Gratulation an Chefmoderator Karlheinz Drechsel - der "Dr. Jazz" der DDR

Karlheinz Drechsel hieß in der DDR nur "Dr. Jazz". 1971 war er einer der Gründerväter des Dresdner "Internationalen Dixieland Festivals". Privat hörte er allerdings keine Dixie-Platten, sondern Modern Jazz.

"Das Dixieland-Festival hat sich von Jahr zu Jahr weiterentwickelt, weil das Publikum uns dazu drängte. 'Macht noch mehr', hieß es. Man musste einfach mitziehen und konnte nicht mehr Nein sagen", erinnert sich Karlheinz Drechsel, einer der Gründerväter des Dixieland-Festivals Dresden. "Da war keiner von oben gekommen und hat uns befohlen, ihr müsst ein Festival organisieren. Ganz im Gegenteil: Es ist von unten gekommen."

Ende der 60er-Jahre plant man im Ost-Berliner "Deutschlandsender" (aus dem später die "Stimme der DDR" wird) ein neues Programm für junge Leute. 'Warum nicht mal Jazz?', fragt der zuständige Redakteur Erich Knebel. In den anderen sozialistischen Ländern sei der doch schließlich längst populär. Und der gerade entstehende Dresdner "Kulturpalast" könnte ein passender Ort für ein Konzert sein, dass vom "Deutschlandsender" übertragen werden könnte.

Dixie – ein Mittelding zwischen Blasmusik und FDJ-Singebewegung

Der Moderator Karlheinz Drechsel, der bereits damals als der "Dr. Jazz" der DDR galt, ist von dem Gedanken angetan. Doch er trifft auf erhebliche Bedenken der Kulturverantwortlichen: 'Dixieland, ist das nicht so etwas Wildes aus den USA…?' Drechsel erklärte ihnen jedoch: Dixie sei im Grunde so ein Mittelding zwischen FDJ-Singebewegung und böhmischer Blasmusik. Ganz harmlos. Die Verantwortlichen nicken: 'Ja, wenn das so ist, einverstanden.'

Das erste Konzert vor halbleeren Rängen

Am Pfingstsonntag 1971 findet das erste "Internationale Dixieland Festival" im Dresdner "Kulturpalast" statt. Bands aus der DDR, aus Ungarn, Polen und der CSSR spielen auf. Karlheinz Drechsel ist der Moderator auf der Bühne. Aber die 2.400 Plätze im "Großen Saal" sind nicht einmal zur Hälfte belegt. Die Veranstalter können an diesem Abend nicht ahnen, dass nur wenige Jahre später eine halbe Million Menschen zum "Dixieland Festival" nach Dresden kommen werden.

Schon als Kind "nichts anderes als Jazz im Kopf"

Der 1930 in Dresden geborene Drechsel hat bereits als Kind den Jazz für sich entdeckt. Sein älterer Bruder sammelt Swing-Platten, die sich Drechsel mit wachsender Begeisterung nach der Schule anhört. "Bald hatte ich nichts anderes mehr im Kopf als diese Musik", erinnert er sich. "Swing war exotisch und sensationell im reglementierten nationalsozialistischen Alltag." Im Spielsmannszug trommelt er faschistische Marschlieder, zu Hause auf einem selbst gebastelten Schlagzeug Swing.

Renaissance des Jazz in der Nachkriegszeit

1946 gründet Drechsel seine erste eigene Swing-Combo und leitet den Jazz-Zirkel der Dresdner "Antifa-Jugend". Jazz hat Konjunktur in diesen Jahren. "Das Interesse an der vorher verbotenen Musik war enorm, Tanzorchester schossen aus dem Boden. Allein in Dresden gab es ein halbes Dutzend Bigbands." Die russische Besatzungsmacht ist daran interessiert, dass das kulturelle Leben wieder in Gang kommt. Was die Kapellen spielen, ist ihr egal. Mit Gründung der DDR ist es damit aber vorbei: "Ami-Titel und englische Texte waren unerwünscht und der Rundfunk wurde gesäubert."

