Verkündigungssendung Das Wort zum Tag

Täglich hören Sie das Wort zum Tag. Montags bis freitags gegen 5:45 Uhr und 8:50 Uhr, am Sonnabend gegen 8:50 Uhr, sonntags 7:45 Uhr. Das Wort zum Tag sprechen in dieser Woche Holger Treutmann, Katrin Hutzschenreuter und Stephan Brenner.

Wort zum Sonntag, 23.04.2017

gesprochen von Stephan Brenner

Wo war er denn? - Ich weiß es nicht. Egal. Jedenfalls war der Thomas nicht dabei an jenem Abend als die anderen Jünger von Jesus etwas sehr Eindrückliches erlebten. Nämlich: Jesus kam zu ihnen nach Hause und sprach zu ihnen. Und das, nachdem er am Kreuz gestorben war.

Klar, dass sie dem Thomas begeistert davon berichtet haben, als er schließlich zurückgekommen war: "Wir haben den Herrn gesehen!" Darauf Thomas: "Wenn ich ihn nicht auch sehe, glaube ich das nicht. Ich glaube es nicht, wenn ich nicht mit meiner eigenen Hand die Kreuzigungswunden an seinen Händen und auch seine Seitenwunde berühre."

Und so geht dieser Bibelabschnitt aus dem 20. Kapitel des Johannesevangeliums dann weiter:

Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: "Friede sei mit euch!" Danach spricht er zu Thomas: "Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" Thomas antwortete und sprach zu ihm: "Mein Herr und mein Gott!" Spricht Jesus zu ihm: "Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!"

Über diese ganze Sache würde ich am liebsten mal mit dem Thomas ins Gespräch kommen.

Mit dem Thomas ins Gespräch kommen? Geht leider nicht. Er ist ja kein Zeitgenosse von mir. Er hat vor 2.000 Jahren auf der Erde gelebt.

Dafür habe ich ihm einfach mal einen Brief geschrieben. Der Thomas von damals hat zwar keine aktuelle Postanschrift, geschweige denn eine E-Mail-Adresse. Aber wenn ich den Brief übers Radio vorlese …? Wer weiß, vielleicht hört er ihn ja. Vielleicht hat er ja einen guten Empfang, da, wo er jetzt ist. Und wenn nicht, dann doch Sie - all die anderen Zuhörer, an die ich beim Schreiben mit gedacht habe.

Also der Brief an Thomas, einem der zwölf Jünger von Jesus:

"Lieber Thomas,
kennst du den Spruch: 'Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.'? Jedenfalls bist du zu spät gekommen. Der Besuch des auferstandenen Jesus bei seinen Jüngern war schon vorbei, als du aufgetaucht bist. Dumm gelaufen für dich.
Aber du sollst wissen, dass ich dir das nicht mit Schadenfreude schreibe – eher mit Bedauern. Und du sollst auch wissen, dass ich dich gut verstehen kann.

Nachdem Jesus qualvoll am Kreuz gestorben ist und du bestimmt unendlich traurig warst, berichten sie dir, dass sie ihn gesehen haben. Und zwar nicht als einen Toten, sondern als Lebenden, als vom Tod Auferstandenen.

Da kann ich wirklich gut verstehen, dass du skeptisch warst. Ich kann verstehen, dass du den auferstandenen Jesus auch erstmal mit eigenen Augen sehen wolltest, ihn an seinen Kreuzigungswunden erkennen wolltest, ihn berühren wolltest. Bevor du glaubst, was sie dir da erzählten.

Bestimmt hätte ich an deiner Stelle nicht anderes reagiert.

Wie gesagt, lieber Thomas: Ich kann dich voll verstehen. Und ich denke, viele Leute von heute auch.

Und die, die dich vielleicht so bisschen von oben herab als den "ungläubigen Thomas" bezeichnen, sollten mal überlegen, wie gläubig sie an deiner Stelle damals gewesen wären.

So, das musste ich erstmal schreiben. Nun geht’s aber weiter. Und das ist das Nächste:

Du bist zu beneiden, Thomas.

