Damals im Osten

Landarzt und Gmeindeschwester : Medizinische Versorgung auf dem Land

Die medizinische Betreuung der Dorfbevölkerung sollten ab 1950 Landambulatorien gewährleisten. In ihnen arbeiteten die Landärzte sowie die legendäre "Schwester Agnes".

Gemeindeschwester mit Fahrrad

Getreu der Parole "Gesundheit für alle", nach der in jedem noch so abgelegenen Winkel der DDR eine umfassende medizinische Betreuung gewährleistet sein sollte, waren Anfang der 1950er-Jahre die ersten Landambulatorien für die Dorfbevölkerung errichtet worden. In den folgenden Jahrzehnten stieg ihre Zahl kontinuierlich, auf immerhin 435 im Jahr 1988.   

Ein Landarzt in Mecklenburg-Vorpommern

4.000 Patienten behandelt der Landarzt Dr. Voss im mecklenburgischen Carlow und Umgebung. Über seine Arbeit als Landarzt spricht er hier. (Aus: Entdeckungen im Alltag | 24.02.1981)

24.02.1981, 23:44 Uhr | 06:36 min

Landambulatorien waren "die Zentren dörflicher medizinischer Betreuung", kleinere Polikliniken gewissermaßen. In ihnen praktizierten, je nach Größe des jeweiligen Ambulatoriums, verschiedene Ärzte - Allgemeinmediziner, Zahnärzte, Gynäkologen. Meist aber gab es lediglich einen Arzt, den klassischen Landarzt.

Frau im weißen Kittel arbeitet an Gerätschaft im Labor
Arbeit im Labor einer Landarztklinik

In den kleinen Laboren der Dorfpolikliniken konnten Blutuntersuchungen durchgeführt werden, zuweilen verfügten die Ambulatorien auch über Röntgengeräte und andere Medizintechnik. In dringenden Fällen wurden die Patienten zur Behandlung in die Krankenhäuser, respektive Polikliniken, der jeweils nächstgelegenen größeren Kreis- oder Bezirksstadt überwiesen.

Der Landarzt

Die Arztstellen in den Landambulatorien standen bei den Medizinern in den 1950er- und 1960er-Jahren nicht allzu hoch im Kurs: Die Tätigkeit verhieß vor allem lange Arbeitszeiten, viele mühselige Wege zu den Patienten und die Abgeschiedenheit und Monotonie des Landlebens. "Bereits morgens um sieben stand man bei den ersten Patienten, dann machte man bis zum Nachmittag Sprechstunde", erinnert sich der Landarzt Dr. Klaus Dieter Schwarz an seine Arbeit in den 60er-Jahren in Sanitz, einem kleinen Dorf bei Rostock. "Anschließend fuhr man noch zu Hausbesuchen übers Land, sodass man abends erst gegen 22 Uhr wieder zu Hause war."

Blick auf Klinik aus dem Garten
MDR FERNSEHEN

60er-Jahre: DDR-Landärzte erzählen

Landarztmangel scheint ein junges Phänomen zu sein. Dabei waren die Stellen schon in den 60er-Jahren unbeliebt. Doch die DDR wusste sich zu helfen.

01.09.2011, 23:53 Uhr | 02:42 min

Überdies waren in diesen Jahren die Landambulatorien, in denen die Landärzte mehrheitlich angestellt waren, nur unzureichend ausgerüstet - es gab kaum Labore und keine Medizintechnik wie etwa ein EKG. "Da gab es nur Stethoskop und Reflexhammer", sagt Dr. Hellmuth Rühle, damals Landarzt im abgelegenen Friedland.

