Damals im Osten

Der Winterdienst in der DDR : Die vereiste Republik

Der Winter stellte sowohl die Volkswirtschaft als auch die Räumdienste regelmäßig vor große Probleme. In einem beliebten Witz wurde der Winter daher sogar als einer der "Hauptfeinde des Sozialismus" ausgemacht.

Schneefräseneinsatz auf Rügen im Januar 1979

Fiel im Dezember der erste Schnee, wurde immer von einem "Wintereinbruch" gesprochen, als wäre es ein unerwartetes Ereignis. Der Winter und seine Folgen waren im Grunde - so jedenfalls schienen es die Verantwortlichen in der Republik zu sehen - ein heimtückischer Angriff des Wetters auf die sozialistische Volkswirtschaft. Bei der Deutschen Reichsbahn froren die Weichen ein, Wasserrohre platzten und in den Straßenbahnen fielen die Heizungen aus. Noch heute sind im "Stadtgeschichtlichen Museum" in Leipzig Plakate zu sehen, die die "Kampfbereitschaft" der Bevölkerung signalisieren sollten: Der Schnee schippende Leipziger Löwe und die allseits bekannte Losung "Nehmt den Winter auf die Schippe".

Winterdienst gut gerüstet

Seit den 60er-Jahren gab es die "Woche der Winterbereitschaft" und alle Zeitungen schrieben darüber, wie gut der Winterdienst gegen den bevorstehenden Winter gerüstet sei. Selbst Herr Fuchs vom Kinderfernsehen zeigte sich von den ewig wiederkehrenden Erfolgsmeldungen genervt und sagte im "Abendgruß" des Sandmännchens: "Kreuzspinne und Kreuzschnabel. Diese Aufrufe: Schippt fleißig Schnee! Denkt an die hungernden Vögel im Winter! Ich kann das nicht mehr lesen …"

Schneefräse
MDR FERNSEHEN

Halber Panzermotor unter der Haube

30.12.2012, 17:15 Uhr | 01:00 min

Umgekehrt proportional zu den vorwinterlichen Kampfansagen waren die Erfolge in der Winterschlacht. Oft fehlte die entsprechende Technik, und so wurden notgedrungen Multicars und Traktoren zu Schneepflügen umfunktioniert. Erst als Anfang der 70er-Jahre die russische ZIL-Fräse zum Einsatz kam, verbesserte sich die technische Lage. Meist jedoch blieb es ein  Kampf Mensch gegen Wetter. Allein die Reichsbahn setzte bis zu 20.000 Beschäftigte im Winterdienst ein und viele Volkseigene Betriebe stellten Beschäftigte zum Schneeschippen ab. Bei extremen Wetterlagen, wie beispielsweise im Winter 1978/1979, kamen auch Soldaten der NVA zum Einsatz.

Katastrophenwinter 1978/1979

Dieser Winter wird für viele unvergessen bleiben. Nach Weihnachtstauwetter mit starkem Regen folgte ein plötzlicher Temperatursturz von plus 10 auf minus 20 Grad. 72 lang Stunden tobte vor allem im Norden der Republik ein Schneesturm. Der Wind türmte meterhohe Schneewehen auf. Die Bevölkerung der DDR erfuhr anfangs nur durch den Klassenfeind von der Katastrophe. Die "Tagesschau" meldete am 29. Dezember 1978: "Das nördliche Europa kämpft gegen Schnee. Glatteis, meterhohe Schneeverwehungen verursachten in Schottland im Norden der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR sowie in Dänemark ein Verkehrschaos. Zerstörte Versorgungsleitungen führten zu Stromausfall und verschärften die Situation."

