BND-Akten zum Brandt-Besuch 1970
Bildrechte: BND/MDR/ Jan Schönfelder

Deutsch-deutsche Zeitgeschichte Die BND-Akte "Honi"

Wie war Erich Honeckers Ehe? Woher bekam Honecker seinen Jagdhund? Und wie sicher saß der SED-Generalsekretär tatsächlich im politischen Sattel? Der Bundesnachrichtendienst sammelte spätestens seit Ende der 1970er-Jahre akribisch alle Informationen, Meldungen und vor allem Gerüchte über den DDR-Staats- und SED-Parteichef. Abgeheftet wurden die Meldungen in der Akte 16.701 mit dem Titel "Honi". Die Informationen wurden in verschiedenen Kategorien unterteilt: Kuraufenthalte, Urlaube, Reisen, Auszeichnungen, Persönliches und politische Aktivitäten. MDR THÜRINGEN hat die Akte "Honi" gelesen.

von Jan Schönfelder

BND-Akten zum Brandt-Besuch 1970
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Der Geheimdienst nutzte verschiedene Quellen. In Pullach wurde täglich das Parteiblatt "Neues Deutschland" ausgewertet. Anhand der offiziellen Meldungen wurde in einem Kalender eingetragen, ob Honecker im Dienst gewesen ist oder nicht. Anhand der Lücken ließen sich dann Rückschlüsse auf Urlaubs- oder Krankheitstage ziehen. Außerdem diente das Parteiblatt als wesentliche Quelle für Informationen über Honeckers politische Aktivitäten und Reisen. Westliche Zeitungsberichte, Diplomaten und Agenten lieferten zusätzliche Informationen. Sie wurden meist unter der Rubrik "persönlich" erfasst. In der Akte sind die Quellen dieser Informationen codiert, so dass für Außenstehende nicht erkennbar ist, in welcher Position und in welchem Amt sich die Informanten befanden. Die Meldungen über Honecker wurden chronologisch erfasst, ohne sie zu werten oder gar zu analysieren. In der Summe ergeben sie ein vielfältiges Bild aus harten politischen Meldungen und scheinbar bunten Nebensächlichkeiten.

Honecker und die "konterrevolutionäre" Lage in Polen

Laut BND-Informationen sorgte sich Honecker im Sommer 1980 um die Lage in Polen. Zweimal soll er deshalb in Moskau "auf Eindämmung der Unruhen" gedrängt haben. Er soll sogar angeboten haben, "bei einem evtl. Einmarsch in Polen die Hauptlast des Unternehmens mit seinen Truppen zu übernehmen, um die Sowjetunion von dieser Belastung zu befreien."

Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew (r) wird bei seiner Ankunft in Ost-Berlin am 4. Oktober 1979 von dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker (l), herzlich begrüßt.
Honecker war vom "großen Bruder" Leonid Breschnew enttäuscht Bildrechte: dpa

Allerdings: Moskau habe dieses Ansinnen abgelehnt. Offenbar war Honecker unzufrieden mit der Haltung des "Großen Bruders". Im Frühjahr 1981 notierte der BND, dass Honecker sich seit seiner letzten Begegnung mit KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew wortkarg und "gelegentlich sogar verbittert" gebe. Der Grund: "Offensichtlich falle es ihm schwer, sich mit der abwartenden Politik des Kremls gegenüber dem 'weiterhin schwelenden konterrevolutionären Prozess in Polen' abzufinden." Letztendlich wurde im Dezember 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt. Ein Einmarsch sowjetischer oder ostdeutscher Truppen blieb aus.

Wann tritt Honecker zurück?

Seit Anfang der 1980er-Jahre sammelte der BND alle möglichen Informationen über die politische Zukunft Honeckers. Immer wieder gab es Rücktritts-Gerüchte – doch Honecker blieb im Amt. 1982 berichtete eine ehemalige HO-Gaststättenleiterin von Gerüchten, "dass es im Jahr 83 zu einem Rücktritt Hon. kommen könne." Als Nachfolger würden Konrad Naumann und Egon Krenz genannt. 1984 notierte der Geheimdienst: „Die Klärung der unmittelbaren Nachfolge für Hon. ist in die konkrete Phase getreten." Kurze Zeit später hieß es, es soll ein "offenes Geheimnis" sein, dass an der Parteibasis bereits über die Nachfolge Honeckers gesprochen werde. "Eine Wiederwahl H. wird für ausgeschlossen gehalten."

