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Von Ost nach West : DDR-Fußballer - Flucht als "Verrat"

Für die DDR-Sportfunktionäre waren sie Verräter, für die Fans der Beweis, zu welchen Leistungen ihre Idole in einer anderen Umgebung fähig waren.

Lutz Eigendorf
Lutz Eigendorf

Egal bei welchem Auswärtsspiel - dem BFC Dynamo schallte um 1980 immer wieder eine Frage von den Rängen entgegen: "Wo ist denn der Eigendorf?" Tja, wo war er, der Defensivspieler und erfahrene Mittelfeldmann (100 Spiele für den BFC), der seit 1978 sogar in der DDR-Nationalmannschaft kickte? Am 20. März 1979 hatte es Eigendorf bei einem Freundschaftsspiel des BFC in Gießen vorgezogen, seinen Stadtbummel ins Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge auszudehnen, statt zum Mannschaftsbus zurückzukehren. Nach einem Jahr Sperre durch die UEFA konnte Eigendorf beim 1. FC Kaiserslautern eine Profi-Karriere beginnen, die er später bei Eintracht Braunschweig fortsetzte. Lutz Eigendorf war nicht der erste Fußballer, der aus der Oberliga in den Westen floh.

Vom HFC Chemie zu Bayern München und Eintracht Frankfurt

So waren zum Beispiel 1976 Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl (beide HFC Chemie) bei einem Türkei-Spiel geflohen. Nachtweih kickte später für Bayern München, Pahl wurde Torwart bei Eintracht Frankfurt. Für die DDR-Sportfunktionäre waren sie Verräter – für die Fans der Beweis, zu welchen sportlichen Leistungen ihre Idole fähig waren, wenn sie nur in einer anderen Umgebung spielen konnten. Und so war der Fangesang "Wo ist denn der Eigendorf" natürlich auch ein Affront gegen Erich Mielke und den angeblichen Amateurfußball in der DDR. Offiziell wurde ja immer die Professionalisierung des Sports als kapitalistische, menschenverachtende Form der Ausbeutung gebrandmarkt, als humanistischer Gegenentwurf diente das System des Sports in der DDR mit Betriebssportgemeinschaften und staatlicher Sportförderung.

Fußballer im Visier der Stasi

Dass auch die Fußballer der Oberliga so etwas wie Profis waren, wurde dabei übergangen. So erhielten zum Beispiel die Spieler der Dynamo-Vereine ihr Geld von den Ministerien des Innern bzw. der Staatssicherheit. Umso mehr musste es einen Fußballnarren wie Erich Mielke wurmen, wenn ein BFC-Spieler in den Westen ging. Lutz Eigendorf scheute sich nicht, im Westen an der Mauer Interviews zu geben und seine ehemaligen Mitspieler zur Flucht aufzufordern. Sein Spruch "In der Bundesliga ist das Leistungsniveau viel höher als in der Oberliga" brachte ihn noch mehr als ohnehin in das Visier der Staatssicherheit. Bis zu 50 Personen beschäftigten sich im Auftrag der Staatssicherheit mit seiner Observation – und zumindest gerüchteweise herrschte im Kreis der Spieler und Trainer immer die Ansicht, Eigendorfs Tod 1983 sei durch die Stasi verschuldet.

Klima der Angst

Solche Gerüchte verschärften das Klima der Angst, genau wie die exemplarischen Verurteilungen. Bekannt ist der Fall des Gerd Weber von Dynamo Dresden, 35-facher Nationalspieler, eine große Hoffnung des DDR-Fußballs. Im Januar 1981 wird er am Flughafen Schönefeld vor Abflug der Nationalmannschaft verhaftet, später verurteilt zu zwei Jahren und drei Monaten wegen "landesverräterischer Agententätigkeit". Sein Vergehen: Er hatte Kontakt aufgenommen zum 1. FC Köln, der den begnadeten Spieler abwerben wollte. Webers Fluchtpläne werden durch IM-Spitzel enttarnt. Ein Jahr muss er absitzen, systematisch wird sein Status demontiert. 1989 gelingt Weber über Ungarn die Flucht in den Westen. Für eine Profi-Karriere ist er da schon zu alt.

"Tod dem Verräter"

Aktenkundlich ist auch, dass im Fall des Fußball-Flüchtlings Frank Lippmann (bis 1985 Dynamo Dresden) in Funktionärsgesprächen beredet wurde, dass man "...solche Verräter jederzeit durch Inszenieren eines Autounfalls liquidieren könne". Der Fußballer Lutz Eigendorf wurde in seinem Auto gekidnappt, mit Alkoholspritzen behandelt und weitergetrieben, bis ihn an vorher ausgewählter, kurvenreicher Stelle ein Fahrzeug blendete. Das könnte "Verblitzen" meinen.

Spitzensportler massiv überwacht

Es gibt in den Unterlagen der Staatssicherheit einen Zentralen Operativen Vorgang "Sportverräter". Die Auswertung durch die Birthler-Behörde ergab: Zwischen 1950 und 1989 flüchteten insgesamt 615 Sportler in den Westen. Die Kontrolle des Sports und der Sportwissenschaft durch das Ministerium für Staatssicherheit umfasste mindestens 100.000 Personen im Spitzensport sowie deren Freunde und Familienangehörige. Für den "Sicherungsvorgang Sport" wurden etwa 3.000 Inoffizielle Mitarbeiter gebraucht.

Zuletzt aktualisiert: 01. November 2010, 15:10 Uhr

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