Alexander Schalck-Golodkowski, 1991
Alexander Schalck-Golodkowski 1991 bei einer Talkshow Bildrechte: IMAGO

Leben und Wirken des KoKo-Chefs Wer war Alexander Schalck-Golodkowski?

Bis heute scheiden sich an Alexander Schalck-Golodkowski die Geister: Für die einen ist er der Mann, der mit wirtschaftlichem Sachverstand die DDR retten wollte. Für die anderen bleibt er Honeckers "Devisenbeschaffer". In jedem Fall gehört der "dicke Alex" zu den schillerndsten Persönlichkeiten der DDR-Geschichte. Über Leben und Wirken des legendären KoKo-Chefs (03.07.1932-21.06.2015).

von Dr. Daniel Niemetz

Alexander Schalck-Golodkowski, 1991
Alexander Schalck-Golodkowski 1991 bei einer Talkshow Bildrechte: IMAGO

Er erwirtschaftet für die DDR 28 Milliarden an Devisen, steht als Unterhändler bei westdeutschen Politgrößen hoch im Kurs und handelt mit CSU-Chef Franz-Josef Strauß zwei Milliardenkredite aus. Im Herbst 1989 ist der Staatssekretär im DDR-Außenhandelsministerium Alexander Schalck-Golodkowski sogar für einen Chefposten in der neuen DDR-Regierung im Gespräch. Doch dann machen Berichte über fragwürdige Geschäfte einiger Firmen des von ihm geleiteten Bereichs "Kommerzielle Koordinierung" - kurz KoKo - aus dem Hoffnungsträger einen Buhmann. Aus Angst um sein Leben setzt er sich in der Nacht zum 3. Dezember nach Westberlin ab. Der damals 57-jährige stellt sich den Justizbehörden, wandert freiwillig in Untersuchungshaft und kooperiert mit dem Bundesnachrichtendienst (BND).

"Ick hab' nich beschafft, ick hab' erarbeitet"

Alexander Schalck-Golodkowski, 1992
Schalck-Golodkowski 1992 vor Gericht Bildrechte: IMAGO

Für die Öffentlichkeit ist Schalck fortan der "Devisenbeschaffer", der "Goldfinger Ost", der "Stasi-Mafioso". Der einstige Wirtschaftsfunktionär und MfS-Offizier im besonderen Einsatz (OibE) wehrt sich zeitlebens gegen das Image des zwielichtigen Geschäftemachers. "Ick hab' nich beschafft, ick hab' erarbeitet", sagt er 2000 in einer letzten öffentlichen Äußerung. Im Jahr zuvor wird das letzte von rund 80 Strafermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt. Die Vorwürfe reichen von Untreue, Betrug, Spionage bis hin zu Embargo- und Devisen-Vergehen. Sechs Verfahren werden gegen Schalck angestrengt. Lediglich in zwei Fällen wird er - wegen Verstößen gegen das Militärregierungsgesetz Nr. 53 (Embargo-Vergehen) - zu Haftstrafen von insgesamt 16 Monaten auf Bewährung verurteilt. Es geht um den Import von Nachtsichtgeräten und Jagdwaffen aus der Bunderepublik und den Bezug von Bauteilen für die Mikrochip-Produktion in der DDR.

85 Prozent der Geschäfte international üblich

Auch der Mythos vom zwielichtigen KoKo-Imperium, das mit durchweg zweifelhaften Methoden märchenhafte Reichtümer anhäuft, wird im Laufe der Zeit durch die historishe Forschung entzaubert. Zwar sind einige der KoKo-Firmen in der Tat in fragwürdige Geschäfte verwickelt: Waffen- und Kunstgüterhandel, Häftlingsfreikäufe, Versorgung der Politbüro-Siedlung Wandlitz mit Westwaren. Doch die überwiegende Mehrzahl der Aktivitäten des Bereichs "Kommerzielle Koordinierung" sind ganz normale Außenhandelsgeschäfte. Laut dem Wirtschaftshistoriker Matthias Judt, der das seit 1966 von Schalck aufgebaute rund 180 Firmen umfassende KoKo-Imperium ausgiebig untersucht hat, entsprechen 85 Prozent der Aktivitäten international üblichen Gepflogenheiten. Nicht mit Waffen, Häftlingen, Blutplasma oder Pharmatests erwirtschaftet Schalcks Sonderabteilung in 24 Jahren die Masse der 28 Devisen-Milliarden, sondern vor allem mit Kraft- und Brennstoffen, Lebensmitteln und Baustoffen oder mit der Entsorgung von Westmüll.

