Biografisches : Vom Ich zum Wir: Der erzwungene Eintritt in die LPG
Umgestaltung der Landwirtschaft 1961
Mit einem Schlag - über Nacht - zerbrach die Freundschaft zu dieser Familie. Grund war das Auftreten des Herrn H. als Werber für die neue sozialistische Landwirtschaft. Herr H. war in der Partei und er hielt das, zumindest meinen Eltern gegenüber, geheim. Natürlich hatte er als Genosse den Auftrag, die Bauern zu überzeugen, einer gemeinschaftlichen Landwirtschaftsform beizutreten, und das auf schnellstem Wege.
Mein Vater hat ihm nie verziehen, dass gerade er es wagte, ihn zu überzeugen, einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, beizutreten. Trotz der vielen Arbeit mit Haus, Hof und Vieh hingen meine Eltern an jedem Stück. Sie befürchteten den blanken Ruin und eine drohende Hungersnot.
Autos mit Lautsprechern fuhren durch den Ort und nannten die Bauernhöfe beim Namen, die sich für die Kollektivierung der Landwirtschaft entschieden hatten und nannten auch die, die dem Fortschritt der Industrialisierung im Wege standen. Hier wurde mein Vater auch genannt. Er geriet in Misskredit, wo doch unsere Familie im Ort angesehen war. Jeden Tag kamen Männer, die so genannten Werber, die immer wieder die Vorzüge der Kollektivierung priesen. Die Werber verfolgten die Eltern überall hin, sogar in den Stall und redeten. Fristen wurden gesetzt und neue Werber geschickt, die ihren Parteiauftrag hatten.
Mein Vater floh eines Nachts durch die Scheune in den Garten und dann über den Zaun. Man sagte mir nicht, wo er sich aufhielt. Mutter wusste es sicher selbst nicht so genau und weinte. Er glaubte, so den Werbern und der landwirtschaftlichen Umgestaltung zu entkommen. Das Hoftor, was gleichzeitig Eingang zum Haus war, hielt man nur noch verschlossen.
Meine Mutter diskutierte mit den Werbern am Fenster. Sie machte deutlich, dass jeder Pfennig für den Kauf von Vieh, Land und neuen Maschinen gespart wurde und das man das nicht verschenken kann, oder der Allgemeinheit zur Verfügung stellen kann. Sie sah ja ein, dass die Industrie weiter fortgeschritten war und Großraummaschinen herstellte, die nun auch zum Einsatz kommen sollten. Man versprach ihr eine Arbeitserleichterung für den Alltag durch das kollektive Bewirtschaften der Felder.
Jedoch mussten dazu Grenzsteine entfernt werden, damit die Großmaschinen auch zum Einsatz kommen konnten. Das Umdenken "vom Ich zum Wir" wurde seitens des Staates mit aller Gewalt gefordert.
Von Privateigentum konnte man da nicht mehr reden; es sollte allen zu gleichen Teilen gehören. Das begriffen die Bauern nicht. Großer Grundbesitz trug wesentlich zum Ansehen im Dorf bei, auch wie viel Vieh jemand im Stall hatte, zählte.
Paradox: Ich als FDJ-Mitglied stand vorm Hof der Eltern und unterstützte die Werber
In der Schule hatte die Pionier- und FDJ-Organisation den Auftrag erhalten, die sozialistischen Werber zu unterstützen. Parolen mussten auswendig gelernt werden. Dann zogen wir in Gruppen vor die Häuser, wo die Bauern sich immer noch weigerten, einer Genossenschaftsform beizutreten und ließen unsere Sprüche los.
Ganz schlimm war für mich, als ich selbst vor unserem Haus solche Parolen rufen musste. Die Nachbarschaft nahm meine Teilnahme an diesen Aktionen mit Kopfschütteln auf. Ich befand mich in einem großen Zwiespalt. Wusste ich doch um die Tränen, die Mutter weinte, weil sie keinen Ausweg mehr sah. Sie konnte mir aber die Auftritte nicht verbieten, denn es war während der Schulzeit. Ich konnte mich nicht weigern, und überhaupt, damals wäre es unmöglich gewesen, sich gegen eine Anordnung der Schule zur Wehr zu setzen. Viel später erst erfuhr ich, dass meine Eltern eine Flucht in den Westen, genau gesagt nach Gießen, anstrebten.
Sie hörten von einem Großbauern aus unserem Nachbardorf, dass dieser im Westen eine Bleibe gefunden hatte und nun als Fabrikarbeiter tätig war. Seine Tochter studierte in Frankfurt/Main, was ihr angeblich hier nicht möglich gewesen wäre. Warum meine Eltern diesen Schritt letztlich nicht taten, weiß ich nicht genau.
