Literatur

Buch der Woche | MDR FIGARO | 17.01.2012 | Audio : "Emily, allein" von Stewart O'Nan

Stewart O'Nan ist ein Meister der Beschreibung des Alltäglichen. Er schafft es, das Leben seiner Protagonisten feinfühlig und gerade dadurch packend zu schildern. So auch in seinem neuen Roman. Ralph Gambihler stellt ihn im Audiobeitrag vor.

Der englische Schriftseller Stewart O'Nan, auf der Leipziger Buchmesse (2001).
Der Schriftsteller Stewart O'Nan 2001 auf der Leipziger Buchmesse

Der 1961 geborene amerikanische Autor Stewart O'Nan arbeitete zunächst als Flugzeugingenieur, bevor er beschloss, sein Leben vollständig der Literatur zu widmen. Er studierte Literaturwissenschaft und arbeitete an verschiedenen US-amerikanischen Universitäten. Für seinen Erstlingsroman "Engel im Schnee" bekam Stewart O'Nan 1993 den William-Faulkner-Preis. Seitdem sind knapp ein Dutzend weitere Romane von ihm erschienen, er ist offensichtlich ein sehr produktiver Autor.

Meister des Alltäglichen

Stewart O'Nan - "Emily, alone", Cover
MDR FIGARO

Buch der Woche: Stewart O'Nan - "Emily, alone"

17.01.2012, 07:40 Uhr | 06:13 min

Zumeist beschreibt O'Nan Alltagsgeschichten um tragische Ereignisse und Erlebnisse der Protagonisten. In "Engel im Schnee" wird der Tod eines Kindes zum Wendepunkt im Erwachsenwerden des Jugendlichen, der die Leiche gefunden hatte. In "Halloween" erschienen die unsichtbaren Geister der jugendlichen Opfer eines Autounfalls immer bei den Menschen, die sich an sie erinnerten und kommentierten das Leben ohne sie.

Häufig schlägt er ganz leise Töne an, so in seinem Roman "Letzte Nacht". Dort beschreibt er den letzten Arbeitstag der Mitarbeiter des Restaurants "Red Lobster", das am nächsten Tag geschlossen wird. Er lässt die persönliche Gedankenwelt angesichts des Jobverlustes real werden, zwischen Profanität und Frustration. Es gibt auch keine überraschende Wendung, keine Rettung des Restaurants oder Ähnliches. O'Nan zeigt sich gerade darin als Meister des Alltäglichen.

Spätes Erwachen

Mit seinem nun auf Deutsch erschienen Roman "Emily, allein" nähert sich O-Nan wieder liebevoll einem der Menschen, die sonst weniger im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Die Witwe Emily Maxwell kann auf ein Leben zurückblicken, das mit Kindern und Alltag ausgefüllt war. Es ist ein gewöhnliches Leben, so wie es Millionen von Menschen täglich ausfüllt. Der verstorbene Mann arbeitete früher erfolgreich als Ingenieur, sie hatten zwei Kinder und lebten in einem Eigenheim am Stadtrand, das Emily nun alleine bewohnt.

Wieder ist es ein kleines Ereignis, das der Autor O'Nan zum Anlass nimmt, Einblick in die Gedankenwelt seiner Figuren zu geben. Als Emily Maxwell mit ihrer Schwägerin frühstückt, bricht diese plötzlich zusammen. Emily kümmert sich um die Kranke, auch in der Folge. Und da ist plötzlich viel mehr zu organisieren, als gedacht. Emily schafft sich ein Auto an und sieht sich mit einem Mal in einem Leben voller neu erwachter Aktivität, Freiheit und Abwechslung. Wie es Stewart O'Nan schafft, diesen Lebenswandel sensibel zu schildern, das ist seine ganz besondere Meisterschaft.

"Stewart O'Nan erzählt diese Geschichte eines späten Aufbruchs sehr einfühlsam und liebevoll, überhaupt nicht rührselig aber sehr dicht, völlig undramatisch. Es ist ein leises, ganz unaufdringliches Buch - fast ein 'Anti-Actionbuch'."

Ralph Gambihler, FIGARO-Literaturkritiker


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Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2012, 14:31 Uhr

Angaben zum Buch

"Emily, allein" von Stewart O'Nan
Übersetzt von Thomas Gunkel
384 Seiten, gebunden
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3498050399

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