Verkündigungssendung Das Wort zum Tag

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag spricht in dieser Woche Volker Krolzik.

Sonntag, 24.07.2016: "Wer hat, der hat…" oder "Wem viel gegeben worden ist!" (von Pastorin Christine Rösch, Radebeul)

"Wer hat,  der hat"  - Sie kennen die Redewendung? Oder "Was man hat, das hat man!“ Noch besser: „Wer kann, der kann!“ Na, da denke ich mal an Oma, die sprach immer von „selbstherrlichen Mannsbildern." Diese Redewendung ist aus der  Mode gekommen. Mag’s an den heutigen sprachlichen Verkürzungen liegen oder an der Aufzählungsmentalität: mein Haus, mein Job, mein Auto, und das- "meine" Frau! Aber das Thema ist gar nicht männlich besetzt.  Eifersucht und Neid können ziemlich weiblich daher kommen: temperamentvoll, rachsüchtig, heißblütig.

"Wer hat, der hat", hat auch eine Kehrseite: z.B. "Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen." Oder: "Wer die Wahl hat, hat die Qual." Alles sprichwörtlich und deshalb überliefert, weil es für viele gilt. Und von vielen durchlitten wird. Für diese Woche gibt es einen Bibelvers, der sich anschließt: "Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen. Und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." Lk.12,48

Ja, wer hat, der hat…meistens auch viel Verantwortung. Das meint der Vers doch wohl- jedenfalls auf den ersten Blick. Und es geht in der Bibelgeschichte, aus der dieser Vers stammt, auch wirklich um einen Geschäftsmann oder eben auch eine Chefin. In jedem Fall aber jemand, der noch eine Aufsicht über sich hat. Es geht um Zuverlässigkeit, Treue und Loyalität dem ganz großen Chef gegenüber. Auch, wenn er nicht da ist. Auch, wenn noch ganz viel Zeit ist. Auch, wenn ich unbeobachtet bin. Wie steht es um meine Verantwortung? Und wer kann und darf mein Verhalten eigentlich einschätzen? Und nach welchen Kriterien?

Musik: Johannes Nitsch (die Saiten…) Titel 10; Wie soll ein Mensch…0:00-0:46

Als Jesus Beispiele aus der damaligen Geschäftswelt erzählt, fragt Petrus, sein eifrigster Schüler: Wen meinst du? Gilt das nur uns oder allen Menschen? Darauf erklärt Jesus Folgendes: Woran erkennt man denn einen treuen und klugen leitenden Mitarbeiter? Angenommen, der Geschäftsinhaber überträgt ihm einen speziellen Verantwortungsbereich für die ganze Belegschaft. Wenn der Chef nun nach einer Abwesenheit zurück kommt und ihn engagiert bei der Arbeit findet – da hat der leitende Mitarbeiter Glück gehabt und ist ein glücklicher Mann! Also: Er bekommt mehr Verantwortung und eine höhere Position übertragen.

Hätte er aber gedacht: wer weiß, wann der große Chef kommt und hätte seine Arbeit vernachlässigt und mit den Kolleginnen und Kollegen mehrmals blau gemacht, dann sieht es schlecht aus; sehr schlecht bei der unverhofften Rückkehr des Inhabers. Dann ist alles aus, der Job weg und die Existenz gefährdet. Mit so einem Arbeitszeugnis hat er nie wieder eine  Chance auf eine Leitungsposition.

Wer seine Verantwortung kennt und sie wissentlich missbraucht, wird bestraft. Härter als einer, der nicht genau weiß, worum es geht und einen Fehler macht. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel gefordert, und wem viel anvertraut wurde, von dem wird umso mehr verlangt. "  (nach Lk.12, 42-48)

Musik: Johannes Nitsch (die Saiten…) Titel 3; suchen und finden, 1:25-2:01

Wer hat, der hat. So souverän klingt das jetzt gar nicht mehr. Wer zum Beispiel Rechte haben will, muss sich auch an den Pflichten beteiligen. Das hab ich als Kind ganz schnell gelernt. Wer seine Arbeit erledigt hat, kann spielen. Wer fleißig ist, bekommt ein gutes Zeugnis und hat dann genüssliche Ferien. "Erst wird die Ernte eingefahren, dann darfst Du heiraten!“, das hörte mein Vater noch von meinem Großvater, als er um die Hand meiner Mutter anhielt. Also ist nicht nur wichtig, dass man etwas hat, sondern auch der Zusammenhang von wenn-dann. Wenn Du weißt, wie hier gespielt wird, und es nicht tust, dann bist du schnell raus. Wenn ich weiß, was die Eltern verlangen und es nicht tue, gibt’s Ärger. Und wenn ich Ärger und Abmahnungen vermeiden will, dann tue ich lieber das, was mein Arbeitgeber erwartet - oder? Bedingungen erfüllen, um jeden Preis - das macht mir Angst. Auch in dem Bibeltext. Wem viel gegeben ist, von dem wird man viel verlangen. Da höre ich Erwartungen und ein "wenn- dann". Auch ein bisschen "Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe?!"