Ich nehme an, Vater war viel zu bodenständig, um von seinem Heimatdorf wegzugehen. Seine Eltern waren auf dem hiesigen Friedhof beerdigt und waren trotzdem noch allgegenwärtig. Als Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) hatte ich keine andere Wahl, als dieses neue System zu begrüßen und keiner hätte mich damals vom Gegenteil überzeugen können.
Nur wenige meiner Klassenkameraden mussten in dieser konfliktreichen Zeit versuchen, Schule und Elternhaus in Einklang zu bringen. Ich stand immer zwischen den Fronten. Die Eltern stritten sich oft, vielleicht auch weil meine Mutter schon innerlich den Schritt zur Kollektivierung getan hatte und dem Vater gefielen ihre Diskussionen und Argumente nicht. Sie wollte einfach nur Ruhe haben.
Manchen Lehrern fiel es ebenfalls schwer, diese neue Zeit für "gut" zu heißen. Einige holten sich bei uns die Milch und die frischen Eier. Geredet wurde heimlich und leise, damit es keiner hört, wie man über alles denkt. Mutter war besonders stolz, dass Lehrer bei uns einkauften.
In der Schule wurde ich überzeugt, dass auch ich nicht mehr soviel zu Hause helfen muss, wenn sich die Eltern für die LPG entscheiden würden. Ich sah darin tatsächlich einen Erfolg. Warum sich die Eltern immer noch weigerten, verstand ich nicht.
Die Eltern wurden schließlich müde und mürbe
Wochenlang ging das Tauziehen, bis schließlich mein Vater als einer der letzten den Hof aufgab. Er unterschrieb seinen Beitritt zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Typ III. Die Eltern waren müde und mürbe geworden, sie sahen keinen Ausweg mehr. Einen normalen Tag zu Hause gab es schon lange nicht mehr.
Ja, man war regelrecht froh, dass Oma nicht mehr lebte, deren sicherer Tod wohl diese Umgestaltung gewesen wäre. Es dauerte nicht lange, da wurden die Kühe, Pferde und Schweine von zu Hause abgeholt und in die vorgesehenen Gemeinschaftsställe gebracht. Noch heute sehe ich meine Mutter weinend in der Tür stehen und wie sie dem ausgetriebenen Vieh über den Rücken strich. Sie nahm von jeder Kuh, jedem Schwein, von den Pferden Abschied. Dieser Tag war schlimmer als Omas Tod und der Beerdigungstag dazu.
Tagelang herrschte gedrückte Stimmung. Den Namen der befreundeten Familie hatten die Eltern völlig aus ihrem Gedächtnis gestrichen. D. sah ich lange nicht mehr. Sie mied mich und ich musste sie meiden. Ihr Bruder ging mit mir in eine Klasse, der sprach auch nicht mehr mit mir.
Vor Wut habe ich ihm bei einem Religionsunterricht im Hause des Pfarrers den Stuhl unter dem Hintern weggezogen. Er fiel hin und es gab riesigen Ärger, den ich mir hätte ersparen können. Irgendwie wollte ich rächen, was sein Vater uns angetan hatte, aber das war nun auch verkehrt und ich bekam ein Donnerwetter.
Man tat zu Hause so, als wenn jetzt eine Hungerperiode anbrechen würde. Ein kleines Schwein hatten wir noch, die Hühner, Gänse und Enten waren auch noch da, auch die Kaninchen brauchten nicht weg. Also doch immer noch Arbeit für mich. Derweil war mein Vater im großen gemeinschaftlichen Pferdestall angestellt.
Das hatte den Vorteil, dass er unsere zwei Pferde täglich sah und auch einspannen konnte. Hans und Lotte, so hießen die Pferde, waren mit ihrem ehemaligen Hof so verbunden, dass sie bei Vorbeifahrt am Haus stehen bleiben wollten. Das Kommando auf dem neuen großen Hof hatte ein LPG-Vorsitzender, der die Leute zur Arbeit einteilte und bestimmte, was gemacht wurde. Er war selbst kein Bauer, sondern hatte eine landwirtschaftliche Schule besucht und sollte sein Wissen nun in der Praxis umsetzen. Außerdem war er in der Partei und war geschult, die Leute richtig anzuleiten.
Vater fiel es besonders schwer sich unterzuordnen, weil er doch viele Dinge anders gemacht hat, so wie es sein Vater ihm vermittelt hatte. War er mit dem LPG-Vorsitzenden wieder in Streit geraten, hatte das zu Hause auch noch Auswirkungen. Seine schlechte Laune übertrug sich unweigerlich auf alle.