Kurze Zeit später erreichte eine gegenteilige Meldung den Geheimdienst. Es sei davon auszugehen, dass Honecker auf dem nächsten Parteitag 1986 nochmals zum SED-Chef gewählt werde. Allerdings werde er nicht die vollen fünf Jahre im Amt bleiben. Zur Zeit würden die Weichen für Egon Krenz als Nachfolger gestellt. Aufmerksam zählte der Bundesnachrichtendienst die Honecker-Abbildungen im "Neuen Deutschland" nach dem Republikgeburtstag am 8. Oktober 1984: 33 Fotos. Im Frühjahr 1985 notierte der Geheimdienst flapsig: "Honi unangefochten in seinen politischen Ämtern". Er beginne die Früchte seiner Tätigkeit, vor allem in der Außenpolitik, zu ernten. "Daher werde er das Amt des Staatsratsvorsitzenden nicht aufgeben." Auch seine anderen Ämter werde er nicht aufgeben, da er durch sie politische Einflussmöglichkeiten habe. Wenig später kam eine gegenteilige Meldung aus der DDR: Honecker soll anlässlich des XI. SED-Parteitages zurücktreten. "Der Nachfolger Krenz stehe schon fest."

Dieser Meldung widersprach der Ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, Hans Otto Bräutigam. Solche Gerüchte seien wieder verstummt. Honecker werde wohl kaum vor der 750-Jahr-Feier von Berlin 1987 zurücktreten. Und aus anderer Quelle hieß es: Honecker halte den jetzigen Zeitpunkt "noch für verfrüht", um Krenz zu befördern. Die Gerüchte aus der DDR verstummten nicht. Den BND erreichten weitere Meldungen, dass Honecker anlässlich des bevorstehenden Parteitages zurücktrete und Krenz den Posten des SED-Generalsekretärs übernehme. Doch als Honecker im Herbst die Leipziger Messe besuchte, gab es für einen Rücktritt keine Anzeichen. Laut BND zeigte sich Honecker "als im Vergleich zu seinem Alter erstaunlicher agiler und durchhaltefähiger Politiker". Er habe sich durch sein Auftreten von den anderen DDR-Politikern abgehoben. Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik deutete dies als Zeichen, dass eine Honecker-Ablösung nicht zu erwarten sei. Trotzdem hieß es aus anderer Quelle: "Man spricht in B. offen über die Zeit nach Hon. wobei meist der Name Krenz fällt. Von einer Ämterteilung oder einem schrittweisen Rückzug sei nicht mehr die Rede." Und aus anderer Quelle hieß es: "Zwischen Hon und Krenz soll bereits seit einigen Jahren ein gespanntes Verhältnis bestehen."

Michail Gorbatschow bei seiner Rede auf dem XI. Parteitag der SED am 17.04.1986 in Ost-Berlin
Wird Honecker beim Parteitag zurücktreten? Bildrechte: dpa

Die Gerüchte über einen bevorstehenden Honecker-Rücktritt beim SED-Parteitag 1986 verdichteten sich 1985. Bei einem Treffen der Warschauer-Pakt-Staaten in Sofia habe die DDR-Delegation bulgarischen Funktionären erklärt, dass Honecker während des Parteitages seinen Rücktritt bekanntgeben werde, notierte der BND. Andere Signale erreichten den BND dagegen aus der SED-Spitze. Dort gingen "leitende Funktionäre" davon aus, dass Honecker bis etwa 1988/89 seine Funktionen behalten und anschließend die Ämter an Krenz übergeben werde. Im Sommer 1987, ein Jahr nach dem Parteitag, war von Rücktrittsgerüchten keine Rede mehr. Laut SED-Funktionären sei Honecker nicht an einem bestimmten Nachfolger interessiert. Sie gingen davon aus, dass Honecker diese Entscheidung "ganz bewusst" dem Politbüro überlasse. Einer Quelle zufolge wurde Günter Mittag als aussichtsreichster Kandidat genannt. Auch im Parteiapparat werde die Nachfolgefrage "nicht als dringend" angesehen. Grund sei die "gute gesundheitliche Konstitution" des Generalsekretärs. Als mögliche Nachfolger wurden Egon Krenz, Werner Jarowinsky und Günter Schabowski genannt. Ein führender Funktionär erklärte, dass Krenz die Rolle des Kronprinzen verloren habe. "Honecker wird wohl in den Sielen sterben." Doch die Gerüchte verstummten nicht. Nach dem Besuch Honeckers in Bonn gab es nun Meldungen, dass Honecker eventuell während des XII. Parteitages zurücktritt. Als mögliche Nachfolger wurden Werner Felfe, Werner Eberlein und Gerhard Müller genannt. "Krenz soll nicht mehr in Frage kommen." Honecker blieb bis zum Oktober 1989 in seinen Ämtern. Als Nachfolger wurde "Kronprinz" Egon Krenz bestimmt.