1. Januar 2002: Gründung der Sachsen LB Milliardengrab Sachsen LB

01. Januar 2022, 05:00 Uhr

Als die Sachsen LB am 1. Januar 2002 in Leipzig gegründet wird, ist der Jubel beträchtlich. Die Messestadt soll nun zu einer Bankenmetropole heranwachsen. Doch schon bald gerät die sächsische Bank wegen der Selbstherrlichkeit ihrer Vorstände und intransparenter Geschäfte in die Schlagzeilen. Sie gilt fortan als "Skandalbank", die sich schließlich mit riskanten Hypothekenkrediten verspekuliert und 2007 im Sog der internationalen Finanzkrise untergeht.

Am Anfang ist die Euphorie riesig: "Ich bin überzeugt, dass jede Mark, die in die Bank investiert wird, sinnvoll angelegt ist und Zinsen bringen wird", erklärt der sächsische Finanzminister Georg Milbradt (CDU) bei der Eröffnung der Sachsen LB am 1. Januar 2002 in Leipzig. Die Landesbank, verspricht Milbradt, "wird dabei aber keine unkalkulierbaren Risiken übernehmen, weil bei ihr der Steuerzahler haftet".

"Größenwahnsinniges Projekt"

Vorangetrieben hatte das Projekt Sachsen LB freilich Milbradts langjähriger Chef, Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Seit 1991 kämpfte "König Kurt" für eine eigene sächsische Bank, die den Mittelstand fördern und Großprojekte im Freistaat auf den Weg bringen soll. Kritiker freilich wurden nicht müde zu betonen, dass Sachsen viel zu klein für eine eigene Bank sei. Sie sprachen von einem "größenwahnsinnigen Projekt" und sollten am Ende auch recht behalten.

Selbstherrliche Banker und intransparente Geschäfte

Von Anfang an produziert die Bank am Leipziger Hauptbahnhof negative Schlagzeilen. Die Vorwürfe: Vetternwirtschaft, finanzielle Unregelmäßigkeiten, Bespitzelung von Mitarbeitern, intransparente Kreditvergaben und Luxusallüren der Bankvorstände. "Wie Gott in Leipzig", überschreibt die "Welt" 2004 einen Bericht über die "Skandalbank" und ihre Manager. Doch Milbradt, mittlerweile sächsischer Ministerpräsident, stellt sich bedingungslos hinter die Führungskräfte der Bank. Erst ein Jahr später entlässt er zwei Manager, nachdem die Polizei die Konzernzentrale durchsucht und dabei Unterlagen gefunden hatte, die den Verdacht der Dokumentenfälschung erhärteten. Doch das größte Problem ist: Die Bank schreibt Verluste, Jahr für Jahr. Sie findet einfach keine relevanten Geschäftsfelder. Der Freistaat ist tatsächlich zu klein für eine eigene Bank.

Riskante Geschäfte in Dublin

In ihrer Not, endlich schwarze Zahlen schreiben zu müssen, entdecken die Leipziger Banker Ende 2003 ein scheinbar profitables, aber dafür riskantes Geschäftsfeld: den Handel mit amerikanischen Hypothekenkrediten. Eigens für dieses Geschäftsmodell gründen sie die Sachsen LB Europe mit Sitz in Dublin. "Für die deutschen Banken, die zu jener Zeit in Scharen nach Irland kamen, waren die niedrigen Steuern ganz entscheidend. Auch für die Sachsen LB", erinnert sich Rolf Sotschek, Korrespondent der "taz" in Irland. "Und es hat ja alles eine ganze Weile auch wunderbar funktioniert, alle haben verdammt gut verdient. Die Sachsen LB hat dabei eigentlich nur in Dublin Geld verdient."

Deals mit faulen Krediten

Doch der Handel mit den Hypothekenkrediten ist ausgesprochen heikel: "Man hat versucht, möglichst viele Produkte davon zu handeln, weil der Bedarf da war. Also jeder hat mit jedem Hypothekenpapiere gedealt und dann entsteht ein eigener Markt mit diesen Produkten", erklärt der Hamburger Finanzjournalist Wolf Lotter. "Und auf diesem Markt hatten sich die Preise total überhitzt, da waren wir zeitweise bei 25 Prozent Gewinn. Und es wurde aber das Fundament dieses Geschäfts übersehen. Man hat damals Kredite an Leute vergeben, die sie nie und nimmer hätten zurückzahlen können und am Ende ihre Häuser auch alle verloren haben."

Ministerpräsident Georg Milbradt zeigt sich in einem Interview 2003 hingegen begeistert von der Unternehmungslust seiner Banker: "Wenn der sächsische Markt zu klein ist, ist es doch nur vernünftig, wenn eine Landesbank auch auf dem internationalen Kapitalmarkt aktiv wird. Wir sollten stolz darauf sein, dass wir eine international konkurrenzfähige Bank haben."