Mutter stritt sich mit keinem, sie war immer diplomatisch und schlichtete nach allen Seiten. Sie war sehr harmoniebedürftig und gutmütig. Gesprächsthemen waren immer die Vorkommnisse auf der LPG - das war selten genug auch mal lustig.
Auch die Pflaumenplantage muss geopfert werden
Die Obstplantage hatten wir noch, wobei das Gerücht kursierte, dass alle Bäume ausgerissen werden, um die zu beackernden Flächen zu vergrößern. Zumindest im bergigen Gelände blieb alles so, aber im Flachland, wo wir eine große Pflaumenplantage hatten, geschah das Unglaubliche. Die gerodeten Bäume durften wir uns als Brennholz wegholen. Es entstand eine große zu beackernde Fläche, wo ein Kuh- oder Pferdegespann keine Chance mehr hatte, die Arbeit zu schaffen.
Jetzt konnten die Großraummaschinen ungehindert eingesetzt werden. Die Kirschplantage blieb uns noch. So war es, das Mutter früh gegen fünf Uhr mit dem Fahrrad in die baufälligen Schweineställe fuhr und bis gegen zehn Uhr ca. 300 Schweine ausmistete und fütterte. Das Futter hatten LPG-Arbeiter herangefahren und Mutter verteilte es vom Schiebekarren aus; mit einem Schlauch wurde Wasser in die Tröge geleitet.
Eine Wasserleitung aus dem zentralen Netz war ein Fortschritt. Inzwischen hatten wir solche Leitung zu Hause auch, aber überwiegend wurde Wasser aus dem Brunnen verwendet. Manchmal konnte mein Vater sie bei der Arbeit unterstützen, doch er fuhr oft mit dem Gespann auf die Felder. Mittags eilte sie nach Hause, kochte schnell etwas, um dann wieder mit dem Fahrrad zur Obstplantage zu fahren, wo es ständig Arbeit gab, auch wenn noch nichts zu ernten war.
Geerntetes Obst wurde am Abend zur Aufkaufstelle gebracht und durch den Aufkäufer begutachtet. Meine Eltern waren bekannt, dass sie nur gutes Obst und auch keine Steine unten im Korb hatten. Nicht selten stand eine mehrere hundert Meter lange Schlange vor dem Aufkaufschuppen und wartete auf den Aufkauf und das Geld, was gleich bar ausgezahlt wurde.
Große Lastwagen fuhren dann heran und luden das in Kisten oder Körben verpackte Obst auf und fuhren es in die Großstädte wie Berlin und Leipzig. Am späten Nachmittag hastete Mutter wieder zum Schweinestall und versorgte das Vieh erneut. Einige Male musste ich mit zum Stall, immer dann, wenn die Arbeit in der Plantage drängte und man kein Obst ungepflückt vom Baum fallen ließ.
Mein Vater bekam 222 Mark monatlichen Lohn und Mutter etwas mehr. Ihre Arbeit war viel schwerer zu bewältigen als das, was Vater körperlich leisten musste. Meine Eltern lebten deshalb sparsam, vor allem was Kleidung betraf. Im Sommer wurde viel Obst und Gemüse eingeweckt, um im Winter davon zu profitieren. Durch die Kleinviehhaltung war auch immer Fleisch vorhanden.
Später: Arbeitseinsatz in der sozialistischen Landwirtschaft
Die Schulklassen wurden beauftragt in der sozialistischen Landwirtschaft zu helfen. So ging es auf die Felder um Rüben zu verziehen und im Herbst Kartoffeln aufzusammeln. Für einen vollen Korb aufgesammelter Kartoffeln gab es 10 Pfennige. Bei diesen Arbeiten musste ich aber auch zu Hause schon helfen, als die Eltern noch nicht in der LPG waren.
Hier hatte es aber den Anreiz, dass man Geld dafür bekam. Die Lehrer gingen hinter uns Schülern her und begutachteten unsere Arbeit. War die Klasse gut, bekam man noch einen Beitrag für die Klassenkasse. Kollektive von der LPG wurden als Patenbrigaden für Schulklassen gewonnen. Dadurch sollte das kollektive Miteinander gefördert werden und die Kinder sollten einen Einblick in die Arbeit der Erwachsenen bekommen.
Besser waren aber Patenklassen gestellt, die ihr Patenkollektiv im hiesigem Steingutwerk hatte. Fabrikbesichtigungen und dort mal selbst kleine Handreichungen machen, waren schon besser als Feldarbeit. So empfand ich das, weil ich von zu Hause die schwere Feldarbeit kannte.