Der Milliarden-Deal mit Strauß

Franz Josef Strauß und Schalk-Golodkowski, 1985
Franz Josef Strauß (links) und Schalck-Golodkowski im Jahr 1985 Bildrechte: dpa

Den größten Erfolg seiner Karriere stellen jedoch die beiden Milliardenkredite westdeutscher Großbanken dar, die Schalck 1983 und 1984 gemeinsam mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß einfädelt. Das Geschäft bewahrt die DDR womöglich vor der Zahlungsunfähigkeit. In den darauffolgenden Jahren gewinnt Schalcks Rolle als Unterhändler in den deutsch-deutschen Beziehungen immer größere Bedeutung. In dieser Funktion ist seit Mitte der 80er-Jahre der damalige Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble sein wichtigster Ansprechpartner.

Zwei Untersuchungsausschüsse

DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski 1992 vor dem Untersuchungsausschuss in Bonn.
Schalck-Golodkowski 1992 vor dem Untersuchungsauschuss des Bundestages. Bildrechte: dpa

Die Verbindungen zu Strauß, Schäuble und anderen hochrangigen Politikern und Wirtschaftsvertretern in der Bundesrepublik beschäftigen Anfang der 90er-Jahre jeweils einen Untersuchungsausschuss im Bundestag und im Bayerischen Landtag. Beide Gremien sollen feststellen, ob Schalck bei den ihm damals vorgeworfenen fragwürdigen oder gar strafbaren Aktivitäten Unterstützer im Westen hatte. Für derartige Verbindungen werden allerdings keine Beweise gefunden.

Die Legenden um den "dicken Alex"

Einen Gutteil der Medien interessiert die Bilanz der politischen, juristischen und historischen Aufarbeitung zu KoKo und ihrem schillernden Chef, den seine Mitarbeiter den "dicken Alex" nannten, allerdings wenig. Als Schalck-Golodkowski am 21. Juni 2015 knapp 83-jährig im bayerischen "Exil" am Tegernsee stirbt, leben sie noch einmal auf: die unbewiesenen Legenden von veruntreuten Millionen und verschwundenen Milliarden; von "Bonns bestem Mann im Osten", den der BND gedeckt, den die Justiz verschont und den wichtige Leute in der westdeutschen Politik und Wirtschaft unterstützt haben sollen. Erkenntnisstand und Zeitgeist der frühen 90er-Jahre lassen noch einmal grüßen.

MfS-Oberst und Stasi-Opfer?

Das undatierte Foto zeigt den Haftbefehl für Alexander Schalck-Golodkowski vom 03.12.1989.
Haftbefehl gegen Schalck-Golodkowski vom 3. Dezember 1989 Bildrechte: dpa

Viele der damals verbreiteten pikanten Details über KoKo und Schalck, die Ende November 1989 erstmals in einem "Spiegel"-Artikel zu lesen sind, stammen offenbar von Insidern - auch aus der Stasi. Als KoKo ab Dezember zerschlagen wird und unter öffentliche Kontrolle kommt, sind auch Mitarbeiter der Hauptverwaltung für Aufklärung (HVA) - der Auslandsspionage des MfS - mit von der Partie. Der HVA wird die für die Überwachung der KoKo zuständige Arbeitsgruppe BKK (Bereich Kommerzielle Koordinierung) zugeschlagen. Die HVA-Offiziere haben offenbar ganz eigene Interessen: Für den Wirtschaftshistoriker Matthias Judt ist der Fall Schalck-Golodkowski auch ein "Paradebeispiel" dafür, "wie öffentlichkeitswirksam von Firmen der Hauptverwaltung für Aufklärung des MfS abgelenkt wurde".

Schalck als Buhmann der Nation

Der Skandal um den KoKo-"Erfinder" passt aber hervorragend zu dem Versprechen der neuen DDR-Regierung, mit alten Strukturen aufzuräumen. Schalck, der berlinernde "Macher"-Typ mit Sonnenbrille, der dem Staat jährlich zwei Milliarden an Devisen erwirtschaftete, der seine Anweisungen von Staats- und Parteichef Honecker und vom ZK-Sekretär für Wirtschaft Mittag erhielt, der Oberst des verhassten MfS war und von Stasi-Chef Mielke bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten mit dem Westen gedeckt wurde - und der mit Strauß und Schäuble deutsch-deutsche Politik machte, er war wohl die ideale Buhmann-Besetzung.

Für Schalck war der Fall 2000 klar: "Ick hab' für die DDR gekämpft, und wir haben am Ende verloren."