Unkalkulierbare Risiken

Doch 2004 wird die Sachsen LB Europe in Dublin von Wirtschaftsprüfern kontrolliert. In deren Bericht heißt es, dass die "Großkreditgrenzen überschritten worden seien und die Risiken einiger Kredite schon beim Kauf nicht kalkulierbar" waren. Sie stellen fest, dass "Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Geschäfte nicht in erforderlichem Maß gegeben ist und die Kredite das Zwanzigfache des Eigenkapitals der Sachsen LB" ausmachen.

Doch das kümmert weder die Vorstände der Bank in Leipzig noch die Regierung des Freistaats in Dresden. Von Bedeutung scheint lediglich, dass die einstige "Skandalbank" endlich schwarze Zahlen schreibt. Die Gewinne, die die Sachsen LB Europe in Dublin einfährt, sind beträchtlich: 2006 sind es etwa 100 Millionen Euro. In ihrem klassischen Bankgeschäft in Leipzig macht die Sachsen LB 60 Millionen Euro Verlust. Dank der riskanten Deals in Dublin bleiben immerhin noch 40 Millionen Euro übrig.

Getrieben vom Erfolg, erhöhen die Banker in Dublin nun noch einmal das Risiko. Sie kaufen für Millionen Euro auch die gefährlichsten Papiere, die sogenannten "Ramschhypotheken", bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass sie jemals getilgt werden, gegen Null geht. Aber sie versprechen dafür auch die größten Gewinne.

"Finanzielle Massenvernichtungswaffen"

Unter Investmentbankern gilt die Sachsen LB jedenfalls als eine Bank, der man mit dem Versprechen auf hohen Gewinn jeden Schrott verhökern kann. Dabei warnen Finanzexperten eindringlich vor den Milliardenrisiken, die in Form von Kreditpapieren in den Depots der Banken lagern. Der amerikanische Milliardär Warren Buffet spricht gar von "finanziellen Massenvernichtungswaffen". Im sächsischen Landtag fordern Abgeordnete von SPD, Linkspartei und Bündnisgrünen 2007 von Ministerpräsident Milbradt Aufklärung über die Geschäfte der Sachsen LB in Dublin. Milbradt reagiert gereizt: "In den vergangenen Wochen wurde über angeblich unkalkulierbare Risiken im Kreditportfolio der Sachsen LB insbesondere in Dublin spekuliert. Nach allem, was wir wissen, ist diese Aussage unbegründet und geschäftsschädigend."

Finanzkrise

Doch nur wenige Monate später bricht der internationale Markt für Hypothekenkredite tatsächlich zusammen. Es ist der Begin der internationalen Finanzkrise. Die Sachsen LB, die hunderttausende Kredite in ihrem Depot gehortet hat, trifft es als eine der ersten Banken. Sie ist über Nacht zahlungsunfähig. Ein Notfond, in den verschiedene deutsche Banken einzahlen, wird eingerichtet, um die Liquidität der Sachsen LB kurzfristig zu sichern. Ein Kollaps hätte verheerende Auswirkungen auf das gesamte Bankensystem des Landes. Doch die Leipziger Bank ist nicht mehr zu retten. Nur wenige Tage später wird sie für läppische 300 Millionen Euro an die Landesbank Baden-Württemberg verkauft, um sie vor dem sicheren Bankrott zu bewahren.

Die Bilanz der Sachsen LB ist ernüchternd: Inklusive Notverkauf hat sie seit ihrer Gründung insgesamt einen Gewinn von 400 Millionen Euro eingefahren. Auf der Verlustseite stehen gigantische 3,4 Milliarden Euro, von denen der Freistaat Sachsen etwa 1,9 Milliarden Euro übernehmen muss.

Die sächsischen Steuerzahler haften

Für diese 1,9 Milliarden Euro müssen die sächsischen Steuerzahler aufkommen, genauso wie es Georg Milbradt bei Gründung der Bank 2002 erklärt hatte. Bis 2016 zahlen sie, dann erst sind sämtliche Schulden getilgt. "Es ist ja nicht so, dass ein paar reiche Leute Geld verloren haben", konstatiert Wolf Lotter. "Hier geht es darum, dass man Geschäfte mit Menschen gemacht hat, die gar kein Geld hatten. Beteiligt war die gesamte globale Finanzwirtschaft und ganz besonders die staatsnahe Finanzwirtschaft in Deutschland wie etwa die Sachsen LB, die Geschäfte gemacht hat, deren moralische Grundlage verwerflich ist."

Millionenschwere Abfindungen für die Vorstände der Sachsen LB

Von den verantwortlichen Vorständen der Sachsen LB aber wird keiner zur Rechenschaft gezogen. Sie pochen vielmehr auf die Auszahlung ihrer Boni und millionenschweren Abfindungen. Von der sächsischen Staatsregierung werden die Bankmanager, die inzwischen zum Teil Beratungsfirmen gegründet haben, später schließlich sogar noch beauftragt, Licht ins Dunkel ihrer eigenen Kreditgeschäfte zu bringen. Im Frühjahr 2018 ist die Geschichte der Sachsen LB dann endgültig vorbei. Sie wird von der Landesbank Baden-Württemberg still und heimlich aufgelöst.