Jazzmusiker und Hörspielredakteur

Drechsels Berufsleben verläuft alles andere als geradlinig. Er ist Jazzmusiker und studiert in den 50er-Jahren Theaterwissenschaft. Anschließend arbeitet als Radioredakteur beim "Deutschlandsender". Wegen eines Aprilscherzes wird er dort entlassen und wechselt zum Stadtfunk nach Dresden-Radebeul. 1956 gründet er die "AG Jazz" bei der FDJ, die ein Jahr später wieder verboten wird. Er geht nach Berlin zurück und führt Regie bei Hörspiel- und Literaturproduktionen. Als in den 60er-Jahren wieder bessere Zeiten für den Jazz anbrechen, etabliert er eine Jazz-Sendung im Radio und organisiert kleine Jazz-Festivals.

Armstrong leitet Tauwetter ein

In den 60er-Jahren begleitet Drechsel außerdem im Auftrag der "Künstleragentur der DDR" ausländische Gruppen bei ihren Tourneen durch die Republik, darunter Albert Mangelsdorff und Chris Barber. Höhepunkt sind 1965 die von Drechsel organisierten Konzerte von Luis Armstrong in der DDR. Danach ändert sich sogar die Haltung der Parteibürokraten zum Jazz. "An Armstrong deutelte keiner herum. Sogar das 'Neue Deutschland' schrieb positiv über den Jazz. Armstrong wird nicht geahnt haben, welchen Anteil er am kulturpolitischen Tauwetter in der DDR hatte."

Dresden – Die Hauptstadt des Dixieland

Dieses "Tauwetter" Anfang der 70er-Jahre ermöglicht auch die Gründung des "Internationalen Dixieland Festivals" in Dresden. Und die Jazz-Enthusiasten um Karlheinz Drechsel lassen sich auch nicht vom ernüchternden Auftaktkonzert 1971 abschrecken. Sie organisieren gleich das nächste. Ihre Beharrlichkeit zahlt sich aus. Bald schon strömen Hunderttausende zum alljährlich stattfindenden Festival und 1978 erklärt John Evers, Chef der Wiener Dixie-Formation "Blue Note Seven" die Elbmetropole zur ultimativen "Hauptstadt des Dixieland".

Wegen Drechsel keine Live-Übertragung

Ab Mitte der 70er-Jahre ist auch das Fernsehen der DDR beim Dixieland-Festival dabei. Aber nicht live, der Grund dafür heißt: Karlheinz Drechsel. "Weil ich immer ohne Manuskript arbeite und nie weiß, wie es laufen wird, wenn ich auf die Bühne gehe. Das ist wie beim Jazz. Das Fernsehen war aber nicht bereit, live zu senden, so lange der Drechsel keine Manuskripte vorlegt. Und das habe ich nie getan."

Festival mit "Ventilfunktion"

Drechsel kann sich solche Aufmüpfigkeit mittlerweile leisten. Er ist die Seele des Festivals. An ihm kommt keiner mehr vorbei. Das wissen auch die Kulturbürokraten der SED. Sie lassen ihn zähneknirschend gewähren. "Das Dixieland-Festival war mehr als nur ein Musikfestival. Ein Großteil des Publikums kam nicht nur wegen der Musik, sondern vor allem, um dabei zu sein."

Es war ja schon sehr suspekt für die Oberen, dass mehr Menschen freiwillig beim Dixielandfestival auf den Beinen waren als am 1. Mai.

Karlheinz Drechsel, Mitbegründer des Dresdner Dixieland-Festivals

Zu Hause läuft kein Dixieland

Drechsel steht bis heute vor allem für das Dresdner Dixieland-Festival. Kaum wahrgenommen wird aber, dass er sich mindestens ebenso intensiv um den modernen Jazz gekümmert hat. "Charlie Parker und Dizzy Gillespie hatten die größten Einflüsse auf mich. Zu Hause höre ich jedenfalls keine Dixie-Platten, auch wenn ich mich jedes Jahr auf das Wiedersehen mit Musikern aus aller Welt in Dresden freue."


(Die Zitate von Karlheinz Drechsel wurden entnommen aus der "Jazz Zeitung" 2003/2004 und einem Interview mit dem MDR-Kulturmagazin "artour".)

Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2011, 09:08 Uhr