Die SED hatte bereits Anfang der 60er-Jahre eine Kampagne unter der Parole "Ärzte aufs Land!" gestartet. Doch trotz Propaganda und materiellen Anreizen machten sich viel zu wenige Ärzte freiwillig in die Dörfer auf, um dort ihren Dienst zu tun. Deshalb wurden junge Ärzte und Studienabsolventen aufs Land "delegiert", also zum Dienst auf dem Land verpflichtet. Überdies wurden auch mehr Ärzte als in den Jahren zuvor ausgebildet, so dass nach und nach die Planstellen in den Landambulatorien mit ausgebildeten Medizinern besetzt werden konnten. Die Lage änderte sich allerdings bedrohlich, als 1988 und vor allem 1989 Hunderte Ärzte, darunter auch viele vom Lande, die DDR Hals über Kopf in Richtung Bundesrepublik verließen. Zwanzig Jahre später ist die Situation immer noch dramatisch: Landärzte werden - wie schon in den 60er-Jahren - händeringend gesucht. 

Die Gemeindeschwester

Agnes Kraus als Schwester Agnes
Agnes Kraus unterwegs als Schwester Agnes

Die Gemeindeschwester "Schwester Agnes", eine resolute Frau mit Herz und Schnauze, war gewiss die berühmteste Vertreterin ihrer Zunft in der DDR. Im gleichnamigen Defa-Spielfilm von 1971 knatterte die von der Volksschauspielerin Agnes Kraus verkörperte Gemeindeschwester auf einer beigefarbenen "Schwalbe" von Hausbesuch zu Hausbesuch durch ihre abgelegenen Landgemeinden. Sie kümmerte sich um Bettlägerige und Gebrechliche, maß den Blutdruck, brachte Medikamente vorbei, verabreichte Impfungen und schaute bei Schwangeren nach dem Rechten.

Und genauso sah im Wesentlichen auch der Alltag der etwa 5.000 Gemeindeschwestern in der DDR aus. Wir waren "Krankenschwester, Sozialarbeiterin, Mutter, Anvertraute, Freundin und manchmal auch seelischer Mülleimer", erinnert sich Gabriela Marx, die damals in den Dörfern rund um Lübbenau unterwegs war - natürlich auf einer "Schwalbe".

Die Gemeindeschwestern bildeten das Rückgrat der Gesundheitsversorgung auf dem Land und waren tatsächlich eine Erfindung der DDR-Gesundheitspolitik: Um den krassen Ärztemangel abzufedern, der unter anderem durch die Flucht Abertausender Ärzte gen Westen Ende der 1950er-Jahre entstanden war, wurde das Modell der mobilen Gemeindeschwester ins Leben gerufen. Die Schwestern waren fortan Bindeglied zwischen Patient und Landarzt. Sie ersparten einerseits den Landärzten aufwendige Hausbesuche, andererseits den Patienten lange Wartezeiten im Landambulatorium.

Blick auf Fachwerkhaus mit Schild: "Schnelle Medizinische Hilfe"
MDR FERNSEHEN

Aus dem Alltag der Gemeindeschwestern

Seelsorge, Pflege, Notfälle: Die Gemeindeschwestern in der DDR hatten alle Hände voll zu tun. Doch der Lohn für den Dorfdienst war mager. (Gesundheit DDR! | MDR FERNSEHEN 2011)

20.09.2011, 22:05 Uhr | 03:44 min

1990, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, wurde der Beruf der Gemeindeschwester abgeschafft, weil laut bundesdeutschem Recht ärztliche Verrichtungen allein ausgebildete Mediziner vornehmen dürfen. 2007 aber, angesichts des grassierenden Ärztemangels in den ländlichen Regionen des Ostens, wurde "Schwester Agnes" in einigen Modellprojekten wieder reanimiert. Ärztefunktionäre waren erbost, fürchteten sie doch die Übertretung ärztlicher Kompetenz auf Nichtärzte. Doch anders als die DDR-Gemeindeschwestern, die tatsächlich weitgehend selbständig wirkten, werden ihre Nachfolgerinnen nur auf Weisung und im Auftrag eines Arztes aktiv. Sie sollen, so der Auftrag, die wenigen Landärzte entlasten, keineswegs aber ersetzen.

Und noch einen Unterschied gibt es: Statt mit einer Dienst-"Schwalbe" fahren sie nun mit komfortablen Kleinwagen übers Land zu ihren Patienten.       

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2013, 14:29 Uhr

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