Ja, du bist zu beneiden, weil deine Bedingung erfüllt wurde. Du bist zu beneiden, weil dich das Leben doch nicht für dein Zuspätkommen bestrafte. Denn nach einer Woche kam der Auferstandene ja wieder. Sogar durch geschlossene Türen. Er erreichte euch, obwohl ihr euch abgeschottet hattet. Und diesmal warst du nicht irgendwo unterwegs. Diesmal warst du dabei, als er kam und euch alle grüßte: 'Friede sei mit euch!' Und dann hat er dich ganz direkt angesprochen, dich dazu ermuntert, seinen verwundeten Körper zu berühren. Nun konntest du ihn sehen und sogar anfassen. Du hast also doch noch den Beweis erhalten. Und es fiel dir bestimmt nicht schwer, seiner Aufforderung zum Glauben, Folge zu leisten. Doch doch, dafür bist du zu beneiden.

Denn für die meisten Menschen gehen Beweis-Wünsche nicht in Erfüllung - gerade wenn es sich um religiöse Dinge handelt. Solche wundersamen, übernatürlichen Zeichen der göttlichen Wirklichkeit sind auf dieser Welt eher selten. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Du solltest dir dessen bewusst sein, dass du erfreulicherweise eine absolute Ausnahmesituation erlebt hast. Sei dankbar dafür, Thomas. Sei dankbar dafür, dass dir dein Wunsch in Erfüllung ging. Und werde nicht überheblich und besserwisserisch gegenüber anderen. Vergiss nicht, dass du den anderen Jüngern gegenüber auch sehr skeptisch warst, als sie dir von ihrer Jesus-Begegnung erzählten. Behalte dir weiterhin ein Verständnis für zweifelnde Menschen." –

Bist du noch da, Thomas? Mein Brief an dich ist noch nicht zu Ende. Ich lese weiter:

"Dein Bekenntnis, dass du Jesus gegenüber ausgesprochen hast, ist im meiner Bibelausgabe fett gedruckt, mit einem Ausrufezeichen dahinter: 'Mein Herr und mein Gott!' Ich denke, das ist auch ganz richtig so. Denn mit diesem Bekenntnis triffst du nichts Geringeres als den Kern des Christentums: 'Mein Herr und mein Gott!'

Dazu muss ich ein klein wenig weiter ausholen:

Wir Christen haben ja bei weitem nicht immer eine Antwort auf die Frage, warum Gott Schlimmes zulässt. Wir haben auch manchen Grund zur Klage. Doch der Kern des Christentums ist, dass Gott selbst im tiefsten, im unverständlichsten Leid mit drin ist. Und dein Bekenntnis zu dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus als Herr und Gott bringt es zum Ausdruck: Der große unermessliche Gott und der von Menschen geschundene und verwundete Jesus gehören zusammen. Sprich: Auch im Leiden und im Kümmerlichen sind wir Menschen nicht gottverlassen. Selbst im Tod nicht. Der lebendige Herr und Gott hat Kreuzigungswunden.

Danke, Thomas, dass du mich mit deinem Bekenntnis an diese zentrale Aussage unseres Glaubens erinnerst.  

Nun komme ich langsam zum Schluss. Doch das will ich dir zuvor schon noch schreiben: 

Du bist nicht im Vorteil, Thomas.

Auch wenn du darum zu beneiden bist, dass du den auferstandenen Jesus gesehen hast, bist du trotzdem nicht automatisch im Vorteil denen gegenüber, die ein solches Erlebnis nicht hatten. Jesus hat es dir gesagt:

'Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!'

Und es ist auch so: Schöne, erfreuliche, innerlich aufbauende Erfahrungen machen wir Menschen oftmals gerade dann, wenn wir nicht erstmal auf einen Gottesbeweis pochen. Ja, so ein bisschen Seligkeit gibt es immer mal wieder mal dort, wo eine Portion Glaube, sprich Gottvertrauen mitschwingt und ich mich dann z. B. einfach mal auf das Gespräch einlasse, dem ich lieber aus dem Weg gehen will. Oder das kritische Wort wage, um das ich mich lieber gedrückt hätte. Oder dem anderen etwas zutraue, statt ihm mit Vorurteilen zu begegnen.

'Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!'

Dieser Satz ist in meiner Bibelausgabe übrigens auch fett gedruckt und mit einem Ausrufezeichen versehen. Und ich meine: zu Recht! Zu Recht übrigens auch deshalb, weil er dank der Botschaft von der Auferstehung Jesu nicht nur für diese irdische Welt gilt, sondern auch darüber hinaus.

Ja, das war’s, was ich dir aufgrund dieses Bibelabschnittes, in dem du eine zentrale Rolle spielst, gern schreiben wollte, Thomas.

Ich fasse nochmal knapp zusammen:

  • Ich kann dich mit deinem Zweifel gut verstehen.
  • Du bist zu beneiden, dass du den auferstandenen Jesus so deutlich sichtbar und berührbar erleben konntest.
  • Dein Bekenntnis zum gekreuzigten und auferstandenen Jesus als Herr und Gott trifft ins Zentrum des Christentums.
  • Zu guten Erfahrungen mit Gott, zur Seligkeit führt eher der Glaube, führt eher das Gottvertrauen, als der Wunsch nach einem großartigen und eindeutigen Gottesbeweis. -    

Ob du meinen Brief jetzt störungsfrei empfangen konntest? Jedenfalls hoffe ich das. Und ich hoffe auch auf dein Verständnis, dass ihn noch einige andere Leute am Radio gehört haben. Vielleicht ist er ja ganz gut bei ihnen angekommen.

So grüße ich dich zusammen mit allen anderen Hörerinnen und Hörern herzlich und wünsche allseits einen gesegneten ersten Sonntag nach Ostern."

Kurzbiografie Stephan Brenner

Stephan Brenner

geboren 1953 in Klingenthal | Elektromonteur | danach theologische Ausbildung in Berlin und Leipzig | 1981-1989 Pfarrer in der Ev.-Luth. St.-Michaeliskirchgemeinde Karl-Marx-Stadt | 1990-1998 Schülerpfarrer in der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens | 1998-2009 Pfarrer in der Ev.-Luth. Dietrich-Bonhoeffer-Kirchgemeinde Chemnitz | seit 2009 Pfarrer im Ev.-Luth. Kirchenbezirk Chemnitz, Arbeitsstelle für Öffentlichkeitsarbeit und Gemeindeaufbau

Katrin Hutzschenreuter

Katrin Hutzschenreuter

geb. 1971 | Berufsausbildung als Metallurge mit Abitur | Ausbildung zur Krankenschwester | tätig bei der Diakonie - Sozialstation Freiberg | Mitglied der Domgemeinde zu Freiberg und Leiterin des Kirchenvorstands

Holger Treutmann

Holger Treutmann

1963 in Springe bei Hannover geboren | verheiratet | 2 Kinder | Studium in Bethel, Göttingen, Berlin | 1989 1. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover | 1989-1993 Pharmareferent bei Astra-Chemicals Wedel/Hamburg | 1993-1995 Vikariat in Bröckel bei Celle | 1995 2. Theologisches Examen in der Evangelisch-Lutherische Landeskirche Hannover | 1995 Wechsel in die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen | 1995-1999 Pfarrer in Eibenberg-Kemtau und Chemnitz-Reichenhain | 1999-2005 Pfarrer in St.-Pauli-Kreuz-Gemeinde Chemnitz | 2006 - Januar 2016 Pfarrer der Frauenkirche in Dresden | Ehrenamtlicher Mitarbeiter der Notfallseelsorge Dresden | seit Februar 2016 Senderbeauftragter der Ev. Kirchen beim MDR und Rundfunkbeauftragter der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Verantwortlich für Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie das Wort zum Tag ...

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... sind die Senderbeauftragten der evangelischen Landeskirchen, der evangelischen Freikirchen bzw. der römisch-katholischen Kirche.