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Bückware : "Jeans sind eine Einstellung und keine Hose"

In den 50er- und 60er-Jahren galten Jeans den DDR-Oberen noch als Hosen des Klassenfeindes. 1978 aber wurden eine Million Levis-Jeans heimlich importiert und in Betrieben der DDR verkauft.

Frauen in Ost-Berlin, 1986

1978 orderte das Ministerium für Leichtindustrie der DDR in den USA eine Million Levis-Jeans. Erich Honecker persönlich segnete die heimliche Aktion zur "Bedarfsbefriedigung" in der DDR ab. Doch es gab ein Problem: Die eine Million Jeans reichten bei weitem nicht aus, um die Nachfrage auch nur annähernd zu decken. In der staatlichen "Jugendmode" wollte man die Hosen daher vorsichtshalber nicht anbieten - es wurden Hamsterkäufe, lange Schlangen und sogar Prügeleien befürchtet. Und so kam das SED-Politbüro auf die Idee, sie in Betrieben und staatlichen Einrichtungen loszuschlagen.

Levis-Jeans in Betriebskantinen verkauft

Die Bückware wurde auf die Betriebe in der Republik verteilt und während der Mittagspause in den Kantinen an die Arbeiter und Angestellten verkauft. "Sonderverkauf von Jeans, original amerikanische Strauss-Levis", stand auf den Einladungen zu dem ungewöhnlichen Werksverkauf. Und: "Der Betriebsausweis ist unbedingt mitzubringen." Gegenüber den Werktätigen rechtfertigte die SED den Import der noch in den 60ern als "Hose des Klassenfeindes" verschrienen Jeans als eine gute Tat – sie sichere Arbeitsplätze in den USA. Soviel klassenkämpferisches Pathos musste immerhin noch sein.

"Stellvertreterkrieg gegen Jeans und lange Haare"

Spätestens mit dieser kuriosen Verkaufs-Aktion war eine zwei Jahrzehnte dauernde Ära vorübergegangen, in der die SED einen unablässigen "Stellvertreterkrieg gegen Jeans und lange Haare" (Heiner Müller) geführt hatte. Von Anfang an hatte es heftige ideologische Auseinandersetzungen um die "Nietenhose" gegeben. Sie galt als Ausdruck eines lässigen amerikanischen Lebensgefühls, das dem der "Erbauer des Sozialismus" wesensfremd sei. Jeansträger, so suggerierte es die SED-Propaganda, seien allesamt "dekadente Elemente" - Gammler, Asoziale oder Gangster im Sold des CIA. Noch Anfang der 70er-Jahre wurden Schüler, die mit Jeans zum Unterricht erschienen, nach Hause geschickt mit der Weisung, sich eine "ordentliche Hose" anzuziehen.

"Jeans sind eine Einstellung und keine Hose "

Und so war es tatsächlich eine ungeheuerliche Provokation, als 1972 am Landestheater Halle ein Stück uraufgeführt wird, dessen Held Edgar Wibeau verkündete: "Jeans sind eine Einstellung und keine Hose. Jeans sind die edelsten Hosen der Welt. Dafür verzichte ich doch auf die ganzen synthetischen Lappen aus der 'Jugendmode’, die ewig tiffig aussehen." Das Stück hieß "Die neuen Leiden des jungen W.", stammte von Ulrich Plenzdorf und wurde ein Jahr später bereits auf weiteren siebzehn Bühnen in der Republik gespielt. Edgar Wibeau sprach den Jugendlichen der DDR aus dem Herzen.

"Wisent", "Boxer" und "Shanty"

Mitte der 70er-Jahre – die Haltung der SED gegenüber den Jeans war inzwischen moderater geworden – mühten sich die Textilbetriebe der DDR redlich, eine eigene Jeansproduktion in Gang zu setzen. "Wisent", "Boxer" oder "Shanty" hießen die Marken, die ab 1978 auf den Markt kamen. Doch deren Stoff war entweder zu hart oder zu weich, der Schnitt haute nicht hin und der beliebte Auswasch-Effekt stellte sich auch nicht ein. Und so standen die DDR-Jeans in der Gunst der Jugendlichen nicht sehr hoch und immer hinter der "echten" Jeans, die man sich von Westverwandten schicken ließ, auf dem Schwarzmarkt kaufte oder in den Hinterhof-Boutiquen der westlichsten Stadt des Ostblocks – in Budapest. Um 1987 herum hatte jedenfalls jeder Jugendliche in der DDR durchschnittlich zwei Jeans im Schrank. Ein statistischer Wert, der selbst im Westen Europas nicht erreicht wurde. Und so wird verständlich, dass die amerikanische Journalistin Karen Kramer damals zu der bemerkenswerten Einschätzung kam, die DDR sei "das Jeans tragende Land an sich".

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2011, 13:09 Uhr

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