Musik: Johannes Nitsch (die Saiten…) Titel 10 Wie soll ein Mensch; 0:50-1:20

Ob ich das wohl schaffe, was da verlangt wird? Was hat Gott mir denn schon für eine Aufgabe übertragen? So genau und ganz konkret weiß ich das ja gar nicht! Eine schwierige gedankliche Aufgabe. Wem viel gegeben ist, von dem…Stopp, dachte ich. Und bin ich erst einmal ins Café gegangen und hab mir ein superleckeres Stück Kuchen bestellt: Pfirsich-Maracuja-Mango-Joghurt- Schokostreusel-Torte. Sehr groß, dass ich lange schlemmen und dabei nachdenken kann. Wem viel gegeben ist…na was denn? Kleinigkeiten oder Großartiges, Vermögen oder Begabungen, vielleicht Frömmigkeit? Ach nein, die muss man sich ja lebenslang erarbeiten! Oder schenkt Gott so etwas?

Gibt es eigentlich Menschen, die Gott nicht zur Verantwortung ziehen kann? Für wen sollte dieser Satz noch mal gelten? Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert! Ist hier gemeint: Reichtum verpflichtet? Ab wann muss man abgeben? Dann, wenn ich so viel gekriegt habe, dass die Erbschaftssteuer zuschlägt? Oder wenn man mehr hat, als man im Laufe einer durchschnittlichen Lebenszeit verbrauchen kann?

Ich sehe mich im Café um. Die meisten hier sehen nicht so aus, als hätten sie ein Erbschaftssteuerproblem. Und plötzlich sehe ich interessante und interessierte Menschen. An der Spiegelwand  sitzen eine Oma und die Enkelin nebeneinander. Sie teilen die Aufmerksamkeit und die Lust zuzusehen. Beide haben sich irgendwie fein gemacht: das Kleid der Kleinen und Bluse der Großmutter in herrlichen Weißtönen. Die elegante Bluse ist tatsächlich in "altweiß" und ich muss schmunzeln über meine Entdeckung. Die Kleine trägt gerüschtes Alpinweiß und hat federleichte brünette Locken mit weißen Haarspangen. Ich freu mich plötzlich, dass ich sehen und beobachten kann. Und an den beiden, die schweigsam und konzentriert die 6 Japanerinnen beobachten, die wiederum ihre Baumkuchentortenstücke auf dem Teller bestaunen, dazu Tee trinken und fließend in einer wundersamen Sprache plaudern. Und dabei entzückt die Torte fotografieren. Es ist Luxus für mich, in der eigene Stadt einmal vormittags im Café zu sitzen und zu überlegen, was mir gegeben ist.

Musik: Johannes Nitsch (die Saiten…) Titel 12 Versöhnung; 0:00-0:18

Was mir gegeben ist! Nicht nur: wer hat, der hat! Sondern wem viel gegeben ist, heißt es. Und nun purzeln die „Gegebenheiten“ nur so aus meinem Gedächtnis. Ich trage zwar eine Brille, aber ich habe Augen, mit denen ich sehen kann: sogar viel mehr als die Torte und die Touristen. Ich hab sie bekommen - als eine Gabe auf Zeit. Damit ich hinsehe und zwar nicht nur auf das Elend der Welt. Sondern auch auf den Wirbel der Lichtfunken vom österreichischen Kristallschmuck  im Schaufenster gegenüber. Und auf den Tanz der Schneeflocken im Winter, wenn ich an der Ampel auf grün warte.  Ich habe Augen geliehen bekommen, damit ich ohne Worte Güte und Zuneigung zeigen kann, ein Augenzwinkern und auch mal ein Auge zudrücken, wie Jesus es tat.

Wem viel gegeben ist: ich beispielsweise hab ein Einkommen, das ich auch noch mit einem interessanten Beruf verdienen kann. Wem hab ich das wohl zu verdanken? Jedenfalls nicht nur meinem Kopf oder meinem Fleiß, da bin ich mir sicher. Ich kenne klügere, fleißigere und auch reichere Menschen, die gar nicht mehr sehen können, was sie haben. Und dass mir Glück und Segen trotz mancher schlaflosen Nacht und auch schwermütigen Stunden wieder die Tür in den Tag weit aufmachen, das ist mir unverdient gegeben. 

