Porträt | MDR FIGARO
"Wunderbare Jahre" von Reiner Kunze
von Petra Meyenburg
Die "Lesezeit" sendete im August 2003 eine Radiofassung der "Wunderbaren Jahre" zum 70. Geburtstag von Reiner Kunze. Es sprach Winfried Glatzeder, Regie führte Petra Meyenburg.
"Man muss diese Prosa langsam lesen, langsam einatmen ... um die Satire zu bemerken ... Vielleicht wäre die Formulierung angebracht: Kunze stellt die Wirklichkeit, die ihm in die Falle geht", schrieb Heinrich Böll über Reiner Kunzes wohl bekanntesten Prosaband "Die wunderbaren Jahre".
Zu vier Themenkomplexen sind sie gebündelt, die scharf geschliffenen, kurzen Texte über Szenen aus der inneren Wirklichkeit der DDR. Es fängt mit "Friedenskindern" an, sechs winzige Stücke über die Sechs- bis Zwölfjährigen, die im Schießen und Stechen geübt werden, "Federn" nennt sich die zweite Abteilung, "Verteidigung einer unmöglichen Metapher" die dritte, und am Ende steht das "Café Slavia".
Mit knappen Strichen werden Teenager skizziert, die so aufmüpfig sind wie überall in der Welt und die mit kleinen Extravaganzen in Lebensstil und Kleidung ihre Auflehnung gegen die Umwelt und gegen die Erwachsenen dokumentieren.
Doch dieser winzige Freiraum wird ihnen beschnitten von spießigen Lehrern und zynischen Ordnungshütern, die alle Macht auf ihrer Seite haben.Man ist von Staats wegen interessiert an normgemäßem Verhalten.
"Es sind Szenen aus dem Alltag einer Welt, die von Grund auf gegen alles ist, was auch nur irgendwie als Außenseitertum angesehen werden könnte."
Zwischen 11 und 16 - das waren die wunderbaren Jahre bei Capote
Der Titel "Die wunderbaren Jahre" ist ein Zitat aus der "Grasharfe" von Truman Capote: "Ich war elf, und später wurde ich sechzehn. Verdienste erwarb ich mir keine, aber das waren die wunderbaren Jahre." Wer wie der Amerikaner in seiner Geschichte zurückblickt auf die wunderbaren Jahre der Pubertät, denkt an alle Möglichkeiten: an die Freiheit, davonzufahren, Abenteuer zu erleben wie Tom Sawyer oder wie Holden Caulfield in Salingers "Fänger im Roggen". Aber was, wenn das nicht möglich ist, wenn es die Mauer gibt und den Schießbefehl, wenn das Tragen von Nickelbrille und Jeans, das Suchen nach dem eigenen Weg, das öffentliche Gitarrespiel, die Bibel auf dem Bücherregal oder der Besuch von Orgelkonzerten nicht nur gegen Worte und Werte, gegen Ge- und Verbote der Eltern verstößt, sondern gegen die des Staates? Was für Erwachsene werden dann aus diesen Teenagern?
Gestutzter Gedichtband in DDR erschienen
Für Jens Reich waren Kunzes "Wunderbaren Jahre" ein "Sinnbild dafür, dass es mit der DDR zu Ende gehen würde." Die Vorahnung hat sich fünfzehn Jahre nach Veröffentlichung des Buches bestätigt.
Drei Jahre lang hat Reiner Kunze an dem Text geschrieben, zurückgezogen in einer kleinen Hütte in dem Dorf Leiningen, wohl wissend, dass "Die wunderbaren Jahre" niemals in der DDR erscheinen können. Denn Kunze, damals 43, war in der DDR ein Verfemter. 1968 war er, Übersetzer vieler tschechischer Dichter und verheiratet mit einer tschechischen Ärztin, aus Protest gegen den Warschauer-Pakt-Einmarsch in die CSSR aus der SED ausgetreten. Die Gedichtbände "Sensible Wege" und "Zimmerlautstärke" sowie das Kinderbuch "Der Löwe Leopold" wurden in der DDR nicht gedruckt, trugen ihm aber im Westen Anerkennung und mehrere Literaturpreise ein. Endlich, 1973, konnte – weil er auf kritische Texte verzichtete – im Leipziger Reclam Verlag der Lyrikband "Brief mit blauem Siegel" veröffentlicht werden. Zwei Auflagen von je 15.000 Exemplaren waren sofort vergriffen, und es begann ein Rätseln, ob Reiner Kunze damit rehabilitiert sei. Das war er aber allenfalls halb, denn Rezensionen erschienen in keiner Zeitung, und öffentlich lesen durfte er auch weiterhin nicht. Doch konnte er 1975 nach England, später nach München und Rotterdam.