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Geschichte Mitteldeutschlands - Schalck-Golodkowski und die Pleite der DDR | 24.07.2016 | 21:15 Uhr

Hintergrund

Zeitzeugen über den DDR-Milliardenkredit 1983

Wirtschaftswissenschaftlerin Maria Haendcke-Hoppe-Arndt
Wirtschaftswissenschaftlerin Maria Haendcke-Hoppe-Arndt "Ende 1982 glich die DDR-Wirtschaft einer ausgepressten Zitrone. Es waren keinerlei Reserven mehr sichtbar." Seit 1962 analysierte Maria Haendcke-Hoppe-Arndt im Auftrag der Bundesrepublik die Wirtschaftslage der DDR. Bildrechte: MDR/Peter Adler
Edmund Stoiber, damaliger CSU-Generalsekretär und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei
Edmund Stoiber, damaliger CSU-Generalsekretär und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Edmund Stoiber gehörte Anfang der 1980er-Jahre zum engsten Führungskreis der Unionsparteien. Be einem Spitzengespräch im Bonner Kanlzeramt wird er Zeuge eines Streits zwischen den Rivalen Kohl und Strauß: "Strauß hat deutlich zu verstehen gegeben: Ich mache meine eigene Politik." Bildrechte: MDR/Peter Adler
Maximilian Josef Strauß, der älteste Sohn von Franz Josef Strauß
Maximilian Josef Strauß, der älteste Sohn von Franz Josef Strauß "Josef März würde ich als den besten Freund meines Vaters bezeichnen. Er war ein ganz aufrichtiger Freund, mit dem ihn ein echtes Vertrauensverhältnis verband." - Josef März - "Wurstkönig", CSU-Schatzmeister und DDR-Handelspartner - vermittelte der DDR den Kontakt nach Bayern. Bildrechte: MDR/Peter Adler
Monika Hohlmeier, Tochter von Franz Josef Strauß
Das Gut Spöck bei Rosenheim "war für meinen Vater auch ein Ort, an dem er den Einen oder Anderen getroffen hat, mit dem er nicht öffentlich sprechen wollte, um politische, strategische Ziele verfolgen zu können, ohne sie der Öffentlichkeit preisgeben zu müssen." Bildrechte: MDR/Peter Adler
Wirtschaftswissenschaftlerin Maria Haendcke-Hoppe-Arndt
Wirtschaftswissenschaftlerin Maria Haendcke-Hoppe-Arndt "Ende 1982 glich die DDR-Wirtschaft einer ausgepressten Zitrone. Es waren keinerlei Reserven mehr sichtbar." Seit 1962 analysierte Maria Haendcke-Hoppe-Arndt im Auftrag der Bundesrepublik die Wirtschaftslage der DDR. Bildrechte: MDR/Peter Adler
DDR-Staatssekretär Manfred Domagk
DDR-Staatssekretär Manfred Domagk "Man darf ja nicht vergessen, dass zu dieser Zeit der Kalte Krieg war. Und der spielte sich vornehmlich auf dem Gebiet der Ökonomie ab." - Manfred Domagk war als Staatssekretär für die Preisgestaltung verantwortlich - eine Schlüsselposition der DDR-Wirtschaft. Bildrechte: MDR/Peter Adler
Personen aus "Der Milliardendeal - Strauß und die DDR".
Stefan Wolle, Historiker "Versorgung war ja der Seismograph für die öffentliche Stimmung. Und die wurde 1982/83 sehr, sehr negativ." Bildrechte: MDR/Peter Adler
Alexander Schalck-Golodkowski, DDR-Staatssekretär für Außenhandel
Alexander Schalck-Golodkowski, DDR-Staatssekretär für Außenhandel Er galt als Schattenmann und Strippenzieher: Alexander Schalck-Golodkowski. Auf Gut Spöck in Bayern traf er auf Franz Josef Strauß - ein Treffen der Vertreter zweier Welten. "Franz Josef Strauß war das Hauptfeindbild und er war potentiell ein politischer Gegner der DDR", so Schalck-Golodkowski. "Was ihn aber von vielen anderen unterschied: Er war ein großer Pragmatiker und Realist." Bildrechte: MDR/Peter Adler
Philipp Jenninger, Staatsminister im Bundeskanzleramt (1982-1984)
In Bonn war Philipp Jenninger für die DDR-Kontaktpflege verantwortlich. "Ich habe damals gesagt: Wir erwarten schon Gegenleistungen, wenn wir einen Kredit geben. Schalck hatte damals gesagt, und das hat auch Honecker noch einmal bestätigt: 'Wir werden das tun, was wir uns in eigener Souveränität erlauben können. Aber ihr könnt damit rechnen, dass wir euch in viele Bereichen entgegenkommen werden.' Aber was im Detail - das ist nicht festgelegt worden." Bildrechte: MDR/Peter Adler
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