Wir haben Wohlstand, Frieden und soziale Absicherung in unserem Land. So war das nicht immer und es muss auch nicht so bleiben. Aber für jetzt haben wir es als Leihgabe und Pflicht bekommen. Die Verantwortung den Frieden zu erhalten und sich dafür einzusetzen. Dazu ist uns ein Glaube geschenkt, der uns Mut macht statt Angst. Wir haben es gut, weil wir lernten, dass Nächstenliebe Klarheit braucht. Und dass Barmherzigkeit über jede Arroganz siegen wird. Dazu das Wissen um einen unsichtbaren aber existenten Gott in meiner Nähe. Das gibt mir das Recht, mich nicht angegriffen und verloren zu fühlen.

Wer hat, der hat…und Christen haben dazu noch ein Versprechen auf ein anderes Leben, ein dauerhaftes Wohnrecht im Reich Gottes. Das fordert uns und andere heraus.

Musik: Johannes Nitsch (CD die Saiten) Titel 10 Wie soll ein Mensch; 1:21-1:54

Die junge Regisseurin Ester Amrami hat einen ausgezeichneten Film gemacht: ANDERSWO, heißt er. Er erzählt von Noa, die in Berlin lebt und  sich in einem Schwebezustand zwischen zwei Lebenswelten  zurechtfinden will: in Israel, wo sie geboren wurde und in Deutschland, wo sie schon eine Weile lebt. Der Regisseurin Ester Amrami geht es um Heimatlosigkeit: "…dass du nach langer Zeit nach Hause kommst und dann feststellst, dass du nicht das findest, was du erwartest. Oder vielleicht stellst du fest, dass du dich verändert hast. Heimat ist für mich etwas, das einem fehlt, wenn man es wagt, seine Geborgenheit zu verlassen", sagt sie.

Manchmal findet man wirklich nicht das, was man erwartet. Und bekommt nicht die Leichtigkeit, die man sich so sehr gewünscht hat. Oder die Sicherheit, die ich mit Geld und Rücklagen erhofft hatte. Heimat z.B. kann man nicht kaufen. Sie fehlt, wenn man die Geborgenheit verlassen hat oder verlassen muss. Und wer glücklich in seiner Heimat leben darf, hat daher Pflichten. "…wem viel gegeben worden ist!!!".

Ich finde es gut, dass Gott von uns etwas erwartet. Es ist ihm nicht egal, was wir aus dem anvertrauten Leben machen. Wir sind seine Hände und Füße, wir sollen unbedingt dabei sein, wenn die Welt gestaltet, erneuert, bewahrt und gerettet  wird: von ihm und von uns. Und wie wir Verantwortung übernehmen: temperamentvoll, heißblütig, manchmal mit großer Anstrengung…bis er wiederkommt. Und die Tür der anderen Welt sich öffnet und ein Lichtstrahl der Ewigkeit auf uns fällt: funkelnd wie edle Schmuck-Steine im Sonnenlicht. Wir werden staunen und überrascht sein, wie viel Gott bei uns gesucht und gefunden hat.  

Musik: Johannes Nitsch (die Saiten) Titel 9 Lebensfreude; 0:00-1:11

Christine Rösch

Christine Rösch

Geboren am 28.09.1958 in Gotha | 1977 Abitur | Studium an der Bauhaus-Universität Weimar mit Abschluss als Dipl. Ing. für Gebiets- und Stadtplanung 1983 | danach tätig in der Altstadtsanierung und im Kirchenbau der Stadt Gotha | ab 1992 theologische Ausbildung | 1. und 2. Examen und Ordination | zunächst Pfarrstelle in Seebergen (Kreis Gotha) | ab 2002 Pastorin für allgemeinkirchliche Aufgaben der Landeskirche in der 1. Pfarrstelle des Diakonischen Werkes Thüringen | ab 2014 theologische Referentin im Landesverband der Diakonie Sachsen | wohnhaft in Radebeul

Kurzbiografie Volker Krolzik

Volker Krolzik

1956 in Bielefeld-Bethel geboren | verheiratet, vier erwachsene Kinder | Studium der Diakonie und Sozialen Arbeit in Hamburg sowie der Diakoniewissenschaften in Bethel | Ordination zum Diakon, später zum evangelischen Pfarrer | verschiedene beruflichen Stationen in Westfalen und im Rheinland | 1998 - 2009 Konviktmeister des Rauhen Hauses in Hamburg | Lehraufträge an der Ev. Hochschule Hamburg | seit 2010 Theologischer Vorstand der Stiftung Herrnhuter Diakonie und Geschäftsführer des Christlichen Hospizes Ostsachsen

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag ...

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag ...

... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.