfassung aufgenommen wird. In diese Forderungstradition tritt nun die Autorin Andrea Gerk, deren neues Buch eine große Hommage an die zu Recht verunglimpfte Gemütslage geworden ist. Das zumindest meint MDR KULTUR-Kritikerin Katrin Schumacher, die das Buch bestens gelaunt gelesen hat!

Eine Szene mit Klaus Kinski aus dem Film
Der Hohepriester der Miesepetrigkeit: Klaus Kinski Bildrechte: dpa

Thomas Bille: Moderatoren haben gefälligst immer gut gelaunt zu sein. Jetzt also das Lob der schlechten Laune – wie geht die Autorin das an?

Literaturkritikerin Katrin Schumacher: Sie stellt zuerst einmal fest, dass wir es mit einem echten Tabu-Thema zu tun haben – wer kann denn heute noch in aller Ruhe schlecht gelaunt sein? Vielleicht Kinder noch – wenn ich meinen kleinen Sohn aus dem Hort abhole dann pampt der erstmal rum, bis ich ihm Zucker zugeführt habe, und das auch völlig ungehemmt – aber wenn man erstmal in sozialen Kontexten steht und denkt, dann denkt man zweimal nach, bevor man schlechte Laune auspackt.

Also die grundsätzliche Diagnose, von der Andrea Gerk ausgeht ist: Man hat guter Dinge zu sein in unserer Gesellschaft, sonst passt man irgendwie nicht dazu, sondern fällt aus dem Alltag raus, der ist ja nun mal auf emotionale Reibungslosigkeit und aufs Wohlfühlen ausgelegt. Andrea Gerk zitiert einen Kollegen, der mal so schön polemisch formuliert hat: Wir leben in einer Diktatur der Positivität.

In einer Diktatur gibt es immer Dissidenten. Wie geht die Autorin ihre Tiefenbohrung ins schlecht gelaunte Gemüt denn an?

Sie sucht sich nach der Anfangsdiagnose erstmal überall Gewährsmänner und -frauen – sie besucht also Philosophen, Künstler, Literaten, Wissenschaftler, trifft mürrische Kellner und Psychologen und sie recherchiert assoziativ. In acht Kapiteln, die zwar jeweils ein Thema haben (z.B.: schlechte Laune in der Literatur, schlecht gelaunte Frauen, die Kunst des Schimpfens etc.), aber es ist weniger ein Abhandeln denn ein Verknüpfen, sie geht immer wieder zu sich zurück, zu ihren eigenen Alltagsbeobachtungen, und zieht damit genau wie mit ihrer wirklich schönen literarischen Sprache in dieses Buch rein, das unheimlich launig zu lesen ist.

Und das Buch ist eigentlich vieles: eine Recherche, eine Kulturgeschichte, eine Alltagsgeschichte und alles in allem eine herrlich-hemmungslose Hommage an die schlechte Stimmung.

Und was findet sie heraus? Sind wir denn wirklich besser gelaunt als früher?

Eich schmollendes Mädchen
Kinder zeigen ihre schlechte Laune ungehemmt - und genauso schnell ist sie wieder verflogen. Bildrechte: Colourbox.de

Natürlich sind wir objektiv nicht besser gelaunt als unserer Vorfahren – Nur geht's der schlechten Laune wie dem Heimweh oder der Langeweile – sie ist eine altmodische Marotte geworden. Aber, und das sagt die Autorin auch: Wir benutzen die schlechte Laune seit jeher und auch heute als Rückzugsstrategie – grade Kinder – und da sind wir wieder beim Schulkind, das aus dem Hort kommt: Die brauchen diesen Rückzugsraum der offensiven schlechten Laune, damit sagen sie einfach: So, jetzt ist Schluss, jetzt brauch ich mal meine Ruhe. Und wenn man's so betrachtet: auch der Choleriker oder der Melancholiker mit Weltekel nutzen die zur Schau gestellte schlechte Laune, um ihren Mitmenschen mal den Rücken kehren zu können. Das hat durchaus etwas Reinigendes und Positives.

Womit wir schon beim Lob der schlechten Laune wären, das die Autorin ja laut Buchtitel singt – was gibt's denn noch Gutes über die schlechte Laune zu sagen?

Also etwas verkürzt: Ohne schlechte Laune wenig Kunst. Es ist schon frappierend, wie voll die Kunst- und Literaturgeschichte mit melancholischen oder grantigen Künstlern ist. Ludwig van Beethoven zum Beispiel war unfassbar schlechtgelaunt, er hatte regelmäßig Tobsuchtsanfälle, oder Artur Schopenhauer: ein wahnsinniger Sturkopf. Und auch Frauen: Thomas Manns Frau Katia zum Beispiel, die ist ihm zum ersten Mal aufgefallen, weil sie einen Schaffner in der Straßenbahn zusammengefaltet hat – das fand er ziemlich anziehend. Und der Autorin ist aufgefallen, dass es in den meisten Künstlerbiografien immer auch um die Qual des Kreativseins geht, um das Leiden an der Welt und das Leiden am Schaffensprozess. Schön find' ich ja immer diesen Tagebucheintrag von Kafka, diese schlecht gelaunte Kapitulation: "Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit."

Wirkt sich die Laune der Künstler denn auch auf ihre Werke aus? Spiegelt sich da sowas wie ein miesepetriger Schaffensprozess?

Giovanni Trapattoni - Legendäre Wutrede
Fußballtrainer Giovanni Trapattoni zeigte sich in einer legendär gewordenen Rede als ziemlich schlecht gelaunt Bildrechte: IMAGO

Auf jeden Fall – das lässt sich hier wunderbar nachlesen, grade die Literatur ist ja voll mit missmutigen Protagonisten – also: Katia Mann zum Beispiel hat das lebendige Vorbild abgegeben für die türenschlagende Clawdia Chauchat im Zauberberg, man muss auch nur mal auf die Krimiszene gucken – alles voll mit wortkargen Einzelgängern, von Bella Block bis Kommissar Maigret – oder ein Tatort mit gutgelaunten Ermittlern, ist doch fast unvorstellbar. Übrigens, noch eine verblüffende Feststellung: Es gibt da ein schönes therapeutisches Paradox, das auch in vielen Hollywoodfilmen zum Tragen kommt: "Man guckt anderen dabei zu, wie sie vor sich hin schimpfen, geht dann selbst aber bester Laune nach Hause."

Und wie geht man aus dem Buch zur schlechten Laune nach Hause? – Ich vermute auch: guter Dinge?

Klares Ja. Wobei die Therapie nochmal eine etwas andere ist: Nach der Lektüre weiß man seine und auch die schlechte Laune der anderen zu schätzen – Also man bekommt nochmal eine größere Gelassenheit, wenn der Kassierer im Supermarkt mies guckt oder wenn man das Kind schlecht gelaunt vom Schulhof aufpickt. Vielleicht auch einfach mal zurück pampen, das erzählt das Buch auch: So eine Portion schlechter Laune kann ganz schön befreiend sein.

Angaben zum Buch Andrea Gerk: "Lob der schlechten Laune"
304 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-0369-5770-8
Verlag: Kein und Aber

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2017 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2017, 11:51 Uhr

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