Do 14.09. 2017 09:05Uhr 30:00 min

Aufgeschlagenes Buch
Aufgeschlagenes Buch Bildrechte: Colourbox
MDR KULTUR - Das Radio Do, 14.09.2017 09:05 09:35

Lesezeit Sie kam aus Mariupol (14/20)

Sie kam aus Mariupol (14/20)

Von Natascha Wodin

  • Stereo
(Erstsendung)

"Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe" - Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für "Displaced Persons", woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr. Lakonisch, klar nüchtern und vollkommen unpathetisch führt Natascha Wodin den Leser durch die Verästelungen ihrer Familienforschung.

Natascha Wodin, im Dezember 1945 im Fürth geboren, ist die Tochter einer Ukrainerin aus der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer, die gemeinsam mit ihrem russischen Mann 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde und dort 1956, mit 36 Jahren, Selbstmord beginn, als die Tochter zehn Jahre alt war. Wodin wuchs in Lagern für Displaced Persons" auf, absolvierte später eine Sprachenschule und arbeitete zuerst als Dolmetscherin und dann als Literatur-Übersetzerin aus dem Russischen.

"Sie kam aus Mariupol" wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 ausgezeichnet.

Regie: Thomas Fritz
Produktion: MDR 2017

Sprecher:
Dagmar Manzel - Sprecherin

(28 Min.)

Familiengeschichte in Bildern

Natascha Wodin
Natascha Wodin wurde für ihr außergewöhnliches Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie "Belletristik" ausgzeichnet. Bildrechte: IMAGO/STAR-MEDIA
Natascha Wodin
Natascha Wodin wurde für ihr außergewöhnliches Buch mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in der Kategorie "Belletristik" ausgzeichnet. Bildrechte: IMAGO/STAR-MEDIA
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956), etwa 1943/44
Die Mutter Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956); etwa 1943/44.

"Ihr Gesicht ist eingerahmt von einem Tuch im ukrainischen Folklorestil, das sie lose um den Kopf geschlungen hat. Vielleicht ist sie zum Fotografen gegangen, um ein letztes Foto von sich in der Ukraine machen zu lassen, ein Erinnerungsfoto."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Die Geschwister Sergej, Jewgenia und Lidia; etwa 1928
Die Geschwister Sergej, Jewgenia und Lidia; etwa 1928.

"Ich öffnete die Datei und verstand nicht, was ich sah. [...] Sehr langsam, in Etappen, begriff ich, dass genau dieses fremde kleine Mädchen meine Mutter war."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Sergej Jakowlewitsch Iwaschtschenko (1915-1984), Jewgenias Bruder, mit Cousinen am Ufer des Dnepr, etwa 1927.
Sergej Jakowlewitsch Iwaschtschenko (1915-1984), Jewgenias Bruder, mit Cousinen am Ufer des Dnjepr; etwa 1927.

"Ich blickte mitten hinein in einen Sommertag des Jahres 1927, in die Kindheit meiner Mut­ter, als sie sieben gewesen war. Eine verzauberte, schlafende Natur, ein Boot am Flussufer, ein großer alter Baum."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Lidia Iwaschtschenko (1911-2001), Jewgenias Schwester, etwa 1935
Jewgenias Schwester Lidia Iwaschtschenko (1911-2001); etwa 1935.

"Sie war meiner Mutter nicht sehr ähnlich, aber sie erschien mir sonderbar vertraut – als blickte ich auf das Bild, das ich mir aus dem Nichts von ihr gemacht hatte. Eine ernste, zarte, stolze Frau mit einem sehr geraden, forschenden Blick, von dem man nicht genau hätte sagen können, ob er offen für das Messer oder selbst das Messer war."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963), etwa 1938
Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko (1920-1956) mit ihrer Mutter Matilda Iosifowna de Martino (1877-1963); etwa 1938.

"Obwohl mir die im Kirchenregister angegebenen Jahreszahlen sagten, dass Matilda meine Mutter spät geboren hatte, erst mit dreiundvierzig Jahren, [...] fiel es mir schwer zu glauben, dass diese weißhaarige, schon fast greise Frau die Mutter einer Achtzehnjährigen sein sollte."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jakow Iwaschtschenko (1864-1937), Jewgenias Vater, mit seinen Schwestern Jelena, Valentina und Natalia. etwa 1915-1920
Jakow Iwaschtschenko (1864-1937), Jewgenias Vater, mit seinen Schwestern Jelena, Valentina und Natalia; etwa 1915-1920. Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Seitenverkehrte Ablichtung der Heiratsurkunde der Eltern von Natascha Wodin. Darauf ist zu lesen, das ihre Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko und ihr, Vater Nikolai Wdowin, am 28. Juli 1943 in Mariupol geheiratet haben.
Kopie der Heiratsurkunde der Eltern von Natascha Wodin.

"Es handelt sich um eine mysteriöse Ablichtung mit seitenverkehrter weißer Handschrift auf schwarzem Grund. Im Spiegel kann ich lesen, dass meine Mutter, Jewgenia Jakowlewna Iwaschtschenko, am 28. Juli 1943 in Mariupol die Ehe mit meinem Vater geschlossen hat."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Arbeitskarte des Vaters von Natascha Wodin. Ihre Eltern waren 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden und mussten beim ATG Maschinenbau, einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig arbeiten.
Arbeitskarte des Vaters von Natascha Wodin. Ihre Eltern, 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, mussten in einem Rüstungsbetrieb des Flick-Konzerns in Leipzig arbeiten.

"Die deutsche Arbeitskarte meiner Mutter ist verschollen, vielleicht irgendwann in einem dunklen, luftlosen Winkel meines Schreibtisches zu Staub zerfallen, aber ich weiß, dass sie bis auf den Namen identisch war mit der am 8. August 1944 in Leipzig ausgestellten Arbeitskarte meines Vaters, die noch erhalten ist."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
Bildrechte: Privatarchiv Natascha Wodin
Jewgenijas Grab, dahinter die beiden Töchter mit ihrem Vater, 1957
Jewgenijas Grab, dahinter die beiden Töchter mit ihrem Vater, 1957

"Heute wirkt dieser Friedhof wie eine Eigenheimkolonie mit hübschen Vorgärten, damals war er eine Bau­stelle. Noch lange stand der Grabstein mit der russischen Inschrift in einer von Baggern und Planierraupen durchpflügten Wüste. Inzwischen existiert das Grab nicht mehr."
Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol
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