Damals im Osten

Freiheit ohne Grenzen

November 1989 - März 1990

November 89: Unendlicher Jubel über die neue Freiheit. Sie schien damals grenzenlos. Dass sie es nicht war, dass Freiheit Grenzen kennen muss, erfuhren später viele ...

Ein Film von Reinhard Joksch und Karsten Laske

Nach 28 Jahren der Abriegelung der innerdeutschen Grenze öffnete die DDR am 9. November 1989 ihre Grenze nach Berlin (West) und zum übrigen Bundesgebiet. Der Grenzübergang Bornholmer Strasse am 11. Nov.89.
Nach 28 Jahren der Abriegelung der innerdeutschen Grenze öffnete die DDR am 9. November 1989 ihre Grenze nach Berlin (West) und zum übrigen Bundesgebiet. Der Grenzübergang Bornholmer Strasse am 11. Nov.89.

Das erste Mal im Westen

November 1989. Die Familie Anders ist mit ihrem Trabant zum ersten Mal im Westen, um Onkel und Tante zu besuchen. Doch da passiert das Malheur: Mitten auf der westdeutschen Autobahn geht der Trabi kaputt. "Ein Mann hielt mit seinem Auto an und erklärte mir erst einmal, wie die Notrufsäule funktioniert", erinnert sich Dietrich Anders.

Damals in der DDR T8 Anders
Dietrich Anders

Das Auto wird in eine Werkstatt geschleppt. Die Monteure lassen alles stehen und liegen, um den Zweitakter unter die Lupe zu nehmen. Den Plastikbomber reparieren sie kostenlos. Kaffee gibt es gratis dazu. Die Freundlichkeit im deutschen Westen beeindruckt die Anders. Der Besuch bei Onkel und Tante jedoch gerät zu einem Desaster. Die Westverwandtschaft hatte der Familie noch zu DDR-Zeiten ein Grundstück an der Ostsee geschenkt. Das wollen sie jetzt wieder haben. Herr Anders ist entrüstet: "Ich habe seit dieser Zeit die Tante und den Onkel nicht mehr."

Euphorie und Chaos nach dem Mauerfall

November 1989 – nach dem Mauerfall ist die Euphorie groß. Die Ossis strömen zu Tausenden über die Grenze und werden dort mit offenen Armen und Begrüßungsgeld empfangen. Der Traum von Freiheit – nun ist er Wirklichkeit geworden.

In der DDR geht es drunter und drüber. Erich Honecker wird abgesetzt. Der mächtige Mann ist plötzlich auf der Flucht. Keiner will ihn mehr. Sein Nachfolger Egon Krenz kann für die alte Betonkopfriege der SED nur kurze Zeit die Macht sichern. Dann wird auch er vom Lauf der Geschichte weggespült. "Wir sind das Volk" und "Stasi in die Produktion" rufen jeden Montag Hunderttausende auf den Straßen.

Abstimmung mit den Füßen - Massenflucht

Damals in der DDR T8 Bartsch
Dieter Bartsch

Viele stimmen mit den Füßen ab und verlassen die DDR. Tausende Wohnungen stehen leer. Dieter Bartsch braucht eine größere Wohnung. Seine Frau ist hochschwanger. Mit einem Sperrhaken brechen sie die Tür einer Neubauwohnung auf und tatsächlich: Sie ist leer. Also ziehen sie tags darauf ein: "Das Ganze geschah mit einem Kinderwagen. Die Möbel drauf, die Küchenschränke drauf", erinnert sich Bartsch daran. Die Wohnungsämter sind wie alle DDR-Verwaltungen heillos überfordert. Eine Zeit der Anarchie bricht an. Jeder nimmt sich, was er möchte. Keiner beachtet mehr die staatliche Autorität. Ängste wachsen.

Vor allem bei den DDR-Bürgern, die als Funktionäre eine wesentliche Stütze des alten Regimes waren. Für viele von ihnen bricht eine Welt zusammen. Zum ersten Mal müssen sie sich rechtfertigen. Für politische Unterdrückung Andersdenkender und für Mangelwirtschaft. Eine erste Zäsur im rasanten letzten Jahr der DDR sind die Volkskammerwahlen im März 1990. "Wir sind ein Volk" lautete die Parole schon zuvor.

Kurzbiografie & Interview: Reinhard Joksch - Regisseur

Reinhard Joksch: "Die Geschichte von Wolfgang Engels hat mich besonders berührt. Dass eine Mutter einer Ideologie wegen den Sohn verleugnet, das hat mich lange beschäftigt." [mehr]


Kurzbiografie & Interview: Karsten Laske - Serienregisseur

Karsten Laske über Hildegard Kruse: "Ihre Geschichte von einer Sehnsucht, die stark genug ist, alle Grenzen zu überwinden, hat mich tief beeindruckt." [mehr]


Fernseh-Dokumentation: Produktionsstab 2005

"Damals in der DDR" ist eine Koproduktion des MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNKS, des WESTDEUTSCHEN RUNDFUNKS und der LOOKS Film- und TV GmbH. [mehr]


Zeitzeuge: Helga Engelmann

Helga Engelmann macht sich nach dem Mauerfall auf die Suche nach ihrem Jugendfreund. Nach 35 Jahren sehen sie sich wieder, verlieben sich ineinander und gehen auf Reisen. [mehr]


Zeitzeuge: Dieter Bartsch

Dieter Bartsch braucht dringend eine neue Wohnung. Er nutzt die chaotische Zeit kurz nach dem Mauerfall und bezieht illegal eine Wohnung von Republikflüchtlingen. [mehr]


Zeitzeuge: Günter Polauke

Günter Polauke ist in der DDR Bürgermeister von Berlin-Treptow und aktiv an Wahlfälschungen im Mai 1998 beteiligt. Mit dem Mauerfall bricht auch seine Welt völlig zusammen. [mehr]


Zeitzeuge: Jürgen Wolfram

Jürgen Wolfram ist Bauleiter an der Erdgastrasse in der Sowjetunion. Als er am 9. November 1989 nach dem Urlaub zurück in den Ural kommt, ist über Nacht die Mauer gefallen. [mehr]


Zeitzeuge: Dietrich Anders

Dietrich Anders fährt im November 1989 mit seinem Trabant in den Westen. Mitten auf der Autobahn bleibt der Trabbi liegen, eine Werkstatt repariert den Zweitakter kostenlos. [mehr]


Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2011, 16:18 Uhr

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