Poträtfoto von Professor Claudia Kemfert, Wissenschaftlerin am DIW
Bildrechte: Roland Horn

Die Kritikerin Nord Stream – Fluch oder Segen für Europa?

Ökonomisch fragwürdig und überdies politisch heikel – dies gelte nicht nur für das aktuelle, sondern auch für das kommende Pipelineprojekt des Nord Stream-Konsortiums, schätzt die Ökonomin Claudia Kemfert ein.

Poträtfoto von Professor Claudia Kemfert, Wissenschaftlerin am DIW
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Wie würden Sie die Arbeit von Nord Stream 5 Jahre nach Eröffnung der Pipeline bewerten? Hat sich der Bau für Deutschland und für Europa gelohnt?

Rein ökonomisch gesehen hat sich die Pipeline nicht gelohnt: Sie war sehr teuer und nur maximal etwa zehn Prozent des europäischen Gasbedarfs können durch die Pipeline gedeckt werden. Bisher war sie zudem nicht ausgelastet. Es gibt derzeit ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten. Viele Länder, auch in Europa, setzen auf eine Diversifikation ihrer Gasimporte, vor allem durch Flüssiggas (Liquified Natural Gas, LNG), das flexibel per Schiff transportiert werden kann. Nur Deutschland verzichtet auf den Bau eines LNG-Terminals und setzt stattdessen auf die Erweiterung der Nord Stream-Pipeline.

Seit Jahren ist davon die Rede, dass Europa seine Energieversorgung diversifizieren und sich von Russland unabhängiger machen möchte. Wie ist die Nord Stream-Pipeline in diesem Kontext einzuordnen? Ist Europa, ist Deutschland auf russisches Gas angewiesen?

Russland hat weltweit gesehen die größten Gasreserven. Europas Gasbedarf wird tendenziell jedoch eher abnehmen, wenn die Klimaziele umgesetzt werden. Zwar wird Gas in der Übergangszeit sowohl für die Stromerzeugung als auch für die Wärmeherstellung und als Treibstoff in der Mobilität eine Rolle spielen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts wird aber auch Gas durch klimaneutrale Energien ersetzt werden müssen. Nord Stream vermindert die Marktflexibilität und vergrößert die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus Russland, zudem bindet man sich auf Jahrzehnte an vergleichsweise teure Gasimporte. Dies widerspricht den Zielen der Europäischen Energieunion.

Beim Bau der ersten Nord Stream-Pipeline gab es viel Widerstand aus Osteuropa, besonders aus Polen. Man befürchtete, Russland könnte die Leitung zu politischen Zwecken missbrauchen. Waren die Sorgen unbegründet?

Nein, die Sorgen hat ja die gesamte EU. Gerade Polen stellt zu Recht die Frage, warum die Pipeline nicht über Land verlegt wurde, dies wäre deutlich billiger gewesen. Zudem gibt es ja bereits zahlreiche Pipelines, die zum Teil nicht ausgelastet sind. Da es sich nicht um ein ökonomisch effizientes Projekt handelt, spielt die politische Komponente offenbar eine nicht unerhebliche Rolle.

Aktuell ist Nord Stream 2 geplant, der Bau soll bereits 2017 erfolgen. Kann man als wirtschaftlich stärkster Staat Europas in einer derart brisanten außenpolitischen Situation und gegen den Widerstand anderer Mitglieder der Union ein Projekt solcher Größenordnung umsetzen?

Vermutlich kann Deutschland dies durchsetzen. Die Frage ist eher, ob es politisch und ökonomisch klug ist. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist die Pipeline aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht notwendig. Warum sich Deutschland angesichts der derzeitigen Spannungen zwischen der EU und Russland für eine Pipeline einsetzt, die in erster Linie russischen Interessen entgegenkommt, ist vor diesem Hintergrund eher unverständlich.

Braucht Europa überhaupt eine zweite Ostseeleitung? Immerhin wird die Kapazität der ersten bis heute nicht vollständig ausgeschöpft. Wie sinnvoll ist Nord Stream 2?

Ein solch teurer Pipelinebau rechnet sich nur, wenn die Pipeline über viele Jahrzehnte ausgelastet sein wird. Es gibt zahlreiche andere Pipelines, die ebenso zur Deckung des abnehmenden Gasbedarfs in Europa eingesetzt werden können. Zudem wird die Bedeutung von Flüssiggas weiter zunehmen. Die Pipeline ist teuer und widerspricht den Energiezielen der EU. Sowohl ökonomisch als auch politisch ist Nord Stream 2 heikel.

Claudia Kemfert, 1968 geboren, Studium der Wirtschaftswissenschaften in Bielefeld, Oldenburg und Stanford; seit 2004 Leiterin der Abteilung "Energie, Verkehr, Umwelt" am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin und seit 2009 Professorin für Energieökonomie an der Hertie School of Gouvernance Berlin

Zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2016, 09:37 Uhr

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Am 8. November 2011 wurde der erste der beiden Stränge der Nord Stream-Pipeline von hochrangigen Politikern eröffnet. In Lubmin an der deutschen Ostseeküste drehten dafür der damalige französische Premierminister François Fillon, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der niederländische Premierminister Mark Rutte, der Präsident der Russischen Föderation, Dmitrij Medwedew, der EU-Energiekommissar Günther Oettinger und der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, Erwin Sellering, den symbolischen Gashahn auf. Bildrechte: Nord Stream AG