Die DDR-Medien sprachen an diesem Tag hingegen noch verniedlichend von einer "Ostseeküste im Winterkleid". Erst am Silvestertag wurde die Bevölkerung durch die "Aktuelle Kamera" über die Wetterlage informiert. Zu diesem Zeitpunkt war beispielsweise die Insel Rügen nicht mehr erreichbar; die Wasserleitungen waren seit Tagen eingefroren und viele Haushalte ohne Strom und Heizung. In einigen Häusern lag die Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt. Erst am 3. Januar 1979 schickte die DDR-Führung, die das Ausmaß der Katastrophe völlig verkannt hatte, Panzer der NVA zur Unterstützung des völlig überforderten Winterdienstes auf die Insel Rügen.

"Rechtsanspruch auf geräumte Straßen"

MDR FERNSEHEN

Rechtsanspruch auf geräumte Straßen

30.12.2012, 17:15 Uhr | 01:00 min

Im Umgang mit Wetterextremen sind die Bewohner in den Mittelgebirgen selbstredend besser gerüstet. Schneereiche Winter sind keine Seltenheit, allein auf dem Fichtelberg herrscht nicht selten an 200 Tage Frost im Jahr. Während man in den 60er-Jahren so lange in seinem Haus ausharrte, bis die Straßen wieder passierbar waren, gab es später in der DDR einen "Rechtsanspruch auf Räumung der Straßen". Roland Taut, damals Technischer Direktor einer Bezirksdirektion Straßenwesen, spricht von "zwei Stunden, während derer die Straße geräumt und gestreut sein musste". Inwieweit sich diese staatliche Vorgabe in der Realität auch einlösen ließ, bleibt ein Geheimnis.

Fest steht, dass der Süden der Republik Anfang der 70er-Jahre robuste Maschinen für den Winterdienst bekam: die russische ZIL-Fräse, die 1.000 Tonnen Schnee in einer Stunde fortschaffen konnte. Angetrieben wurde sie von einem Panzermotor. "Sie hatte ein Armaturenbrett, das aussah wie ein Flugzeug- Cockpit", erinnert sich Heinz Mittelbach von der damaligen Straßenmeisterei Stollberg.

Schneefräseneinsatz auf Rügen im Januar 1979
Heinz Mittelbach (re.) beim Schneefräseneinsatz auf Rügen im Januar 1979

Fräsenfahrer Mittelbach schrieb Geschichte: Als die Insel Rügen im Winter 1978/79 unterm Schnee versank, machte er sich als Helfer mit seiner sowjetischen Wunderfräse, die 40 km/h fuhr, auf die Reise gen Norden. Nach einem Tag Fahrt erreichte Heinz Mittelbach tatsächlich die Ostseeküste und fräste mit seiner Supermaschine zunächst den Rügendamm frei. Eine ganze Woche dauerte es dann, bis alle Straßen auf der Insel freigelegt waren.

Über das Ausmaß der Schäden im Katastrophenwinter gibt es bis heute keine verlässlichen Zahlen. In der BRD wurde der Schaden mit 140 Millionen D-Mark beziffert und 17 Todesopfer gemeldet. In der DDR war von fünf Todesopfern die Rede.

Tannenbäume in Schlaglöcher gepflanzt

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Methode Schwejk: Fichten in Schlaglöchern

30.12.2012, 17:15 Uhr | 01:00 min

In den 1980er-Jahren wurde die Lage des Winterdienstes immer prekärer. Die Räumflotte war hoffnungslos überaltert und marode. Die Autofahrer des beschwerten sich über den Zustand der Straßen: Vor allem in den Bergregionen waren die Fahrbahnen durch den ständigen Streusalz-Einsatz brüchig geworden und der Frost hatte Schlaglöcher gerissen. Manche waren so  groß, dass die Anwohner die Löcher mit Erde auffüllten und aus Protest Tannenbäume hinein pflanzen. Als die Mauer fiel, waren 120.000 Kilometer der öffentlichen Straßen in einem desolatem Zustand, das entspricht etwa eineinhalb Erdumrundungen.

Zuletzt aktualisiert: 19. Dezember 2013, 14:53 Uhr

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