Nach Veröffentlichung bei S. Fischer wurde ein neues Buch aufgeschlagen - "Deckname Lyrik"
An kulturelle Freiheit glaubte der Dichter trotzdem nicht. Und so legt er gerade in einer Phase, da sich seine Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern schienen, "Die wunderbaren Jahre" vor. Er sagte: "Ich muss es tun. Ich fürchte, dass die besten Jugendlichen hier zugrunde gehen: Entweder sie werden zu Opportunisten, oder sie resignieren."
Sein neues Buch bot Reiner Kunze erst gar nicht einem DDR Verlag an. Beim "Büro für Urheberrechte" beantragte er gleich die Genehmigung zu einer Westpublikation. Die Aufforderung des Büros, das Manuskript vorzulegen, lehnte er unter Hinweis auf seine früheren, in der DDR ja sowieso nie gedruckten Werke ab. Erstaunlicherweise erhielt er die Erlaubnis, "Die Wunderbaren Jahre" beim S. Fischer Verlag zu veröffentlichen.
"Nach Erscheinen des Buches", schreibt Reiner Kunze in einem Brief an seinen westdeutschen Verleger, "rechne ich mit jeder Maßnahme, die eine Regierung gegen einen Schriftsteller treffen kann." So kam es auch. Er wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, er und seine Frau wurden bespitzelt, bedroht und isoliert. Nach der Wiedervereinigung hat er als Dokument dieser Zeit Auszüge aus seinen Stasi-Akten veröffentlicht: "Deckname Lyrik".
"Ich muss es tun. Ich fürchte, dass die besten Jugendlichen hier zugrunde gehen: Entweder sie werden zu Opportunisten, oder sie resignieren."
Keine Kompromisse - nicht im Westen, nicht im Osten, nicht in der Kunst
1977 ist der Autor mit seiner physischen Kraft am Ende, nur häufige Infusionen retten sein Leben. Noch im selben Jahr kann Reiner Kunze mit seiner Familie ausreisen. Aber auch im Westen bleibt er sich treu, was heißt: unbequem. Er lässt sich nicht einspannen, bleibt sachlich. Die bundesdeutschen Literaten sind von ihm enttäuscht. Wie in der DDR Hermann Kant ging in der BRD Bernd Engelmann, der damalige Vorsitzende des bundesdeutschen Schriftstellerverbands, mit dem Autor nicht konform. Ironisch reagiert Kunze: "Könnten Sie, sagte die Stimme,/nicht auch etwas schreiben/ in unserem Sinne?" Er kann nicht, denn "für mich gibt es in der Kunst, im Kunstwerk, keine Kompromisse."
Zurückgezogen in eine Heimat
1982 verlässt Kunze den Schriftstellerverband der BRD. Zurückgezogen lebt er mit seiner Frau bei Passau. Die anonymen Morddrohungen gegen ihn haben vor Jahren aufgehört, auch die Bäume in seinem Garten wurden seit langem nicht mehr mit Pflanzengift begossen. Immer noch und immer wieder schreibt er Tagebuchnotizen und Gedichte über Kunstwerke, Landschaften, Reisen und die Menschen, die ihm nahestehen. Denn wichtig ist: "Heimat haben und welt,/ und nie mehr der lüge/ den ring küssen müssen."
Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2008, 13:38 Uhr
Über die Autorin
Geboren am 1959 in Bad Berka. Seit 1998 Arbeit als freie Redakteurin, Autorin und Regisseurin für verschiedene Radioprogramme wie MDR KULTUR, Deutschlandradio Berlin oder radio kultur (SFB/ORB). Für MDR KULTUR produzierte sie die Romanlesungen "Christoph Hein - Von allem Anfang an" (1998) sowie "Klaus Mann - Der Wendepunkt" (1999). Die Hörbuchversion ihrer Bearbeitung des Bulgakow-Romans "Der Meister und Margarita" (MDR 1998) wurde zum Hörbuch des Jahres 1999 gekürt.
Film
Die wunderbaren Jahre
Buch und Regie: Reiner Kunze
Bundesrepublik Deutschland 1979
Darsteller: Rolf Boysen, Bärbel Deutschmann, Thomas Frontzek, Gabi Marr, Martin May
Literatur
Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre, Taschenbuch, Fischer 1978
Reiner Kunze: Am Sonnenhang. Tagebuch eines Jahres.
Taschenbuch, 207 S.,
Fischer 1995
Reiner Kunze: Ein tag auf dieser Erde.
Taschenbuch, 111 S.
Fischer 2000
Reiner Kunze: Gedichte.
Hardcover, 380 S.
Fischer 2001
Reiner Kunze: Deckname "Lyrik". Eine Dokumentation. Taschenbuch, Fischer
Hörbuch
Reiner Kunze: Deckname "Lyrik". Die Geschichte einer Stasi-Observation.
Sprecher: Gerd Wameling, Dieter Ranspach
Klett-Cotta, Stuttgart
