Damals im Osten

Anekdote : Zahngold gesucht

von Lotti Buchwald

Vorwort

Wie es so geht auf der Welt: Der Rückenwind der Geschichte pustet uns kräftig nach vorn und bringt so manches mit, was schon einmal da war. Als ich neulich die Zeitung aufschlug und die zornigen Reaktionen einiger Leser auf die Pläne des Bundesgesundheitsministerium vor mir sah, fiel mir die aus heutiger Sicht recht skurrile Geschichte, die mir meine Freundin Elli aus einem Ort in der Altmark vor einiger Zeit erzählte, wieder ein. Manchmal sind es eben Kleinigkeiten, die ein Déjà-vu-Erlebnis auslösen und darum möchte ich die beiden Briefe, die in dieser Sache geschrieben wurden, unter dem Titel "Zahngold gesucht" hier zum Nachdenken und zur allgemeinen Erheiterung vorlegen:

Die Eingabe der Bürgerin vom 31.10.1985

An den Staatsratsvorsitzenden

... , den 31.10.1985

Genosse Erich Honecker
-persönlich –
1000 Berlin
Regierungsgebäude

Eingabe

Werter Genosse Honecker!

Leider sehe ich mich gezwungen, mich mit folgendem Problem an Sie zu wenden:
Entsprechend der Aussage meines Zahnarztes benötige ich dringend 2,5 g Zahngold zur Erhaltung meiner Zähne. Seit geraumer Zeit wird den staatlichen Zahnarztpraxen kein Zahngold mehr zur Verfügung gestellt. Persönlich verfüge ich über kein Zahngold, so daß ich zur Ausführung der erforderlichen Zahnreparatur auf den Erwerb aus irgend einer Quelle angewiesen bin.

Deshalb hatte ich die Absicht, durch eine Offerte in der "Volksstimme" unseres Bezirkes auf legalem Wege zum dringend benötigten Zahngold zu gelangen, da es ja weder bei der Münze Berlin noch in Fachgeschäften käuflich zu erwerben ist. Von der Anzeigen-Annahme wurde die Entgegennahme der Offerte verweigert mit dem Hinweis, dass entsprechend einer "Anweisung von oben" derartige Annoncen nicht veröffentlicht werden dürfen.

Um das nötige Zahngold zur dringend erforderlichen Reparatur meiner Zähne zu erhalten, bitte ich Sie um Genehmigung zur Veröffentlichung folgender Offerte:

"Zahngold, ggf. als Krone oder Inlay, zu kaufen gesucht"

bzw. um eine Aussage, welche Möglichkeiten es für mich zur Beschaffung des benötigten Zahngoldes gibt. Bemerken möchte ich, dass ich nicht über Forumschecks oder ähnliche Zahlungsmittel verfüge, um mir Zahngold im Intershop zu kaufen. Desgleichen liegt es mir nicht, Bettelbriefe nach Westdeutschland zu schreiben oder gar zum Kirchgänger zu werden, um über die Beziehungen der Kirche zum benötigten Zahngold zu kommen.

Ich bedaure, dass ich mich wegen derartiger Belange an Sie wenden muß, aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Ich bin überzeugt, daß Sie mir helfen werden und bedanke mich im voraus für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichem Gruß
gez. Elli X.

Die Antwort des Staatsrates vom 14. November 1985

Staatsrat der Deutschen Demokratischen Republik
1020 Berlin
Marx-Engels-Platz

Abteilung Eingaben
Sektor II

Werte Frau ...!

Ihre an den Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR gerichtete Eingabe wurde uns übergeben, und wir haben die Darlegungen aufmerksam gelesen.
Nicht nur in der DDR, sondern in allen Ländern besteht der Trend, Edelmetalle durch andere geeignete Materialien zu ersetzen. Grund dafür sind in erster Linie kosmetische Aspekte, aber auch Kostenfragen und bekanntlich ein sich reduzierendes Angebot an Edelmetallen, insbesondere Gold.

In der DDR wurden durch Zusammenarbeit von Fachspezialisten eine Reihe hochwertiger Technologien entwickelt, die die Anwendung von Goldlegierungen durch Edelmetall-Legierung Silber-Palladium oder durch Nichtedelmetalle mit der Eigenschaft von Edelmetallen ersetzen. In besonderen Fällen ist eine zusätzliche Oberflächenveredelung möglich.

Wir haben deshalb den Bezirksarzt bei Rat des Bezirkes Magdeburg Ihre Eingabe übermittelt, damit mit Ihrem behandelnden Zahnarzt noch einmal eine allen Ansprüchen und Erfordernissen gerecht werdende zahnmedizinische Behandlung für Sie beraten wird. Bitte, warten Sie von dort verbindlichen Bescheid ab.

Was die Entgegennahme von Veröffentlichungen durch Presseorgane betrifft, entschieden diese selbstständig über derartige Anträge. Seitens des Staatsrates kann hier keine Vermittlerrolle übernommen werden. Bitte, bringen Sie dafür Verständnis auf.


Mit sozialistischem Gruß

Fachgebietsleiter
...

Epilog

Trotz dieses negativen Bescheides musste Elli doch nicht auf ihren neuen Zahn verzichten. Eine Cousine, bei der sie zum Kaffee eingeladen war und die den Antwortbrief gelesen hatte, schaffte Abhilfe. Heimlich legte sie ein paar Zahngoldreste auf den Kuchenteller, als Elli für kurze Zeit das Zimmer verlassen hatte. Tränen der Rührung wurden vergossen, aber den netten Goldzahn gibt es noch heute.

Zuletzt aktualisiert: 04. April 2005, 12:07 Uhr

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